Politik in der Rechtskurve: „Thompson“-Konzert ist nicht egal

Nachdem das Konzert der umstrit­tenen Band „Thompson» um den natio­na­lis­ti­schen Künstler Marko Perković statt­ge­funden hat, möchten wir noch einmal erläu­tern, warum es unserer Meinung nach wichtig gewesen wäre, den Auftritt zu verhin­dern.

Warum ein „Thompson»-Konzert nicht egal ist

In der Reihe „Politik in der Rechtskurve“ beschäf­tigen wir uns im Wahljahr mit neo-natio­na­lis­ti­schen und rechten Tendenzen in der Politik. Weltweit sind in den letzten Jahren natio­na­lis­tisch-autori­täre oder autokra­ti­sche Regierungen gewählt oder zur stärksten Opposition geworden, so auch in Kroatien. Zu Kroatien hatten wir keinen Schwerpunkt geplant, doch dann fand am Pfingstsonntag ein Konzert des kroati­schen Nationalisten Marko Perković in Wuppertal statt. Ein antifa­schis­ti­sches Bündnis versuchte mit einem Offenen Brief an die Betreiber des Lokals in dem der Auftritt statt­fand und an die Stadt Wuppertal öffent­li­ches Interesse zu wecken. Der Auftritt Perkovićs sollte so verhin­dert werden, was leider nicht gelang. Eine Mischung aus Desinteresse und Uninformiertheit und ein routi­nierter Umgang mit den Vorwürfen durch das Management der europa­weit umstrit­tenen Band sorgte dafür, dass das Konzert nahezu ungestört statt­finden konnte. Die durch den Brief erreichte kurzfris­tige Aufmerksamkeit führte im Gegenteil sogar zu einer Art „Promotion-Artikel“ in der „Wuppertaler Rundschau“, in dem Clubbetreiber und Management unwider­spro­chen behaupten konnten, dass am Abend keine rechten Symbole zugelassen würde. Das stimmte nicht, wie Fotos vom Konzert belegen.

Dumpfbacken beim Konzert mit dem alten Schachbrettwappen der Ustascha, das oben links mit einem weißen Feld beginnt.

Es begann mit Jugoslawien

Gerade eine inter­es­sierte Auseinandersetzung mit dem kroati­schen Nationalismus wäre jedoch eine wichtige Aufgabe, wenn wir Enstehungsbedingungen und mögliche Folgen eines erstar­kenden Nationalwahns in Europa betrachten wollen; denn wer über dessen Anfänge reden will, kann zum Ende Jugoslawiens in den 1990ern nicht schweigen. Versatzstücke der heutigen „Umvolkungs-“ oder „Volkstod“-Argumentionen der neuen Rechten finden sich beispiels­weise schon in der Vorgeschichte der später auf dem Balkan geführten Kriege. Serbisch-natio­na­lis­ti­sche Intellektuelle behaup­teten ähnli­ches schon 1986. In einer „Denkschrift“ von Mitgliedern der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste, dem so genannten SANU-Memorandum, wurde unter anderem argumen­tiert, im Kosovo fände ein „Genozid am serbi­schen Volk“ statt. Begründetet wurde dies auch mit einer höheren Geburtenrate der albanisch­stäm­migen Bevölkerung. Der Betonung serbi­scher Interessen im Vielvölkerstaat Jugoslawien war ein drama­ti­scher wirtschaft­li­cher Niedergang des Landes voraus­ge­gangen, und spätes­tens nach der Implementierung der üblichen neoli­be­ralen Reformen durch den IWF im Rahmen von Verhandlungen zur Umschuldung Jugolslawiens, entstand eine katastro­phale Lage für die Bevölkerung. Unter anderem sanken bis 1985 die durch­schnitt­li­chen Löhne um 40%.

