Kobane? Völkermord? Häh?

Irgendwie setzt sich der Eindruck fest, dass kaum wer von den Entwicklungen rund um die kurdi­sche Stadt Kobané Notiz nimmt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass immer noch viele nicht genug wissen um die Nachrichten einordnen zu können – abgesehen davon, dass manche vor antiim­pe­ria­lis­ti­schen Brettern vorm Kopf einfach keine klare Sicht haben (ihr glaubt nicht was für volli­di­ti­o­sche E-Mails mir ins Postfach rauschen…). Wenn ich damit jemandem jetzt Unrecht tue, bitte ich um Entschuldigung.

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Also, kurze Infos zur Lage:

Seit mehreren Tagen (seit dem 15.09.) läuft im «Herzen von Rojava», rund um die 500.000 Einwohner*innen-Stadt Kobane, eine Offensive des IS. Gehört hat mensch hier in der Regel nur von den «Flüchtlingsströmen», die in der letzten Zeit die Grenze zur Türkei überquert haben.

Die Richtung der Flüchtlingsbewegung ergibt sich aus der Tatsache, dass Kobane als Zentrum der Selbstverteidigungskräfte der YPG gleich­zeitig von Westen, Osten und Süden angegriffen wird. So steht den Menschen nur der Nordweg (in Richtung türki­sche Grenze) offen.

Die Kräfte der YPG kämpfen mit Handfeuerwaffen und Kalashnikovs gegen schwere Waffen des IS. Dieser verfügt u.a. angeb­lich über 50 erbeu­tete US-Panzer, mit denen er die Guerilla-Stellungen beschießen. Seit Dienstagabend scheint der Belagerungsring um Kobane so gut wie geschlossen, dier IS soll laut einigen Meldungen bis auf zwei Kilometer an die Stadt heran­ge­rückt sein. Andere Meldungen geben den Bewohner*innen der Stadt (noch etwa 200.000, nicht nur Kurd*innen, auch Araber*innen und Geflüchtete) noch einen Puffer von sechs Kilometern. In jedem Fall scheint der IS mittler­weile 75% der Region zu kontrol­lieren. Die Hilferufe von dort in den sozialen Medien klingen mehr als verzwei­felt. Der IS hat für den Fall der Einnahme der Stadt bereits Massentötungen angekün­digt und führt diese in den schon eroberten Dörfern rund um Kobane an den dort verblie­benen Menschen auch bereits aus.

In den Medien erfährt man vom angekün­digten Völkermord in Kobané so gut wie nichts.
Warum ist das so?

Eine mögliche Antwort ist, dass Kobané das Herz von Rojava ist, und Rojava (der syrische Teil Kurdistans) von linken Kräften verwaltet wird, während die ebenfalls durch den IS gefähr­deten Gebiete im Nordirak, die von Mehsut Barzani regiert werden, mit der NATO und der Türkei engstens zusam­men­ar­beiten. Tatsächlich handelt es sich bei dem weitest­ge­hend basis­de­mo­kra­tisch verwal­teten, multi­eth­ni­schen und multi­re­li­giösen Rojava um eines der wenigen Verwaltungsgebiete weltweit, mit dem staats­ferne Linke Sympathien verbinden können. Sowohl die PYD als auch die PKK haben offiziell das Konzept «Staat» zu den Akten gelegt. Das soll nicht heißen, dass Öcalan jetzt Autonomer ist, aber trotzdem wird das Leben in Rojava eher lokal und dezen­tral organi­siert. Mit diesen Strukturen schafften es die Menschen der Gegend bislang, im syrischen Bürgerkrieg und gegen die radikal-islamis­ti­schen Gruppen stand­zu­halten. Wenn die westli­chen Medien über die drama­ti­sche Lage des Gebietes nichts berichten, liegt das sicher auch im Interesse der Türkei, die ein selbst­ver­wal­tetes, linkes kurdi­sches Projekt Rojava wesent­lich mehr fürchtet als die nordira­ki­sche Autonomieregion unter Barzani, mit der die AKP-Regierung in vielen Bereichen zusam­men­ar­beitet – vor allem auch gegen die PKK.

