Rostock II: Interview zur Demo 20 Jahre Lichtenhagen

Am Wochenende ist nicht nur das bundes­weite Antifacamp in Dortmund ein antifa­schis­ti­scher Kristallisationspunkt, sondern auch die ebenfalls bundes­weite Demo in Rostock-Lichtenhagen anläss­lich des zwanzigsten Jahrestages der rassis­ti­schen Ausschreitungen gegen die BewohnerInnen des Lichtenhagener «Sonnenblumenhauses». Kombinat Fortschritt aus Rostock hat vor diesem Hintergrund ein Gespräch mit den Sprecher_innen desVor­be­rei­tungs­kreises geführt.

(Quelle: indymedia.org)

Kombinat Fortschritt: Euer Bündnis mobili­siert für den 25. August zu einer Demonstration zum «Sonnenblumenhaus» in Rostock Lichtenhagen, dem Tatort von 1992. Könnt ihr zunächst mal kurz einen Überblick geben wer das Ganze organi­siert?

Claudia: Ja, die Demonstration wird von linken Gruppen und Verbänden aus Rostock und aus dem Bundesgebiet vorbe­reitet. Mit dabei sind die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Antifa-Gruppen aus vielen Städten, die Ver.di-Jugend, das umsGanze!-Bündnis und Gruppen der Interventionistischen Linken, die Initiative ‹Rassismus tötet›, aber auch Solid und die Jusos Berlin.

Jochen: Unser Bündnis ist also relativ breit, und unsere Unterstützer_innenliste wächst täglich. Es werden viele Flüchtlingsinitiativen zur Demo kommen. Übrigens: Unmittelbar nach der Demonstration wird es am «Sonnenblumenhaus» ein linkes Konzert geben, mit Frittenbude, dem Berlin Boom Orchestra, Feinesahnefischfilet und Kobito.

KF: Warum mobili­siert ihr bundes­weit nach Rostock, was ist das Besondere an diesem Pogrom? Es gab Anfang der 90er Jahre ja eine ganze Serie rassis­ti­scher Anschläge, zum Beispiel das Pogrom von Hoyerswerda 1991 oder den Mordanschlag von Solingen 1993, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen.

Jochen: Insgesamt haben Nazis und Rassisten in diesen Jahren 17 Menschen ermordet und mehr als 450 zum Teil schwer verletzt. Ermutigt wurden sie durch eine monate­lange Hetzkampagne in Politik und Medien, in der rassis­ti­sche Kampfbegriffen ganz selbst­ver­ständ­lich waren: «Überfremdung», «Scheinasylant», «Das Boot ist voll» usw. Doch das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen sticht heraus, und das nicht nur wegen der tagelangen Übergriffe vor laufenden Kameras. Die Bilder aus Rostock wurden politisch ausge­schlachtet und führten zur Abschaffung des Grundrechts auf Asyl.

Claudia: Man kann hier wirklich einmal von einer Komplizenschaft von Mob und Elitesprechen. Nach Rostock-Lichtenhagen rief Bundeskanzler Kohl den «Staatsnotstand» aus – nicht wegen des Pogroms, sondern wegen der angeb­lich unerträg­li­chen «Asylantenflut». Nach Rostock-Lichtenhagen ist die SPD einge­knickt und hat der Grundgesetzänderung zugestimmt. Erst als die in trockenen Tüchern war gab’s die ganzen Lichterketten gegen Rassismus. Seither fährt die Berliner Republik zweigleisig: man ist «für Demokratie und Toleranz» und «gegen Rechts»; man schiebt aber auch gnadenlos ab, sortiert und drang­sa­liert Menschen nach Nützlichkeit und Herkunft.

KF: Was sind die Ziele eurer Demo, was wollt ihr vermit­teln?

Jochen: Wir wollen nicht einfach «erinnern und mahnen», wir wollen die Zusammenhänge von Rassismus und politi­schem Alltag deutlich machen. In Deutschland ist Erinnern zu einer Art Volkssport geworden, mit dem man sich selbst ein reines Gewissen sichert. Natürlich ist es gut, gegen Rassismus auf die Straße zu gehen oder Naziaufmärsche zu blockieren. Aber menschen­feind­liche Ideologien sind keine Randphänomene. Sie entspringen der Logik einer Gesellschaft, in der Menschen ständig um Lebenschancen konkur­rieren müssen. Kapitalistische Auslese ist gnadenlos. Um so schärfer wird gestritten, wer zu «uns», zur Nation dazuge­hört – zu denen die im Zweifelsfall privi­le­giert werden, die das Sagen haben.

