Bericht aus dem NoBorder-Camp in Thessaloniki

Interview mit der w2wtal-Aktivistin Judith. Sie war im Juli im NoBorder-Camp im griechi­schen Thessaloniki. Das NoBorder-Camp, für das die Uni in Thessaloniki besetzt wurde, war als trans­na­tio­naler Aufbruch gegen die „Festung Europa“ gedacht. Es sollte AktivistInnen aus vielen Ländern und Geflüchtete zusam­men­bringen.

Interview übernommen von w2wtal.

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Judith, du bist im No Border Camp in Thessaloniki gewesen, wie war es?

Über die zehn Tage verteilt waren viele Leute da, um die 1.500. Das ist ja immer ein Kommen und Gehen. Anfangs dachte ich, dass es ein eher deutsches Camp wird, doch dann kamen immer mehr Leute aus verschie­denen Ländern des Balkan und am Montag kam die große Karawane aus Spanien mit mehreren hundert Leuten, die mit Bussen angereist sind. Die hatten unter­wegs noch einige Aktionen gemacht und kamen dann am vierten Camp-Tag in Thessaloniki an. Dann wurde es tatsäch­lich ein richtig inter­na­tio­nales Camp.

Wo war das Camp unter­ge­bracht?

Auf dem Campus der Uni in Thessaloniki, eigent­lich mitten in der Stadt.

Gab’s Trouble mit den Cops?

Erstaunlich wenig. Es ist tatsäch­lich so, dass die den Campus nicht betreten. Deren Arbeit machen eher die dort anwesenden Drogendealer, die oft als Spitzel für die Cops arbeiten, wie uns die griechi­schen Genossinnen erzählt haben. Die haben auch oft versucht, ins Camp zu kommen und auch an Workshops teilzu­nehmen. Das wurde aber nicht zugelassen.

Waren auch Refugees im Camp?

Nachher waren es ziemlich viele. Darum wurde sich sehr bemüht, es wurde z.B. ein Shuttle mit PKWs einge­richtet, damit die Geflüchteten aus den elf Lagern, die um Thessaloniki herum existieren, ins Camp kommen konnten. So waren nach zwei, drei Tagen viele Menschen aus Syrien, Pakistan oder Afghanistan dabei. Die haben dann vom Leben in den Lagern berichtet, Wandzeitungen erstellt und es gab auch mehrere Veranstaltungen zu Migrantinnen-Selbstorganisation.

Gab es von den Refugees Einschätzungen zur Gesamtlage, nachdem die Grenzen in Europa geschlossen wurden?

Die, mit denen ich redete, haben alle gesagt, wir müssen uns jetzt selbst organi­sieren. Interessant war auch die Perspektive der griechi­schen Genossen, bzw. der Refugees, die schon länger in Griechenland leben. Die sehen natür­lich, das sich die Geflüchteten vor allem jetzt eine Basis, z.B. ökono­misch, aufbauen müssen oder unbedingt Wohnraum brauchen.

Vom griechi­schen Staat gibt es da nichts? Wohnungen z.B.?

Nee, die Unterbringung erfogt rein privat, u.a. in Squats, in die Geflüchtete einziehen. Auch während des Camps wurde in Thessaloniki ein Haus besetzt*. Es sind ziemlich viele Häuser besetzt – in Athen z.B. das City Plaza Hotel, das «beste Hotel der Welt», wo mehrere hundert Leute leben. Von denen gab es auch nen Workshop während des No Border Camps.

Von der Hausbesetzung und auch von der Besetzung der Fernsehstation zu Beginn haben wir auch hier etwas mitbe­kommen, was ist an Aktionen rund ums Camp noch so gelaufen?

Es gab ein «Go-In» in der IOM (eine inter­na­tio­nale Migrations Organisation), da sind u.a. ein paar Computer und Akten aus dem Fenster geflogen. Genaues kann ich dazu nicht sagen, ich weiß nur, dass die IOM reich­lich verhasst ist, weil die an Abschiebungen bzw. an «freiwil­ligen Rückführungen» betei­ligt ist.