Bis heute gibt es auch immer wieder Berichte über perso­nelle und logis­ti­sche Unterstützung der Türkei für den «Islamischen Staat». Hinzu kommt, dass die Türkei die Grenze nach Kobané nach Gutdünken schließt und öffnet. Für Flüchtlinge ist sie zwar meist offen, kurdi­sche Kämpfer*innen in Gegenrichtung werden jedoch teils mit Waffengewalt am Grenzübertritt gehin­dert. Manche sprechen auch von einem Deal der Türkei «Geiseln gegen Kobané» (bezüg­lich der vom IS freige­las­senen türki­schen Geiseln).

Es sollen doch Waffen an «die Kurden» gelie­fert werden.
Warum ist deren Lage trotzdem so verzwei­felt?

Weil die Aussage schlicht falsch ist. Waffenlieferungen gab es nur an die Peschmerga, und die Peschmerga sind Barzanis Armee im Nordirak. Während die Guerilla der YPG nach dem Fall Mosuls den Peschmerga von Syrien aus sehr schnell zur Hilfe eilte, ist jetzt aller­dings von einer Unterstützung Rojavas durch die Peschmerga nichts bekannt. Mehr noch: Die Peschmerga haben sich dem Westen gegen­über verpflichtet, gelie­ferte Waffen keines­falls an die PKK oder die YPG weiter­zu­rei­chen. Das versteht die Bundesregierung unter «Zuverlässigkeit». Die YPG Kämpfer*innen haben inzwi­schen nicht einmal mehr Munition für ihre Kalashnikovs.

Die Amis führen doch jetzt Luftschläge aus.
Wird das den «Islamischen Staat» nicht aufhalten?

Nein. Bisher nicht. Die Luftschläge der «Koalition» haben in den letzten Tagen sollten den IS haupt­säch­lich aus Raqqa vertreiben. Das hat bei den IS-Kämpfern eine Bewegung in den Norden Syriens ausge­löst. Und das ist da, wo Kobané liegt. Die Front um Kobané blieb weitge­hend ohne Unterstützung. Insgesamt sind die Operationen für Kobané bisher eher kontra­pro­duktiv. Die «Koalition» bombar­diert lieber Ölfelder, die unter Kontrolle des IS sind, als die Angreifer der Stadt Kobané. Meinungen, nach denen die IS-Milizen ledig­lich versu­chen, sich vor den US-ameri­ka­ni­schen Luftangriffen in der Türkei in Sicherheit zu bringen, erscheinen unsinnig. Die Medien des IS lassen diesen Schluss nicht zu, auch der Belagerungsring um Kobané spricht dagegen. Solche Aussagen sind daher eher den von der vorgeb­li­chen militä­ri­schen Stärke begeis­terten USA-Fans zuzuschreiben.

Ist das also doch imperia­lis­ti­sche Kackscheiße?

Ja klar doch. Ohne einen antiim­pe­ria­lis­ti­schen Ansatz lassen sich die Gesamtentwicklungen in der Region nicht verstehen. Vor allem das Erstarken der IS-Terrorgruppen und deren Rolle im syrischen Bürgerkrieg ist etwas, das auch auf die Kappe der üblichen Verdächtigen geht. Andererseits: Ist die Ursachenforschung derzeit die dring­lichste Aufgabe? Spielt das in dem Moment wirklich eine große Rolle, in dem sich die Dinge ganz offen­sicht­lich verselbst­stän­digt haben und die Auslöschung eines linken Experiments und von zehntau­senden Menschen bevor­zu­stehen scheint? So, wie die Sache aussieht, werden die Kurd*innen den IS wahrschein­lich nur aus Kobane heraus­halten können, wenn sie effektiv unter­stützt werden. Und da wir keine inter­na­tio­nalen Brigaden auf die Füße bekommen, bleiben offen­sicht­lich nur die US-Amerikaner als militä­ri­sche Hoffnung. Bisher verhallten alle Appelle nach Unterstützung ungehört. Wenn die «Imperialisten» nicht helfen, wird das dann eine wahrhaft imperia­lis­ti­sche (Nicht-) Handlung sein, die den türki­schen Mittelmacht-Interessen dient. Alles scheiße kompli­ziert eben.

Was tun?
Mist. Wir können eigent­lich gar nix tun. Nur in Gedanken bei den Menschen in Rojava sein, die um ihr Leben fürchten.