Das traf das Land in unglei­chem Maß; die Wirtschaftskraft in der Bundesrepublik Jugoslawien war sehr ungleich auf die Teilrepubliken verteilt. Slowenien und Kroatien waren wirtschaft­lich stärker als Serbien und die anderen Landesteile. Eigenständige Bestrebungen der beiden wirtschaft­lich starken Republiken zu einer weniger zentral gesteu­erten Ausgabenpolitik Jugoslawiens und ein Infragestellen des „jugosla­wi­schen Ausgleichsfonds“ (vglb. dem Länderfinanzausgleich in Deutschland) waren für das zuneh­mende serbi­sche Empfinden einer Benachteiligung mitur­säch­lich. Nationalisten und die serbisch geführte Regierung reagierten mit der Forderung nach einer Stärkung serbi­scher Identität, auch und vor allem unter den in den anderen Teilrepubliken lebenden Serben und Serbinnen. In dieser Situation gewann das SANU-Memorandum an Bedeutung, es forcierte zuneh­mende Forderungen nach einem „Großserbien“, die durch die ultra­na­tio­na­lis­ti­sche „Tschetnik-Bewegung“ von Vojislav Seselj zum Ende der achtziger Jahre formu­liert wurde. Ihren Namen gab sich die natio­nale Bewegung unter Berufung auf serbi­sche anti-osmani­sche Milizen seit Mitte des 19. Jahrhunderts und monar­chis­ti­sche serbi­sche antikom­mu­nis­ti­sche Milizen im Zweiten Weltkrieg. Die auch von Regierungsseite gestellten serbi­schen Ansprüche stärkten natio­na­lis­ti­sche Ansprüche in anderen Teilen Jugoslawiens.

Der Weg zum Krieg: Ansprüche und Identitäten aus der Vergangenheit

Vor allem in Kroatien begann Franjo Tudjman für eine „neue“ kroati­sche Identität auch die katho­lisch-christ­liche und faschis­ti­sche Geschichte der Teilrepublik zu revita­li­sieren. Seine Regierung verstärkte die Bemühungen um eine Selbstständigkeit und zu Beginn des Jahres 1990 stellten Slowenien und Kroatien ihre Zahlungen an den jugosla­wi­schen Ausgleichsfond endgültig ein, womit Jugoslawien faktisch aufhörte zu bestehen. Das wirtschaft­lich schwä­chere Serbien und die anderen Teilrepubliken waren auf sich allein gestellt. Am 25. Juli 1990 erfüllte Tudjman schließ­lich auch formal einen angeb­lich „tausend­jäh­rigen Traum“ von einem eigenen Staat Kroatien. Dafür nahm die von ihm geführte HDZ-Regierung in der Folge offen Bezug auf die „Unabhängigkeit“ Kroatiens im Zweiten Weltkrieg zwischen 1941 und 1945 und dessen mit Nazi-Deutschland verbün­dete Ustascha-Regierung, die unter dem kroati­schen „Führer“ Ante Pavelic zusammen mit der deutschen Wehrmacht die kommu­nis­ti­schen Partisanen und serbisch-natio­na­lis­ti­schen Tschetniks bekämpft hatte. Ideologische Basis der alten Ustascha-Regierung waren Elemente des italie­ni­schen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus, inklu­sive antikom­mu­nis­ti­scher, antise­mi­ti­scher und rassis­ti­scher Orientierungen. Als ehema­lige Separatisten-Organisation des Vorkriegs-Jugoslawien gab es bei der Ustascha zudem einen ausge­prägten Serbenhass, der sich aus einer vorgeb­li­chen „Diskrimierung des kroati­schen Volkes durch die Serben“ vor dem Krieg speiste. Der kroati­sche Hass auf Serben fand im KZ Jasenovac seinen brutalsten Ausdruck. Im einzigen, nicht unter direkter deutscher Beteiligung betrie­benen Vernichtungslager wurden bis zu 90.000 Menschen durch die kroati­schen Faschisten ermordet – die meisten waren Serben, Roma und Juden.

Sichtbarster Ausdruck der Bezugnahme auf die faschis­ti­sche Ustascha durch die neue kroati­sche Regierung war die Wiedereinführung des leicht verän­derten alten Schachbrettwappens in die kroati­sche Nationalfahne. Die Identifikation mit der Vergangenheit durch die Regierung Tudjmans führte zu Angst und Protest bei der in Kroatien lebenden serbi­schen Minderheit, die vor dem Zerfall Jugoslawiens 12% der Gesamtbevölkerung Kroatiens stellte. In der Krajina, den kroati­schen Grenzgebieten zu Bosnien, bzw. Serbien, stellten Serbinnen und Serben sogar die Bevölkerungsmehrheit. Nachdem der serbi­schen Bevölkerung in der neuen kroati­schen Verfassung der Status eines „zweiten Staatsvolks“ aberkannt und die in allen natio­na­li­tä­ten­po­li­ti­schen Belangen zuvor notwen­dige Zweidrittelmehrheit des Parlaments abgeschafft wurde, gewannen auch in der serbi­schen Krajina Nationalisten zuneh­mend an Einfluss. 1991 kam es in der Folge zum Versuch, durch die Abspaltung einer „Republik Serbische Krajina“ (Srpska Krajina) mehrheit­lich serbisch bewohnte Teile aus Kroatien heraus­zu­lösen. Folge des um die „Srpska Krajina“ bis 1995 geführten Krieges, bei dem beide Seiten Kriegsverbrechen begingen, war eine Vertreibung zunächst der kroati­schen, dann der serbi­schen Bevölkerung.