Ansonsten gab es Demos und Besuche von Camps – zu einem Besuch eines Camps in Oreokastro hast du ja auch einen Bericht verfasst…

Da gab es mehrere. Da wurden Busse gechar­tert, da sind dann Leute aus dem Camp hinge­fahren, einmal um die Situation zu erfahren, aber auch um z.B. die Campzeitung, die auf griechisch, englisch und arabisch erschienen ist, zu den Geflüchteten in die Camps zu bringen. Die sollten ja auch auf das Camp aufmerksam gemacht und zur Beteiligung einge­laden werden. Das haben dann auch einige wirklich wahrge­nommen und sich betei­ligt. Deswegen waren so ab Montag eben auch recht viele Refugees im Camp: Familien, Frauen und vor allem viele Kinder. Sehr viele Kinder.

Die Demos haben in Thessaloniki statt­ge­funden?

Ja. Es gab aller­dings auch mehrere Demos an den beiden Abschiebeknästen und dann gab es natür­lich die größere Aktion an der türkisch-griechi­schen Grenze am Samstag, wo es auch zu kleineren Riots gekommen ist. Da war ich aller­dings selber nicht dabei, deswegen kann ich dazu nicht viel erzählen.

Wie fällt insge­samt deine Einschätzung zum Camp aus? Was war für dich in den zehn Tagen das Positivste?

Für mich war das Wertvollste sicher, die Aktivistinnen aus verschie­denen Ländern kennen­zu­lernen, und Kontakte zu Ansprechpersonen herzu­stellen. In einem Workshop ging es zum Beispiel um Dublin und für mich war es wichtig, Leute kennen­zu­lernen aus Ländern in die Menschen aus Deutschland hin abgeschoben werden, z.B. aus Bulgarien. Von denen konnte ich mal wirklich erfahren, wie die Situation der Abgeschobenen tatsäch­lich ist. In Bulgarien werden die abgescho­benen Menschen z.B. erstmal direkt inhaf­tiert.

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From Dawn ’til Dusk… zur Beratung am 28.04.

Für Sonntag, den 28.April hatten das so_ko_wpt und das Autonome Zentrum Wuppertal zur Beratung über Möglichkeiten einer konkreten Unterstützung antifa­schis­ti­schen Widerstands in Griechenland einge­laden. Im Wuppertaler ADA sollte, einen Tag nach einer zweitä­gigen Konferenz der nordrhein-westfä­li­schen Rosa Luxemburg Stiftung zu «trans­na­tio­naler Solidarität in der Krise» am selben Ort, der grenz­über­schrei­tende Aspekt antifa­schis­ti­schen Engagements gesucht werden. Dabei hofften die VeranstalterInnen auf Beteiligung inter­na­tio­naler Gäste der Tagung und auf viele am Thema inter­es­sierte Antifaschistinnen und Antifaschisten aus Nordrhein-Westfalen.

Differenzierte Schilderungen

Während sich  der erste Teil der Hoffnung durchaus erfüllte – so blieb u.a. Christos Giovanopoulos aus Athen für die Beratung eigens einen Tag länger im Tal, bevor er nach Berlin abreiste, wo er an der Spitze der revolu­tio­nären 1.Mai-Demo zu finden war – blieb die Hoffnung auf viele inter­es­sierte deutsche Antifaschisten und Antifaschistinnen leider eher unerfüllt. So infor­mierten und berieten sich am Ende nur etwas mehr als zwanzig Menschen über die bedroh­liche Lage in Griechenland und über Möglichkeiten der Gegenwehr.

Trotz der überschau­baren Anzahl Teilnehmender fand ein Gespräch abseits eines reinen Alarmismus und von weitge­hend Bekanntem statt, bei dem schließ­lich erste Ansätze von etwas zu erkennen waren, was den Begriff «konkrete Solidarität» recht­fer­tigen kann. Verantwortlich waren dafür vor allem die beiden einge­la­denen griechi­schen Gäste – neben Christos betei­ligte sich via Skype auch Alexia vom Solidaritätskomitee für politi­sche Gefangene aus Thessaloniki an der Beratung.