Aber: Interessiert euch! Bildet euch! Haltet euch auf dem Laufenden! Unter dem Hashtag #Kobane bekommt ihr bei Twitter das meiste mit – dort wird auch englisch gepostet, und zwar haupt­säch­lich von kurdi­scher Seite. Die IS-Ärsche und ihre Fans nutzen für den Kampf um Kobané eigene Hashtags.

Weitere Infos:
roarmag.org/2014/09/kobane-rojava-is-turkey
civaka-azad.org/ein-abgekartetes-spiel-mit-der-tuerkei
facebook.com/perspektivekurdistan

P.S. Es ist eigent­lich zusammen mit dem so_ko_wpt eine Infoveranstaltung zu Rojava und zum Kampf gegen ISIL in Vorbereitung. Gedacht war daran, soetwas für Mitte Oktober zu organi­sieren. Derzeit sieht es aber so aus, als käme sie zu spät – traurig aber wahr.

Update (25.09., am Nachmittag):

Nachdem es in der gestrigen Nacht ganz schlimm aussah und die Eroberung Kobanés durch den IS ausge­machte Sache schien, gab es im Laufe des heutigen Tages die erfreu­liche Nachricht, dass die YPG-Kämpfer*innen den von Süden vorge­tra­genen Angriff des IS zunächst zurück­schlagen konnten. Die Angriffe des IS setzen sich den Tag über fort. Dabei soll es in der späten Nacht auch tatsäch­lich zu Unterstützung aus der Luft gekommen sein, laut Pressemitteilung des YPG-Sprechers aller­dings «sehr spät» und auch «nicht ausrei­chend». Während sich die deutsche Verteidigungs-Uschi zusammen mit Barzani in Erbil für die Unterstützung der Peschmerga feiern lässt, fehlen der YPG noch immer schwere Waffen zur Verteidigung. Die Munition wird immer knapper. Die Lage bleibt unver­min­dert drama­tisch.

Peschmerga und im Irak befind­liche PKK-Truppen haben mittler­weile verlauten lassen, dass sie nicht zu Hilfe kommen können, weil ihnen der Weg nach Kobané abgeschnitten ist. Die YPG fordert die Peschmerga verzwei­felt auf, ihr Waffen zur Verfügung zu stellen. Die Aufmerksamkeit in Deutschland wächst langsam. Für Samstag wird zu einer landes­weiten Kundgebung für Kobane/Rojava in Düsseldorf aufge­rufen.

Update (02.10., am Nachmittag): Kobané vor dem Fall

Vor einer Woche konnte noch gehofft werden, dass die Untätigkeit der «Koalition» auf einer mangelnden Kenntnis beruhen könnte. Das ist inzwi­schen Geschichte – die Lage in und um Kobané hat die Weltöffentlichkeit erreicht, die Medien berichten ausführ­lich über die drama­ti­sche Situation. Heute, am 2.Oktober, muss deshalb festge­stellt werden, dass die sich selbst als «freie Welt» titulie­renden Länder taten- und gnadenlos in eben jenen Medien einfach zusehen, wie die Verteidiger*innen einer antipa­tri­a­chalen, multi­eth­nisch und multi­re­li­giösen Gemeinschaft im Dauerbeschuss der Angreifer verbluten.

Die Selbstverteidigungskräfte der YPG haben sieben weitere Tage mit völlig unter­le­genen Mitteln stand­ge­halten. Seit einigen Tagen liegt Kobané unter schwerem Artilleriebeschuss, gegen den sich die Belagerten nur durch Selbstmordkommandos wehren können, die einzelne Panzer der IS-Milizen ausschalten. Die immer wieder herbei­ge­re­deten Luftschläge der «Koalition» gegen den IS haben zu keiner Zeit wirklich statt­ge­funden. Auch eine Bewaffnung der kurdi­schen Verteidiger*innen gab es nicht. Lediglich eine einzelne moderne «Milan»-Panzerabwehrwaffe konnte offenbar in die Stadt gebracht werden. Seit gestern versucht die YPG die Zivilisten aus der Stadt in Sicherheit zu bringen, nachdem das letzte Dorf vor Kobané in die Hand des IS gefallen ist. Berichten zufolge sollen 80% der zivilen Bevölkerung rausge­kommen sein und nun in der Geröllwüste vor der türki­schen Grenze auf eine Einreiseerlaubnis in die Türkei warten. Die in der Stadt verblie­benen Kämpfer*innen bereiten sich auf einen Straßenkampf «bis zur letzten Kugel» vor. Seit 14:00 Uhr werden Meldungen verbreitet, Kobané sei gefallen. Sie sind noch unbestä­tigt.