Claudia: Das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht wurde seit Rostock-Lichtenhagen zwar refor­miert. Doch damit haben Rassismus und Sozialchauvinismus nicht aufge­hört, im Gegenteil. Man muss nur an die antimus­li­mi­schen Reflexe der sogenannten Integrationsdebatte denken, oder an die rassis­ti­schen Bilder vom «faulen Pleitegriechen». Kaum jemand wendet sich gegen den alltäg­liche Rassismus von Polizei und Ausländerbehörden. Und das europäi­sche Grenz- und Abschieberegime produ­ziert Jahr für Jahr ungestört tausende Tote.

KF: Für den Vormittag des 25.8. plant ihr - quasi vor der Demo - auch noch eine Kundgebung auf dem Neuen Markt am Rostocker Rathaus. Worum wird es dabei gehen?

Claudia: Zum einen wollen wir mit der Kundgebung im Stadtzentrum unter­strei­chen, dass Rassismus – wie gesagt – in der Mitte der Gesellschaft wurzelt, und nicht nur in Plattenbausiedlungen. Zum anderen wollen wir an einen Eklat von 1992 erinnern und ein kriti­sches Gedenkzeichen durch­setzen. Einige Wochen nach dem Pogrom hatte eine aus Frankreich angereiste Delegation der ‹Söhne und Töchter der depor­tierten Juden Frankreichs› um Beate Klarsfeld am Rostocker Rathaus eine Gedenktafel angebracht. Die Inschrift erinnerte an die «rassis­ti­schen Gewalttaten» der Gegenwart, aber auch an die Deportation und Ermordung von Juden und Sinti und Roma während des Nationalsozialismus. Damit hatten sie offenbar einen Nerv getroffen. Die Behörden ließen alle betei­ligten festnehmen, drei wurden inhaf­tiert, die Tafel wurde entfernt. Wir wollen einmal sehen, wie sich Rostock heute zu dieser Episode stellt.

KF: Im Vorfeld gab es einige Kritik an euer Demonstration. Es hieß ihr würdet Anwohner_innen pauschal als Rassisten abstem­peln und den Jahrestag für eigene politi­sche Zwecke missbrau­chen. Wie reagiert ihr auf diese Kritik?

Jochen: Es ist immer wieder erstaun­lich, wie reflex­haft sich die gute Gesellschaft gegen Vorwürfe verwahrt die niemand erhoben hat, und wie sehr sie um ihr Ansehen besorgt ist. Man könnte fast denken da hätte jemand schlechtes Gewissen. Während der Pogrome 1992 sorgten sich alle um das «Ansehen Deutschlands». Antifaschisten, die sich den Nazis in den Weg stellten, wurden von der Polizei angegriffen und festge­nommen, in der Presse wurden sie als «Krawallmacher» denun­ziert. Und heute? Außenminister Westerwelle fand die Mordserie des NSU «vor allem sehr, sehr schlimm für das Ansehen Deutschlands in der Welt». Der Unterschied: Mittlerweile denken alle sie hätten ihre Lektion gelernt. Darauf wird auch die Rede von Bundespräsident Gauck am 26.8. hinaus­laufen. Eines ehema­ligen Rostocker Pfarrers übrigens, von dem während des Pogroms Nullkommanichts zu hören war.

Claudia: Unsere Demonstration erinnert daran, dass es mit oberfläch­li­chem Humanismusnicht getan ist, dass man die gesell­schaft­li­chen Ursachen des Rassismus bekämpfen muss. Mit dieser Position ernten wir auch viel Zuspruch. Wer sich konse­quent gegen Rassismus stellen will, ist auf unserer Demonstration richtig.

KF: Lasst uns mal den Blick nach vorn richten. Was wollt ihr mit der Demonstration in Rostock konkret errei­chen?

