Leuchten der Augen – Gezi-Soli-Demo

Das Verhältnis zwischen türki­schen und deutschen Menschen ist ein beson­deres, zuletzt wurde das bewusst, als wir mit den Vorbereitungen zum 20.Jahrestag des Brandanschlags von Solingen begonnen haben. Auch die dem Mord folgenden vielfäl­tigen Gegenreaktionen einer türkisch-deutschen Öffentlichkeit rückten dabei wieder in Erinnerung.

Selbstbewußte und kämpfe­ri­sche Soli-Demo in Wuppertal am 03.06.

Mehrere Millionen Menschen mit türki­schen Roots haben in der deutschen Wirklichkeit mehr als nur Spuren hinter­lassen. Kaum jemand, der nicht türkisch­stäm­mige Freunde und Freundinnen, Kolleginnen und Kollegen oder NachbarInnen hat. Und die meisten von denen haben natür­lich nach wie vor persön­liche Beziehungen zu Menschen in der Türkei. Es ist also keine Überraschung, dass Geschehnisse, wie die, die seit inzwi­schen sechs Tagen die Städte in der Türkei erschüt­tern, in Deutschland eine emotio­na­lere Reaktion auslösen als vergleich­bare Aufstände und brutale Staatsgewalt in Ländern, die auch nicht weiter entfernt sind.

Natürlich wird auch in Deutschland die Empörung zunächst von Angehörigen der türki­schen Community getragen, die zahlen­mäßig die seit dem letzten Wochenende täglich in deutschen Städten statt­fin­denden die Kundgebungen dominieren. Dennoch: Das Interesse vor allem der linken deutschen Szene an den Vorgängen in Istanbul, Ankara oder Izmir ist bemer­kens­wert groß, auch wenn bei den Demos die Anzahl von mitde­mons­trie­renden «Kartoffeln» höher sein könnte. Dabei kommen die vielen persön­li­cher Beziehungen diesem Interesse zugute. So liegen seit Freitag, dem 31.05., dem Tag, als der Gezi-Park am Taksim in Istanbul mithilfe von exzes­siver Gewaltanwendung der Polizei geräumt wurde, vielfäl­tige direkte Berichte aus der Türkei vor. Teilweise reicht es aus, nach «nebenan» zu gehen, um die neuesten, am Telefon einlau­fenden Updates aus Istanbul oder Ankara zu erhalten. Und auch die Sprachbarriere ist aufgrund vieler Übersetzungen doppel­spra­chiger türki­scher Freundinnen und Freunde ein kleineres Problem als bei griechi­schen, portu­gie­si­schen, aber auch bei spani­schen Protesten und Prügelorgien der Polizei. So erklärt sich beispiels­weise, dass Hashtags wie #occup­y­gezi oder #diren­ge­zi­park? am letzten Wochenende in der deutschen Twitter-Timeline eine enorme Präsenz hatten.

Dass es vor allem linke Aktivistinnen und Aktivisten sind, die die Informationen aus der Türkei weiter­ver­breiten, ist wenig überra­schend, haben doch gerade sie hinrei­chend eigene Erfahrungen mit Repression und Staatsgewalt; so wie letzten Samstag, parallel zu den Ereignissen in Istanbul, bei den «Blockupy»-Protesten in Frankfurt. Hinzu kommt eine, bis in die neunzehn­hun­dert­acht­ziger Jahre zurück­rei­chende Tradition gemein­samer Kämpfe von deutschen Linken mit exilierten türki­schen Kämpfern und Kämpferinnen, die nach dem Militärputsch des Land verlassen mussten. Zwar sind die Zeiten, in denen deutsche Genossinnen und Genossen zur Unterstützung der Guerilla «in die Berge» gingen, schon eine Weile vorbei, viele der alten Kontakte erleben jedoch in den letzten Tagen so etwas wie eine «Frischzellenkur».

Es wäre aber falsch, die vielfäl­tigen Solidaritäts-Aktionen in Deutschland ledig­lich als linke Veranstaltungen älter gewor­dener Akteure vergan­gener Kämpfe wahrzu­nehmen. Zu vielfältig sind die politi­schen Strömungen in der türki­schen Community, zu jung sind vielfach die Initiatoren und Initiatorinnen der Proteste. Gut zu beobachten war das am letzten Sonntag in Köln, wo es gleich­zeitig zwei Solidaritäts-Kundgebungen für die Proteste in der Türkei gegeben hat: Am Dom eine größere, an der etwa 500 Menschen teilnahmen, und die von einem Meer an türki­schen Nationalfahnen und Aktiven der CHP-Jugend geprägt war; eine kleinere am Rudolfplatz, die ausschließ­lich von linken Gruppierungen getragen wurde. Bei beiden Kundgebungen waren viele sehr junge Leute anwesend, die mit den alten Kämpfen keine persön­li­chen Erinnerungen verbinden und in der Regel seit ihrer Geburt in Deutschland leben. Doch auch gemein­same Demonstrationen finden statt. Wie in Wuppertal einen Tag später, dort demons­trierten mehr als 1.000 Menschen gegen Erdogan und seine Polizei.

Kundgebung der Kemalisten auf der Kölner Domplatte am 02.06.

Kundgebung linker Gruppierungen auf dem Kölner Rudolfplatz am 02.06.