Zunächst mussten in der „Srpska Krajina“ lebende Kroaten und Kroatinnen nach der Abspaltung das Gebiet verlassen: Ihr Anteil an der Bevölkerung der Krajina ging in den den Jahren 1991 und 1992 von 36% auf nur noch 7% zurück. Viele Menschen führte ihr Fluchtweg über die gleiche Route wie 25 Jahre später viele der Refugees, die 2015 über die Balkan-Route und Kroatien nach Mitteleuropa gelangten. Im August 1995 startete die kroati­sche Armee schließ­lich nach einem häufig fragilen Waffenstillstand die „Operation Sturm“ (Oluja). In nur drei Tagen wurde das Gebiet der „Srpska Krajina“ einge­nommen und dem neuen Staat Kroatien einge­glie­dert. Nach dem Sieg der kroati­schen Armee verließen über 300.000 serbi­sche BewohnerInnen flucht­artig ihre Heimat in Richtung Serbien und Bosnien. Sie fürch­teten, kroati­scher Rache zum Opfer zu fallen. Die über Lautsprecher verbrei­tete Anweisung, in den Häusern auf die Armee zu warten, die sich um sie „kümmern würde“, führte teils zur Panik bei den Hals über Kopf aus der Krajina Flüchtenden. Ein Kamerateam des Fernsehens der UN-Friedensmission war fünf Jahre später in der „Serbischen Krajina“. Die taz hat damals ihren Bericht veröf­fent­licht. „Auf dem Tisch (…) steht ein Teller, darauf etwas, das wohl mal eine Scheibe Brot war. Daneben eine niedrige, henkel­lose Tasse. Es ist noch ein Schluck türki­scher Kaffee darin, darüber zieht sich eine grünliche Schicht Schimmel.“ Von den Geflüchteten sind nur etwa 30% zurück­ge­kehrt, viele von ihnen nur formell, um Ansprüche auf Besitz zu wahren. Die „Operation Oluja“ wird von vielen Serben und Serbinnen bis heute als Pogrom betrachtet, viele Kroaten und Kroatinnen feiern sie hingegen jedes Jahr am „Tag der Befreiung“ als „patrio­ti­sche Heldentat“.

Auf eine Eskalation unvorbereitete Zivilgesellschaft

Der Verlauf der Geschichte und ihre anschlie­ßende Erzählung lassen dabei vergessen, dass Nationalisten nicht von Anfang an die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten als Jugoslawien zerfiel. Jenseits politi­scher Systemfragen und wirtschaft­li­cher Probleme war Jugoslawien für viele ein erfolg­rei­ches Modell eines multi­eth­ni­schen Staates, der nach langen Auseinandersetzungen den Balkan befriedet hatte. Mehr als 40 Jahre eines gemein­samen Landes hatten zur Herausbildung einer „jugosla­wi­schen Identität“ geführt. Nationalisten konnten an Boden gewinnen, weil inter­es­sierte Gruppen und Funktionsträger des alten Jugoslawien die natio­na­lis­ti­sche Karte spielten, um eigenen Einfluss zu behalten oder auszu­weiten. Doch ohne – zum Teil bis heute nicht vollständig aufge­klärte – insze­nierte gewalt­tä­tige Zwischenfälle hätten provo­ka­tive Entscheidungen der Politik und die Propaganda natio­na­lis­ti­scher Medien zur Entfachung eines Kriegs mögli­cher­weise nicht ausge­reicht. Am krassesten war das beim kurze Zeit später begon­nenen Krieg um Bosnien in Sarajevo zu erleben, wo noch am 5. April 1992 zehntau­sende Menschen gegen den Krieg demons­trierten und in der multi­eth­ni­schen Stadt zunächst ein Zeichen gegen den sich weiter ausbrei­tenden Nationalismus setzen wollten. Bei der Demonstration wurden zwei Frauen von serbi­schen Heckenschützen ermordet, was die zivil­ge­sell­schaft­liche Manifestation ins Leere laufen ließ; schon am nächsten Tag fuhren Panzer durch die Stadt und die Belagerung Sarajevos begann.