Die Türkei hat in den letzten Tagen massiv Truppen und Panzer an die syrische Grenze bei Kobané verlegt. Heute soll das türki­sche Parlament über den Einsatz von Bodentruppen entscheiden, die in Rojava entlang der Grenze eine «Pufferzone» errichten sollen. Wie nicht anders zu erwarten, wird dies erst geschehen, wenn die kurdi­sche Selbstverteidigung aufge­rieben wurde. Um diesen Prozess zu beschleu­nigen, hat die Türkei spätes­tens gestern ihre Grenze für IS-Kämpfer geöffnet, die von der Türkei aus nach Kobane wollen. Unterdessen hat der inhaf­tierte PKK-Führer Abdullah Öcalan verlauten lassen, dass der Friedensprozess zwischen der türki­schen Regierung und der PKK definitiv beendet sei, wenn in Kobané ein Massaker geschehe. Im kurdi­schen Amed kam es aus Solidarität mit den Belagerten in Rojava heute zu einem Generalstreik, der von Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und «Sicherheitskräften» überschattet wurde.

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Bericht aus Süd-Kurdistan: Nach dem Fall von Mossul

Eine Freundin von uns befindet sich zur Zeit in Süd-Kurdistan, also im nördli­chen Irak, nur wenige Kilometer von Mossul entfernt. Die Millionenstadt Mossul wurde vor einigen Tagen von den radikal-islamis­ti­schen Milizen der «ISIL» («Islamischer Staat im Irak und der Levante») besetzt. Während die Situation im Irak nach anfäng­li­cher Schockstarre der Medien inzwi­schen in den Top-Nachrichten und Sondersendungen angekommen ist, gibt es zur Lage in der autonomen kurdi­schen Region kaum Berichte. Dabei spitzt es sich auch in den kurdi­schen Gebieten insge­samt weiter zu. Wir haben uns daher entschlossen, aus den verschie­denen E-Mails unserer Freundin einen Bericht zusam­men­zu­stellen.

Nachdem die nahge­le­gene Millionenstadt Mossul in die Hand der radikal-islamis­ti­schen «ISIL» (ISIS) gefallen ist,  ist die Situation in der gesamten Region extrem gefähr­lich. Durch den flucht­ar­tigen Rückzug der iraki­schen Armee aus Mossul hat der Terror der islamis­ti­schen Kämpfer nun auch den Norden des Irak und die Grenze zur bislang einiger­maßen stabilen Region des autonomen kurdi­schen Gebietes erreicht. Letzteres ist das Ziel zehntau­sender – die Medien sprechen von bis zu 500.000 – auf der Flucht befind­li­cher Menschen. Entgegen den Beteuerungen der «ISIL» fallen immer wieder auch Zivilisten den Terrorgruppen zum Opfer. Deren Ankündigung, die Menschen hätten «nichts zu befürchten, solange sie nicht Schiiten» seien, spricht nicht nur für einen unglaub­li­chen Zynismus, sondern auch für eine menschen­ver­ach­tende Ideologie. Ihre Bereitschaft zur brutalen Ermordung Unbewaffneter haben sie schon seit geraumer Zeit im benach­barten kurdi­schen Gebiet des bürger­kriegs­er­schüt­terten Syrien («Rojava») unter Beweis gestellt. Immer wieder kam es in Rojava zu fürch­ter­li­chen Massakern an der kurdi­schen Zivilbevölkerung durch ISIS-Millizen. Die Mörder der ISIL/ISIS kommen auch aus Europa und Deutschland. Die Rekrutierungen laufen über soziale Netzwerke im Internet und bei regel­mä­ßigen Veranstaltungen. Unsere Freundin stellte beim Betrachten der Bilder von der Besetzung Mossuls fest, dass ihr die Fahne der Islamisten erst kürzlich begegnet ist: Die Security des islamis­ti­schen Predigers Pierre Vogel trug bei seinem Auftritt in Wuppertal das gleiche Logo auf ihren Shirts.