Es war ein selbst­or­ga­ni­sierter Protest, zu dem erst wenige Stunden zuvor durch junge Angehörige der türki­schen Community über «Facebook» aufge­rufen worden war. Bei der Demo fanden sich verschie­denste Akteure der türki­schen Politszene ebenso ein wie offen­sicht­lich unorga­ni­sierte junge Menschen. Und neben den Jungen waren auch viele der Älteren anwesend. Gemeinsam demons­trierten sie mit wenigen deutschen Freundinnen und Freunden aus der autonomen Szene und einiger linker Gruppierungen laut und selbst­be­wußt in der Elberfelder Innenstadt. Wie weit die aktuellen Gemeinsamkeiten dabei gehen können, wurde deutlich als einige wenige kurdi­sche Fahnen in der Demo auftauchten und beinahe direkt neben einigen kemalis­ti­schen türki­schen Fahnen im Wind flatterten.  Die Begegnung, die vor kurzer Zeit beider­seits noch als Provokation empfunden worden wäre, verlief unspek­ta­kulär.

Viele unter­schied­liche Gruppen und auch Fahnen bei der Wuppertaler Demo

Die bestim­mende Parole bei zwei der drei erwähnten Demonstrationen war «Faşizme karşı omuz omuza!» («Schulter an Schulter gegen den Faschismus!»). Doch auch auf der Domplatte, bei der CHP-Kundgebung, war sie zu hören, wie wir aus einiger Distanz hören konnten. Eine Tatsache, die einige deutsche Beobachter etwas verwirrte, wurde sie doch von allen gerufen; auch von jenen, die norma­ler­weise nicht in antifa­schis­ti­schem Kontext bekannt sind. Die irritie­rende Frage drängte sich auf, ob sich etwa auch «Graue Wölfe» derzeit der Losung anschließen würden. Diese Irritation ist für die teilweise (noch) zöger­liche Haltung vieler deutscher Aktivistinnen und Aktivisten aktiv an den Protesten teilzu­nehmen, exempla­risch. Trotz der vielen persön­li­chen Beziehungen geht die Kenntnis türki­scher Politik und politi­scher Symbolik nicht so sehr in die Tiefe, dass überra­schende Wendungen erklärt werden könnten. Geprägt von den teilweise erbit­terten internen Konflikten türki­scher politi­scher Gruppen in den letzten Jahrzehnten, verwirrt die aktuell zu bemer­kende eupho­ri­sche Offenheit, die angesichts der Dynamik des Aufstands in der Türkei offenbar auch die in Deutschland lebenden Menschen mit türki­schen Wurzeln erfasst hat. Obwohl das Potential einer türki­schen «Anti-Erdogan»-Koalition auch schon Ende letzten Jahres zu beobachten war, als anläss­lich Erdogans Staatsbesuchs in Berlin am Pariser Platz bereits vielfäl­tige verschie­dene Gruppen agierten, damals aller­dings noch eher neben- als mitein­ander. Dennoch stellt sich für viele bei jedem neuen Aufruf zu einer Solidaritäts-Kundgebung die Frage, welche Akteure dort angetroffen werden, und ob es sich dabei um die «richtige» Seite handelt. Noch immer ist vielen unklar, mit wem sie es tun haben.

Eine etwas depri­mie­rende Tatsache. Zeigt sie doch, dass sich noch immer viele aus mangelnder Kenntnis in den Verästelungen türki­scher Politik verirren können; auch zwanzig Jahre, nachdem in der deutschen Linken angesichts der verschie­densten türki­schen Akteure, die infolge des Solinger Brandanschlages auf den Straßen der Region agierten, große Konfusion ausge­bro­chen war.

«Schulter an Schulter…» – die bestim­mende Parole

Hinzu kommt die Befürchtung, durch eigene Initiativen den Anschein zu erwecken, die selbst­or­ga­ni­sierte Dynamik der Proteste instru­men­ta­li­sieren zu wollen. Die radikale und autonome deutsche Linke steht deshalb vor dem Problem, einer­seits die erwünschte und benötigte Solidarität zu zeigen, anderer­seits jedoch darauf angewiesen zu sein, in neue infor­melle Strukturen einge­bunden zu werden, um überhaupt mitzu­be­kommen, «was läuft».

Dahinter verbirgt sich der Wunsch, gemeinsam mit der migran­ti­schen Community zu agieren und darauf auch für hiesige Kämpfe der Zukunft eine neue Qualität der Zusammenarbeit zu begründen. Ganz davon abgesehen, dass auch wir gerne etwas von jenem jugend­lich-begeis­terten Leuchten der Augen abbekommen möchten, dass wir in den letzten Tagen in den Gesichtern unserer manchmal schon ergrauten türki­schen Genossinnen und Genossen ausma­chen können.

Für das das Wochenende rufen die Protestierenden in Istanbul am 08. und 09.06. zu zwei «weltweiten» «Days of Action» auf. In der Region gibt es mehrere bislang angekün­digte Kundgebungen. Die sicher­lich größte Manifestation wird für Samstagnachmittag in Oberhausen erwartet, wo vor dem Konzert der revolu­tio­nären Band «Grup Yorum» in der Arena (Beginn 17:00 Uhr), zu dem bis zu 16.000 BesucherInnen erwartet werden, ab dem späten Mittag gemeinsam mit «Grup Yorum» in der Innenstadt demons­triert werden soll. Eine weitere Kundgebung findet am Samstag in Düsseldorf statt, zu der auch dort verschie­dene Gruppen aufge­rufen haben. Die Mobilisierungen zu den Demonstrationen und Kundgebungen erfolgen oft recht kurzfristig. Achtet deshalb auf Nachrichten in den sozialen Netzwerken. Wir werden die Termine über unseren Twitter-Account vermelden, sofern wir davon Kenntnis erhalten. Eine Sammlung von Terminen findet sich auch auf einem öffent­li­chen Pad

Ständig aktua­li­sierte Meldungen aus der Türkei gibt es über einen Ticker bei nadir.org

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