Die beiden stellten die Situation um das Erstarken der neona­zis­ti­schen «Chrysi Avgi» diffe­ren­ziert dar. So konnte Alexia für Thessaloniki eine etwas weniger alarmie­rende Einschätzung zur Stärke der «Goldenen Morgenröte» abgeben, als sie für viele Stadtviertel Athens gelten muss. Dennoch sieht Alexia die Situation als eine sehr bedroh­liche an – auch in Thessaloniki gibt es Viertel, in denen die Nazis nach der Macht auf der Straße greifen. Christos wiederum, in Athen lebend, bestä­tigte zwar die in der Hauptstadt viel größere Zahl von Übergriffen gegen Linke und Migranten und Migrantinnen, betonte jedoch vor allem die derzeit neu entste­henden selbst­or­ga­ni­sie­renden Strukturen in den Stadtteilen. Ihnen sprach er beim Widerstand gegen die Neofaschisten eine große Bedeutung zu. Die Initiative «Solidarität für alle», für die Christos bei seinem Deutschlandbesuch um Unterstützung warb, arbeitet daher auch mit und für soziale Projekte, die von unten den gesell­schaft­li­chen Zusammenhang wieder neu aufbauen sollen. Christos sieht in ihnen einen wichtigen Weg, den Nazis die Grundlage ihrer Agitation in einer zerfal­lenden Gesellschaft zu entziehen: Durch die Arbeit sozialer Kliniken oder Apotheken, von solida­ri­schen Lebensmittelläden und von Tauschmärkten oder durch das Angebot von Rechtshilfe für alle, sieht Christos bei vielen Griechen und Griechinnen ein neues Bewusstsein entstehen.

Wie sehr vor allem Rechtshilfe und Unterstützung bei Inhaftierung benötigt wird, ließ sich den eindrück­li­chen Schilderungen Alexias entnehmen, deren Arbeitsschwerpunkt auf der Knastarbeit liegt. Diese ist untrennbar mit antifa­schis­ti­schem Engagement in Griechenland verbunden. Die Kollaboration von Polizei und Justiz mit den Nazistrukturen ist offen­sicht­lich – eine Einschätzung, bei der sich beide GesprächspartnerInnen bei aller Differenz in der allge­meinen politi­schen Beurteilung einig waren.

Alexia schil­derte Haft- und Prozessumstände für linke und antifa­schis­ti­sche Aktivisten und Aktivistinnen, die jeder Rechtsstaatlichkeit spotten. Dabei ging es nicht nur um oft monate­langes «Verschwinden» in der U-Haft, es ging auch um die Bedingungen der Haft an sich, in der jedes Lebensbedürfnis Geld kostet. So müssen Gefangene in griechi­schen Knästen sogar ihr eigenes Toilettenpapier von der Gefängnisleitung kaufen. Das Solidaritätskomitee für politi­sche Gefangene, in dem sich Alexia engagiert, versucht mit beschei­denen finan­zi­ellen Mitteln, die oft lange Haftzeit für die Betroffenen erträg­li­cher zu machen. Es bemüht sich u.a. darum, den betreuten Genossinnen und Genossen monat­lich 250 Euro zur Verfügung zu stellen, damit wenigs­tens die Grundbefürfnisse abgedeckt werden können. Dabei macht das Solidaritätskomitee, das in Thessaloniki und in Athen arbeitet, keine (links-) ideolo­gi­schen Unterschiede bei der Auswahl der Betreuten – etwas, was auch in Griechenland leider nicht selbst­ver­ständ­lich ist. Dabei wäre gerade jetzt, vor dem Hintergrund gefähr­deter linker Strukturen und teilweise bis an die Zähne bewaff­neter Nazis, eine gemein­same und vereinte Antifa-Arbeit notwen­diger denn je, wie Alexia betonte.

Beide Initiativen bieten auch hier Aktiven einige Möglichkeiten zu konkreter Solidarität, wobei es – wie eigent­lich immer – in erster Linie um finan­zi­elle Unterstützung geht.

Wo war die Antifa?