Jochen: Wir wünschen uns natür­lich, dass wir auch skepti­sche Rostocker_innen überzeugen, und dass wir so mehr Unterstützung und größere Spielräume für antiras­si­ti­sche Politik schaffen können. Wir wissen aber auch, dass es im Zweifelsfall auf die Entschlossenheit von Antifaschist_innen ankommt.Deshalb hoffen wir, dass die bundes­weite Mobilisierung auch ein Impuls für die Antifa-Szene vor Ort ist. In Rostock gibt es keine rechte Dominanz wie in anderen ostdeut­schen Städten.Aber auf diesem Erfolg dürfen wir uns nicht ausruhen.

Claudia: Außerdem wollen wir denen den Rücken stärken, die unter deutschem Ausländerrecht diskri­mi­niert werden, die in den Mühlen der deutschen Ausländer- und Asylbehörden syste­ma­tisch ernied­rigt und entrechtet werden. Gerade organi­sieren sich Flüchtlinge gegen das Regime der Residenzpflicht und der Lagerunterbringung, mit «Flüchtlingsstreiks» in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Berlin. Dieser Protest ist überfällig, und wir wollen ihn nach Kräften unter­stützen.

KF: Zum Schluss noch mal zu ein paar ganz prakti­schen Dingen: Rostock liegt ja eher im äußeren Nordosten, nicht gerade günstig für eine bundes­weite Mobilisierung. Ihr habt für Leute von außer­halb einiges organi­siert. Was ist eure Infrastruktur für den Tag?

Claudia: Zunächst mal haben unsere Bündnisgruppen aus vielen Städten Busanreisenorganisiert. Es kommen Busse aus Köln, Frankfurt, Leipzig, Göttingen und vielen anderen Städten. Aus Berlin, Kiel und Hamburg gibt es eine gemein­same Zuganreise. Alle Infos dazu auf unserer Homepage. Dort gibt es demnächst auch alle Infos zur Demo, mit Karten und Telefonnummern etc. Wer das Konzert entspannt mitnehmen will oder am 26.8. in Rostock noch etwas vorhat, kann sich für eine Übernachtung an die Pennplatzbörse wenden. Einfach eine eMail an pennplatz_rostock@systemausfall.org, und Schlafsack nicht vergessen. Alles weitere ergibt sich.

weitere Infos: www.lichtenhagen.net

Bundesweite Demo im Gedenken an Pogrome von Lichtenhagen
Samstag 25.08.2012 | 11 Uhr, Kundgebung | Rostock-Stadtzentrum
Samstag 25.08.2012 | 14 Uhr, Demo | S-Bhf. Rostock Lütten Klein

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Rostock I: Antifa während der Pogrome 1992

Der Artikel »(Nicht-)Reaktionen der autonomen Antifa-Bewegung« für die aktuelle Ausgabe (No.95) des AIB beleuchtet die Situation der autonomen Antifas im August 1992 während der Pogrome in Rostock. Der Text zeigt auf, dass die Polizei durchaus in Lage war, gegen große Ansammlungen von Menschen vorzu­gehen – nur vornehm­lich gegen Linke.

Die komplette Ausgabe gibt es: [hier]

antifa Rostock in Lichtenhagen im Sommer 2012

(Nicht-)Reaktionen der autonomen Antifa-Bewegung

Wie die Polizei und die Öffentlichkeit in Rostock und darüber hinaus, wussten auch Antifas schon früh, dass am Wochenende etwas passieren würde. So hatte es beispiels­weise bereits am 18. August Drohanrufe bei Zeitungen gegeben, die Angriffe auf die ZASt ankün­digten. Antifaschist_innen aus Rostock baten daher schon früh verschie­dene Städte um Hilfe, um in den erwar­teten Zusammenstößen nicht allein dazustehen.

Direkte Interventionen

Zentrale Treffpunkte für anrei­sende Antifas wurden das Jugend Alternativ Zentrum (JAZ) und die zu diesem Zeitpunkt etwa acht besetzten Häuser in der Stadt.