Die Zivilgesellschaft war auf die Eskalationen nicht vorbe­reitet und besaß auch nicht die Mittel den sich abzeich­nenden Wahnsinn aufzu­halten. Viele verharrten im Gefühl, die durch natio­na­lis­ti­sche Gruppen geschaf­fene gesell­schaft­liche Spaltung könne ihre eigene Umgebung nicht errei­chen. Provozierte Ereignisse und Gegenreaktionen entwi­ckelten jedoch einen blutigen Sog, in den immer mehr Menschen gezogen wurden; Partner- und Freundschaften zerbra­chen, die gesamt­ju­go­sla­wi­sche Identität hielt dem Furor nicht stand. Bis heute anhal­tende gegen­sei­tige Schuldzuweisungen belegen, wie nachhaltig natio­na­lis­ti­sche Zerstörung verbin­dender Grundlagen wirkt. Noch immer verwei­gern sich vor allem die „Sieger“ des natio­na­lis­ti­schen Krieges oft einer selbst­kri­ti­schen Aufarbeitung des Geschehens. Im Gegenteil; die HDZ-geführten Regierungen Kroatiens, das sich als EU-Mitglied auf der Siegerseite wähnt, haben die Entfesselung des natio­na­lis­ti­schen Wahns zum Teil des eigenen Mythos gemacht. Zusammen mit Alt- und Neofaschisten und der katho­li­schen Kirche wird um die blutige Geschichte des Landes teilweise geradezu ein Kult zelebriert. Dazu wird immer wieder der Versuch unter­nommen, die Geschichte umzuschreiben und die faschis­ti­sche Vergangenheit des Landes zu relati­vieren. Die enge Verbindungen zu ultra­rechten Gruppierungen wie der neofa­schis­ti­schen A-HSP unter­hal­tende HDZ unter­stützt beispiels­weise die jährli­chen „Gedenkfeiern“ im öster­rei­chi­schen Bleiburg.

Geschichtsrevisionismus in Kroatien

Dort treffen sich jedes Jahr im Mai bis zu 15.000 Menschen um dem so genannten „Massaker von Bleiburg“ zu gedenken, bei dem Angehörige der Ustascha-Truppen, die ihren Kampf gegen die jugosla­wi­sche Volksbefreiungsarmee noch nach Kriegsende fortge­führt hatten, von Partisanenverbänden hinge­richtet worden waren. Bei dem Treffen, bei dem offen faschis­ti­sche Symbole gezeigt und Ustascha-Lieder gesungen werden, handelt es sich nach Einschätzungen der öster­rei­chi­schen Anifa um eines der „größte Neonazi-Treffen“ Europas, was einige Vertreter der kroati­schen katho­li­schen Kirche und auch der HDZ-Regierungen nicht an einem Auftritt in Bleiburg und am Schulterschluss mit den Teilnehmenden hindert. Die staat­liche Förderung für das „Gedenken“ in Bleiburg war von der vorigen HDZ-MOST-Regierung im Jahr 2015 wieder aufge­nommen worden, nachdem sich die sozial­de­mo­kra­ti­sche Vorgängerregierung vorsichtig davon distan­ziert hatte. Die mittler­weile von einer Neuauflage der gleichen Koalition abgelöste national-rechts­li­be­rale Regierung unter Tihomir Orešković hatte sich gleich durch mehrere Vorhaben in die Nähe faschis­ti­scher Politik begeben. So wollte „Veteranenminister“ Crnoja ein Register von Personen erstellen, die „Verräter des natio­nalen Interesses“ seien.

Die Neuwahlen 2016 haben am kroati­schen Geschichtsrevisionismus nichts geändert. Wie weit die Umschreibung der Geschichte inzwi­schen Normalität geworden ist, zeigt eine am KZ Jasenovac von „Veteranen des Bürgerkriegs“ angebrachte Tafel, die „gefal­lene Kameraden“ mit dem alten Ustascha-Gruß „Za dom spremni!“ ehrt. Der faschis­ti­sche Gruß, mit dem auch einige kroati­sche Reaktionen auf den Offenen Brief in Wuppertal unter­zeichnet waren, wurde vom jetztigen Premierminister Plenković als Ehrung für die Toten des Unabhängigkeitskrieges bezeichnet, die mit dem Weltkrieg nichts zu tun habe. Das aktuellstes Beispiel für den Geschichtsrevisionismus in Kroatien ist ein Film des Regisseurs Jokov Sedlar; „Jasenovac - Istina“, (Jasenovac - die Wahrheit). Der jüngst von der Stadt Zagreb ausge­zeich­nete Film behauptet, Jasenovac sei erst durch Titos Kommunisten zum Todeslager geworden, zuvor sei es ledig­lich ein Sammellager gewesen, in dem die Mehrzahl der Getöteten Kroaten gewesen seien. Die Erzählung negiert die Opfer der Roma, der Juden und der Serben in unerträg­li­cher Weise. Sie ignoriert auch die Tatsache, dass Jasenovac am 22. April 1945 „fast vollständig einge­ebnet [wurde], nachdem die letzten rund 1.000 Gefangenen einen verzwei­felten Ausbruchsversuch unter­nommen hatten.“ (Danijiel Majic in der FR am 19.5.2017)