Dabei wurde jedoch durch das weitge­hende Fernbleiben der hiesigen Antifa eines klar: Noch immer fehlt es auch an persön­li­chen und direkten Kanälen, über die die zum Teil drama­ti­schen Informationen aus Griechenland zu uns gelangen können. Noch immer ist deshalb zu vielen scheinbar nicht bewusst, um was in Griechenland gerungen wird – angesichts eines dauer­haft diskre­di­tierten parla­men­ta­ri­schen Systems und einer Gesellschaft auf der Suche nach einer Alternative, der dabei von inter­es­sierter Seite die Nazipartei «Chrysi Avgi» vor die Nase gehalten wird.

Bei aller notwen­digen Arbeit «vor der eigenen Haustür» – Antifaschismus ist immer auch eine trans­na­tio­nale Herausforderung. Gerade in Deutschland sollten Antifaschisten und Antifaschistinnen das wissen. Die teils spürbare Ignoranz gegen­über bürger­kriegs­be­reiten Nazis in Griechenland oder auch in Ungarn ist nicht nur kurzsichtig, sie ist auch ahisto­risch und verleugnet die Bedeutung inter­na­tio­naler, antifa­schis­ti­scher Solidarität in der Vergangenheit.

Auch wenn das Ergebis unserer Beratung nicht ergab, dass bereits wieder die histo­ri­sche Notwendigkeit zur Aufstellung inter­na­tio­naler Brigaden besteht, so wurde doch deutlich, dass die griechi­schen Genossen und Genossinnen auf Hilfe von außen angewiesen sind. Mögliche Ansatzpunkte für konkrete Maßnahmen auch in Deutschland wurden auch gefunden. Als Beispiel sei genannt, dass ein wesent­li­cher Teil der Finanzierung der Chrysi Avgi-Nazi-Schläger über Securityfirmen erfolgt, die beispiels­weise in Thessaloniki auch für deutsche Konzerne tätig sind. Leider müssen diese eine solche (direkte) finan­zi­elle Unterstützung der Nazis bisher in keiner Weise recht­fer­tigen. Aber auch die Verknüpfung bereits bestehender Kämpfe mit dem Widerstand gegen Ursachen und Erstarken von Nazistrukturen in Griechenland weist in die richtige Richtung, auch wenn der Bezug zum erstar­kenden Faschismus vielfach nur vermit­telt herge­stellt werden kann..

Angriffe auf das europäi­sche Grenzregime, auf FRONTEX, oder auf «Dublin II» müssten nicht nur im Interesse der Flüchtenden geführt werden. Sie müssten auch inten­si­viert werden, um in den mit Lagersystemen überzo­genen und mit immer mehr an den EU-Außengrenzen stran­denden Menschen allein gelas­senen Ländern in Europas Süden eine wesent­liche Argumentationsbasis der Nazis anzugreifen. Die Themenfelder, um die es dabei geht, sind so vielfältig wie die europäi­sche Krisenpolitik. Verantwortlichkeiten für soziale Verwerfungen müssen benannt werden, und sie liegen häufig in jenem Land, in dem das Interesse an den Entwicklungen in den von der EU-Politik meist betrof­fenen Ländern noch immer erschre­ckend gering ist. Deutsche Politik bleibt ein Schlüssel für die gesell­schaft­liche Entwicklung in Griechenland, Spanien oder Portugal – eine Einschätzung, der alle Diskutierenden zustimmten.

Der schwie­rige, antifa­schis­ti­sche Weg von der Morgenröte zur Dämmerung ist ein gefähr­li­cher. Die griechi­schen Genossen und Genossinnen dürfen dabei nicht auf sich gestellt bleiben. Das so_ko_wpt wird daher den griechi­schen Kampf gegen die Chrys Avgi weiter begleiten und versu­chen, beim Aufbau solida­ri­scher Strukturen mitzu­wirken. Als erste verab­re­dete Maßnahme ist zunächst der Aufbau eines Informationsnetzes geplant, das an die trans­na­tio­nalen Vernetzungen der Wuppertaler #cross_­so­li­da­rity-Tagung anknüfen soll. Wir laden alle ein, sich daran zu betei­ligen. Eine konkrete Einladung zur Teilnahme geht in den nächsten Tagen an euch raus.

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