Die dort Versammelten waren sich jedoch uneinig, wie vorzu­gehen sei. Verlangten einige eine sofor­tige und direkte Intervention, warnten andere davor, dass dies angesichts der Kräfteverhältnisse zu gefähr­lich sei. Trotz dieser Unschlüssigkeit wurde mehrmals versucht, aktiv zu werden.

So gelang es z.B. einer Spontandemonstration in der Nacht auf Sonntag den 23. August vor die ZASt zu laufen und die noch anwesenden Neonazis zu vertreiben.1

Doch dies blieb nur ein kurzes Aufflackern effek­tiver Gegenwehr. Obwohl die in Rostock nur schwach aufge­stellte Polizei Dutzende Verletzte durch den rechten Mob verzeich­nete, ging sie rigoros gegen die sich sammelnden Antifaschist_innen vor. Viele Teilnehmer_innen der Spontandemonstration wurden festge­nommen. In den Medien war daraufhin teilweise die Rede von rechten wie linken »Krawallmachern«.2

Auch noch Tage später wurde gegen Linke, die in Polizei-Kontrollen gerieten, weit härter vorge­gangen als gegen Neonazis: Eine Gruppe von Berliner Antifas, die mit drei Autos in der Nacht auf den 26. August in Rostock Patrouille fuhren, um weitere Übergriffe angesichts der völlig untätigen Polizei zu verhin­dern, wurde nach einer Kontrolle festge­nommen. Diese sperrte sie für zwei Tage in eine zu einem Gefängnis umfunk­tio­nierte Turnhalle, zusammen mit 35 Neonazis. »In der Halle befand sich immer eine etwa gleich­große bis etwas größere Gruppe von Faschisten, die aber heterogen wirkte. Provokationen wurden beant­wortet« beschrieb die Gruppe die Atmosphäre.3 Während von den verhaf­teten Neonazis alle bis auf einen, der einen Polizisten mit einem Messer angegriffen hatte, schnell wieder entlassen wurden, bekamen die Antifas Anzeigen wegen schwerem Landfriedensbruch. Sieben blieben in Untersuchungshaft.

Dennoch gelang es im Laufe des Wochenendes verschie­denen kleineren Gruppen von Antifas, sich in der Nähe der ZASt aufzu­halten, um bei günstiger Gelegenheit zu handeln: »Wir haben am 23.8. während des Pogroms in Rostock den von Rechtsradikalen genutzten Jugendclub »MAX« in Rostock-Lichtenhagen abgefa­ckelt« bekannte sich so z.B. nachträg­lich eine Antifa-Gruppe. »Trotz der Anwesenheit von Hunderten von Neofaschisten, des rassis­ti­schen Mobs und etlicher Bullen war die Durchführung der Aktion problemlos, da wir in dem Gewühl nicht auffielen. […] Wir sehen weder für uns noch für alle anderen AntifaschistInnen einen Grund, sich deshalb auf die eigenen Schultern zu klopfen«4 bemerkten die Verfasser_innen selbst­kri­tisch zum Abschluss.

Andere Antifas gingen direkt gegen Neonazis vor: »In Rostock drehen die Nazis auf und versu­chen Menschen zu töten. […] Was wir tun können, ist, uns welche von den Schweinen auf dem Hin- oder Rückweg vorzu­knöpfen. Da wir gut getarnt sind, können wir sie einfach fragen, ob’s Spaß macht da vorne – wenn sie »ja« sagen, schnappen wir sie uns«.5

An der Gesamtlage konnte dies freilich nichts ändern: Der rassis­ti­sche Mob konnte tagelang frei agieren, an einem Imbiss, der die selten günstige Geschäftsgelegenheit gewit­tert hatte, wurde sich mit Würstchen und Bier versorgt, bevor man mit dem nächsten Angriff begann. »Es waren mehrere tausend »Schaulustige« und ca. 500 Aktive. […] Die Faschos konnten ungestört, zum Teil unter den Augen von Zivilpolizei, Mollies basteln – die Flaschen dazu kamen aus einem Glascontainer – sich auf der Straße und dem Parkplatz sammeln und gemeinsam angreifen. […] Ein Teil der Aktiven war sichtbar organi­siert, als Faschisten und feste Gruppe kennt­lich, nach Beobachtung anderer z.T. von auswärts. Der größere Teil waren Menschen aus Lichtenhagen oder Umgebung, wie auch unter den Schaulustigen nach unserem Eindruck fast ausschließ­lich Leute aus der direkten Umgebung waren.«6