Die Verteidigung der kurdi­schen Bevölkerung in Syrien musste dabei alleine von den Guerillas der YPG geleistet werden. Sie sind die Selbstschutzeinheiten der kurdi­schen Gebiete in Syrien. Die Peschmerga, die Streitkräfte des autonomen kurdi­schen Gebietes im Irak, hatten hingegen in der Vergangenheit versucht, sich möglichst aus den Konflikten in der Region heraus­zu­halten. Jetzt – nach der Flucht der regulären iraki­schen Armee – stellen die Peschmerga die einzige Schutzmacht für die Zivilbevölkerung des nördli­chen Irak dar. Ungeachtet tradi­tio­neller Konflikte zwischen arabi­scher und kurdi­scher Bevölkerung des Nordirak versu­chen auch viele arabisch­stäm­mige Flüchtlinge die Region um Arbil und Dohuk zu errei­chen. Nachdem sie anfäng­lich die Grenze noch passieren konnten und größten­teils bei Familien und privat unter­ge­bracht wurden, haben die Peschmerga inzwi­schen begonnen die herein­strö­menden Menschen aus Furcht vor einsi­ckernden Islamisten zu kontrol­lieren. Die Folge sind lange Schlangen Wartender an der Grenze zwischen Irak und Süd-Kurdistan. Ein Teil der Geflüchteten lebt jetzt in hastig errich­teten Zeltlagern. Viele mussten die knapp 100 Kilometer zwischen Mossul und Süd-Kurdistan zu Fuß zurück­legen, weil ihnen verboten wurde, ihre Autos mitzu­nehmen, oft haben sie wenig mehr mitnehmen können, als das, was sie gerade dabei hatten als die Milizen der ISIL in die Stadt kamen.

UNHCR-Übersicht der Flüchtlingsströme im Irak

UNHCR-Übersicht der Flüchtlingsströme im Irak

Die sich bislang blockie­renden Verhältnisse auf kurdi­scher Seite – so ließ der Präsident der autonomen kurdi­schen Region im Irak, Masud Barzani von der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP), in der Vergangenheit auch schon die Grenze zu Rojava für Flüchtlinge aus Syrien schließen – geraten jedoch in Bewegung. Die Rivalitäten zwischen der Autonomieregierung und den Strukturen in Rojava, die der kurdi­schen Arbeiterpartei PKK nahestehen sollen, treten angesichts der Lage in den Hintergrund. Nachdem unsere Freundin am Dienstag (10.06.) noch berich­tete, ein Angebot der YPG an die Peschmerga zur gemein­samen Verteidigung gegen die Islamisten sei ohne Antwort aus Süd-Kurdistan verblieben, wurde einen Tag später von der kurdi­schen Guerilla, die über bis zu 40.000 KämpferInnen verfügen soll, verlaut­bart, dass sie ab sofort zusammen mit den Peschmerga koordi­niert die Verteidigung der kurdi­schen Bevölkerung in ganz Kurdistan übernommen haben. Das wurde wenig später auch in den Nachrichtensendungen Süd-Kurdistans offiziell bestä­tigt.

Die Überwindung der starken Rivalität zwischen der KDP Masud Barzanis und der PKK-nahen Guerilla YPG ist aufgrund der für Süd-Kurdistan drama­ti­schen Lage wichtig. Auch wenn es dort noch nicht zu direkten Kampfhandlungen gekommen ist, stellt der Fall Mossuls ein ernstes Problem dar. Die gesamte Versorgung der Region ist von Wegen abhängig, die über Mossul führen und die deshalb die Hauptschlagader des autonomen kurdi­schen Gebietes sind. So berich­tete unsere Freundin schon am Montag von ersten Engpässen in der Benzinversorgung, die kurz darauf tatsäch­lich zusam­men­brach. Tausende Menschen befanden sich am Dienstag auf der vergeb­li­chen Suche nach Treibstoff. Eingezwängt zwischen dem zuneh­mend umkämpften Mossul und der Türkei, sitzen die Menschen Süd-Kurdistans in einer Art Falle, denn über die Situation an der Grenze zur Türkei gibt es wider­sprüch­liche Meldungen. Einmal heißt es, die Grenze sei in beide Richtungen geschlossen, ein anderes Mal wird das bestritten. Auch Berichte über erste Gefechte an der Grenze ließen sich von Süd-Kurdistan aus nicht bestä­tigen. Eine koordi­nierte kurdi­sche Aktion und ein Versuch, die Versorgungswege nach Süden freizu­kämpfen scheint jeden­falls dringend notwendig. Erste Erfolge zeichnen sich ab, die Stadt Kirkuk soll inzwi­schen unter kurdi­scher Kontrolle stehen, es gibt aller­dings auch erste ernst­hafte Verluste bei den Peschmerga. Die Versorgungslage der Bevölkerung hat sich mittler­weile offenbar auch wieder etwas stabi­li­siert. In einer der letzten E-Mails aus der Region hieß es, dass zumin­dest Benzin wieder zu bekommen ist. Für die flüch­tende Bevölkerung in den Auffanglagern spitzt sich die Lage jedoch, trotz einset­zender inter­na­tio­naler Unterstützung, täglich weiter zu.