Die Demonstration

Während der Tage des Pogroms waren nur wenige hundert Antifaschist_innen in Rostock, obwohl es bundes­weit für Aufmerksamkeit sorgte. Früh wurde jedoch für eine große Demonstration mobili­siert. Auf dieser protes­tierten dann, eine Woche nach den Angriffen, 15–20.000 Menschen gegen die Geschehnisse, die Medienhetze über angeb­liche »Asylbetrüger« und für Solidarität mit den Angegriffenen. Trotz dieser, nach heutigen Maßstäben großen und schnell organi­sierten Veranstaltung, waren die Diskussionen inner­halb der antifa­schis­ti­schen Szene in den Wochen danach hart und selbst­kri­tisch: »Wir fragen uns heute, wo die Antifa in den Tagen vom 22. bis 27. August 1992 gesteckt hat. An der bundes­weiten »Stoppt die Pogrome«-Demo haben bestimmt mehrere tausend Leute teilge­nommen. Diese Demo kommt viel zu spät!!« kriti­sierte so z.B. eine Gruppe. Bemängelt wurde ein »Nicht-Verhalten« und dass man die Pogrome selber hätte »aktiv stoppen müssen«.7 Während einige aus der Demonstrationsvorbereitung den ruhigen Verlauf der Veranstaltung lobten, weil man so den Medien nicht die gewünschten Bilder von linken Chaoten gelie­fert habe8, wurde gerade dies von anderen als größte Schwachstelle kriti­siert: Die Antifa hätte die Gelegenheit nutzen sollen, die Neonaziszene offensiv einzu­schüch­tern, wenn schon die Polizei und damit die Angst vor staat­li­cher Verfolgung völlig ausge­fallen war.9  Eine zielge­rich­tete Militanz auf der Demonstration wäre für einige das richtige Signal gewesen: »Lichtenhagen hätte nicht ›brennen‹ sollen.  Nicht die Wohnungen der Bürger, nicht ihre Autos. Aber zumin­dest jener Kiosk ›happi happi bei appi‹, der ja nichts anderes war, als die logis­ti­sche Basis des Mobs […] wäre lohnendes Angriffsobjekt gewesen« bemerkte eine Gruppe.10

Auch über die Frage, ob man an die Vernunft der Lichtenhagener Bevölkerung appel­lieren solle, die ihre Wut über soziale Missstände nur an den Falschen ausließen, oder ob diese als überzeugte RassistInnen zu gelten hätten, bei denen jegli­ches Argument überflüssig sei, spaltete nachhaltig die Szene.

Historische Stunde der Verantwortung verpasst

Das Pogrom von Rostock traf die antifa­schis­ti­sche Szene nicht unvor­be­reitet. Die zahlrei­chen Überfälle von Neonazis seit 1990 hatten die neue Gefahr deutlich gezeigt und bereits vor dem Pogrom war bekannt gewesen, dass an diesem Wochenende etwas passieren würde. Aus den Erfahrungen von Hoyerswerda 1991 hätte man wissen können, dass tagelange Pogrome im wieder­ver­ei­nigten Deutschland zum Aktionsrepertoire der Neonaziszene gehörten und sie auf zahlreiche SympathisantInnen zählen konnten.

Zu den gängigsten Parolen inner­halb der antifa­schis­ti­schen Bewegung der damaligen Zeit gehörten »Die antifa­schis­ti­sche Selbsthilfe organi­sieren« und »Staat und Nazis Hand in Hand – organi­siert den Widerstand«. Als die Stunde gekommen war, diese Sätze in die Tat umzusetzen, entpuppten sie sich größten­teils als Phrasen. Nur einige wenige Antifaschist_innen setzten sich in die Autos und fuhren nach Rostock.

Noch nie in ihrer Geschichte stand die autonome antifa­schis­ti­sche Bewegung in einer ähnli­chen Situation, in der sie für einen kurzen Moment in den Lauf der Geschichte hätte eingreifen können. Dieser Augenblick war in Rostock-Lichtenhagen am 22. August 1992 – und er verstrich ungenutzt.

Im AIB 41 schrieben wir:

»Seit Jahren hatte man mit morali­schen Argumenten Zivilcourage einge­for­dert, den schwei­genden AugenzeugInnen etwa des 9. November 1938 zu Recht vorge­worfen, durch ihr Zuschauen mitschuldig zu sein. Nun selbst in eine vergleich­bare Situation geraten, war die Angst um den eigenen weißen Hintern offenbar größer. Den morali­schen Ansprüchen entsprach kein Bewusstsein darüber, wie man sich in der konkreten Situation selbst zu verhalten habe. Weder hatten wir uns selbst als Faktor der Geschichte ernst genommen, noch hatten wir uns ernst­haft klar gemacht, dass in solchen Situationen im Zweifel auch Gefahr für unser eigenes Wohlergehen bestehen kann. […] Ich bin auch nach wie vor der Überzeugung, dass wir echte Chancen hatten, den Mob zu verscheu­chen […] Für die Zukunft müssen wir die Lehre ziehen. Statt stets und überall verbal mit radikalen Parolen um uns zu werfen, statt in jedem Einzelereignis die Nagelprobe zu wittern, müssen wir lernen zu erkennen und zu unter­scheiden, wann eine echte histo­ri­sche Verantwortung besteht, wann der Lauf der Dinge von unserem Handeln und Unterlassen tatsäch­lich mit beein­flusst wird. Dann müssen wir aber auch in der Lage sein, im entschei­denden Moment das richtige zu tun. […] Dass wir selbst dabei Schaden nehmen können, sollten wir uns deutlich vor Augen halten. Wir sollten aber auch lernen, dass es Situationen gibt, in denen wir uns nicht mehr aussu­chen können, was wir wie machen […]«

An dieser Analyse hat sich bis heute nichts geändert.

Das (Nicht-)Handeln der Polizei

Obwohl die Polizei in Rostock schon Tage vor dem Pogrom Wind von der Sache bekommen hatte, war das Sonnenblumenhaus am Wochenende ohne relevanten Polizeischutz.

Innensenator Dr. Magdanz trat am Abend des 21. August seinen Urlaub an, da er »keinerlei verdich­tete Hinweise auf Auseinandersetzungen« gehabt habe. Auch der Leiter der Polizeidirektion Rostock, Jürgen Deckert, erstellte aufgrund der besorg­nis­er­re­genden Berichte nur schnell einen kurzen Einsatzbefehl und reiste dann ins Wochenende nach Bremen. Auch der Staatssekretär im Innenministerium, die Abteilungsleiter für Öffentliche Sicherheit und für Ausländerfragen, der Leiter des Landespolizeiamtes sowie der Chef der Polizeidirektion Rostock fuhren zu ihren Familien nach Westdeutschland.

Der Einsatzbefehl für die Polizei, den Deckert vorher noch schnell geschrieben hatte, fand auf einer Seite Papier Platz. Er enthielt weder einen Funkplan noch eine Abschnittseinteilung und war damit völlig unzurei­chend – deutli­cher Beweis, wie unwichtig der kommende Einsatz genommen wurde. Die späteren RandaliererInnen wurden als »Bürger aus auslän­der­feind­lich einge­stellten Kreisen« bezeichnet, welche die Absicht hätten, eine »Protestaktion« in Rostock-Lichtenhagen durch­zu­führen. Nur ein einziger Zug Bereitschaftspolizei wurde zur Verfügung gestellt.

Als am Samstag, wie angekün­digt, aus einer Menge von ca. 2000 Personen mehrere hundert Jugendliche die ZASt mit Steinen und Brandflaschen bewarfen, wurden nur dreißig Polizist_innen zum Schutz des Gebäudes geschickt, die sofort angegriffen wurden. Erst jetzt wurden Wasserwerfer angefor­dert. Diese befanden sich aber in Schwerin und dort gab es zu diesem Zeitpunkt keine Fahrer_innen. Als sie schließ­lich gegen 2 Uhr morgens zum Einsatz kamen, waren sie nach kurzer Zeit leer. Am Sonntag versam­melten sich bereits gegen Mittag wieder neue Gruppen vor der ZASt – immer­noch war die Polizei hoffnungslos unter­be­setzt.