Auch über die Möglichkeit eines militä­ri­schen Eingreifens der Türkei wird in Süd-Kurdistan zuneh­mend speku­liert, nachdem die Islamisten türki­sche Staatsangehörige als Geiseln genommen haben. Was ein solches Eingreifen für das autonome kurdi­sche Gebiet im Nordirak und den kurdi­schen Abwehrkampf in Rojava bedeu­tete, ist nur sehr schwer einzu­schätzen. Denn trotz einer in der Vergangenheit teils erstaun­li­chen wirtschaft­li­chen Zusammenarbeit Barzanis mit Erdogans AKP-Regierung gibt es ein tiefsit­zendes Mißtrauen. Auf kurdi­scher Seite ist dies nicht zuletzt in einer bis vor kurzem fortge­setzten türki­schen Unterstützung für die islamis­ti­schen Gruppen in Syrien begründet, einige sehen hinter der Entwicklung im Irak sogar einen türki­schen Masterplan am Werk. Die Türkei wiederum fürchtet eine weitere kurdi­sche Autonomie an ihrer Grenze. Die jetzt bekannt­ge­wor­dene Zusammenarbeit von Peschmerga und YPG wird türki­sche Nationalisten auf den Plan rufen.

Die sich überschla­genden Ereignisse fallen in eine Zeit, in der die Entwicklung in der Region und in Kurdistan ohnehin an einen kriti­schen Punkt gelangt war –  nur wenige Tage, nachdem der Waffenstillstand zwischen der türki­schen Regierung und der PKK ernst­lich infra­ge­ge­stellt wurde. Nachdem bei fried­li­chen Massenprotesten gegen die Errichtung neuer Militärstützpunkte in Kurdistan in Lice mehrere Demonstrierende durch das türki­sche Militär getötet worden waren, schien der «Friedensprozess» an ein Ende gelangt. Zunächst sah es zwar danach aus, dass der im Gefängnis auf der Insel Imrali einsit­zende Führer der PKK, Abdullah Öcalan, die von der PKK-Leitung verkün­dete Mobilisierung der KämpferInnen bei einem Gespräch mit kurdi­schen Politikern mit einem Machtwort gestoppt habe. Doch nur einen Tag später gab es Gerüchte, dass dem Statement von Öcalan «draußen» nicht mehr geglaubt wird. Stattdessen sollen direkte Gespräche zwischen PKK-Führung und Öcalan gefor­dert worden sein – ohne die Vermittlung durch die kurdi­schen Parteien HDP und BDP. Bis zu solchen Gesprächen soll der Waffenstillstand nicht mehr gelten. Neben der kriege­ri­schen Zuspitzung im Irak und dem fortge­setzten grausamen Krieg in Syrien droht also auch in der Türkei selber wieder eine militä­ri­sche Auseinandersetzung zwischen türki­scher Regierung und PKK. Ganz Kurdistan befindet sich also in einer explo­siven Situation.

Bei alldem ist die Lage in den südkur­di­schen Städten derzeit fast surreal fried­lich – trotz der zuvor geschil­derten Probleme. Unsere Freundin schreibt von einem für sie nur schwer nachvoll­zieh­baren Vertrauen auf die Stärke der Peschmerga und in die Regionalregierung. Uns bleibt für sie und die betrof­fenen Menschen in Kurdistan erstmal nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass dieses Vertrauen gerecht­fer­tigt ist.

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