Erst in der Nacht zum Montag kam der Leiter der Polizeidirektion Rostock Jürgen Deckert aus Bremen zurück, um selbst den Einsatz zu leiten. Offensichtlich machte dies die Lage aber nicht besser, sondern nur noch schlimmer. Auch die mittler­weile aus Hamburg einge­trof­fenen zwei Hundertschaften der Polizei und ein Zug des Bundesgrenzschutz (BGS) konnten daran nichts ändern. Jedoch wurden Erstere direkt vor der ZASt positio­niert und konnten so vorerst ernstere Angriffe verhin­dern. Doch am Montagabend um 20 Uhr, als sich erneut Tausende in Volksfeststimmung versam­melt hatten, gab Deckert den Befehl, die beiden Einsatzhundertschaften aus Hamburg abzuziehen. Ungläubig fragten die Zugführer mehrmals bei »Robbe 50«, der Funkzentrale der Polizei, nach, ob sie den Einsatzbefehl tatsäch­lich richtig verstanden hätten. Nach dem Abzug lag der Häuserblock der vietna­me­si­schen Vertragsarbeiter_innen völlig ungeschützt da und die Angriffe erreichten gegen 22 Uhr ihren Höhepunkt. Während die ersten Wohnungen angezündet wurden, herrschte bei der Polizeileitung weiterhin völlige Unfähigkeit: »Meiner Einschätzung nach bestimmte Passivität das dienst­liche Geschehen« beschrieb ein Zugführer nachträg­lich die Atmosphäre. Ein Führungsstab sei nicht vorhanden gewesen, statt­dessen habe man das Gefühl gehabt, Deckert würde eine »Ein-Mann-Show« in der »sicheren Etappe« ablie­fern. Nachdem telefo­nisch die Nachricht einging, dass bereits drei Wohnungen brennen würden, verließ Deckert das Büro und war auch nach zwanzig Minuten nicht zurück. Nachdem mehr und mehr alarmie­rende Anrufe eingingen und immer noch nichts geschah, ging ein Polizist schließ­lich den Einsatzleiter suchen und fand ihn einige Räume weiter mit dem Staatsanwalt im Gespräch über die Frage, ob man auf ein dubioses Angebot der RassistInnen zu einem 45-minütigen »Waffenstillstand« eingehen solle. Erst nachdem ein Hamburger Hundertschaftführer darauf drängte, dass etwas getan werden müsse, erteilte Deckert schließ­lich den Auftrag, die Feuerwehr beim Löschen zu unter­stützen.

Unfähig nur gegen Rechts

Während die rassis­ti­schen RandaliererInnen so tagelang ungestört agieren konnten, sollte es mit der linken Großdemonstration am nächsten Wochenende kein Pardon geben. Das Demonstrations-Bündnis, dem neben Autonomen auch Parteien und Gewerkschaften angehörten, wurde als »radikale und extre­mis­ti­sche Gruppierung« bezeichnet. Die »Gewaltszene« aus der ganzen Bundesrepublik plane, sich in Rostock zu versam­meln.

Was tagelang nicht möglich war, klappte nun wie am Schnürchen: Gefangenensammelstellen wurden vorbe­reitet, Raumschutz im gesamten Stadtgebiet bereit­ge­stellt, Autobahnkontrollen einge­richtet. »Unter Berücksichtigung der Ereignisse der Vortage ist bei niedriger Einschreitschwelle offensiv, konse­quent und unter Ausschöpfung aller recht­li­chen Möglichkeiten einzu­schreiten. Störungsversuche sowie Störungen sind konse­quent und unver­züg­lich zu beenden« hieß es in dem Einsatzbefehl. Als Polizeikräfte standen nun 14 Wasserwerfer, sechs SEK Gruppen, 12 Hubschrauber und 27 Einsatzhundertschaften zur Verfügung.

Der Feind stand für die Polizeiführung und das Innenministerium Mecklenburg-Vorpommerns weiterhin Links – der versuchte Mord an den   Vietnames_innen und über 150 verletzte PolizistInnen hatte daran nichts geändert.

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