National-Rock statt Balkanparty

Die Identifikation der Regierung des EU-Mitglieds Kroatien mit dem natio­na­lis­ti­schen Furor Anfang der 1990er Jahre und die Relativierung der Verbrechen des faschis­ti­schen Ustascha-Kroatien haben mit dazu geführt, dass das Land heute als beson­ders düstere Zone auf der Karte des neo-rechten Europa gelten darf. Neo-Faschisten bilden teilweise hegemo­niale Strukturen und nehmen ganz offen Einfluss auf die Regierungspolitik. Das führt dann auch schonmal zu diplo­ma­ti­schen Störungen, wenn, wie vor kurzem im slowe­ni­schen Maribor, ein Konzert der Band „Thompson“, deren Name sich auf das von Marko Perkovićć im Kroatienkrieg benutzte Maschinengewehr bezieht, verboten wird. Der Hype um Konzerte wie denen der Band von Marko Perković kann als ein Ausdruck der in Kroatien und bei vielen KroatInnen der Diaspora inzwi­schen zur Normalität geron­nenen natio­na­lis­ti­schen Ideologie gewertet werden, die sich mit dem Begriff „Patriotismus“ zu tarnen sucht. Wenn das „Thompson“-Management angibt, Perkovićs Stücke, in denen schonmal als Kriegsverbrecher angeklagte kroati­schen Generäle verherr­licht werden, seien „Liebeslieder mit patrio­ti­schem Inhalt“, wird es frostig.

Möglicherweise feierten noch vor wenigen Jahren einige der jüngeren Perković-BesucherInnen am Pfingstsonntag statt zu natio­na­lis­ti­schem Rock zu Balkan-Brass, Gypsysounds, Klezmer und elektro­ni­scher Musik bei den zwischen­zeit­lich auch in Wuppertal populären „Balkan-Parties“. Die Parties, bei denen auch schonmal auf den Tischen getanzt wurde, feierten eine jugosla­wi­sche Multikulturalität, die durch einen entfes­selten Nationalismus vernichtet wurde. Wenn statt­dessen ein Club in Wuppertal heute mit KünstlerInnen ein besseres Geschäft machen kann, die natio­na­lis­ti­sche Kriegstreiberei feiern und dabei auch nicht vor einer Relativierung der faschis­ti­schen Epoche Halt machen, ist das ein trauriges Sinnbild dafür, dass kroati­sche und serbi­sche Nationalisten sich als Vorreiter politi­scher Entwicklungen in Europa fühlen können. Und wie vor einem Vierteljahrhundert in Jugoslawien trifft ein als „Patriotismus“ verharm­loster Nationalismus auch jetzt auf eine manchmal verschla­fene Zivilgesellschaft, die zwischen Desinteresse und Naivität nicht wirklich mitbe­kommt, was in ihrer Mitte abgeht.

Mehr zum Thema:

Der öster­rei­chi­sche Standard hat ein längeres Stück zu Bleiburg publi­ziert
Beitrag über kroati­schen Neofaschismus in einem ARTE-Film über Europs Rechte

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Offener Brief: Keine faschistische Propaganda in Wuppertal!

Offener Brief an die „perfekte Party-Location“ (Eigenbeschreibung), den  Wuppertaler Club „Apollo 21“ und die Stadt Wuppertal: Im Club an der Kasinostraße in Wuppertal-Elberfeld ist für den 4. Juni ein Konzert mit dem kroati­schen Fascho-Rocker „Thompson” geplant. Wir hoffen, dass der Offene Brief genügend Druck aufbauen kann, das geplante Treffen kroati­scher Nationalisten und Faschisten in Wuppertal noch abzusagen.

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Keine faschis­ti­sche Propaganda in Wuppertal!

Offener Brief zum geplanten Konzert der kroati­schen Rockband „Thompson“
am 4.6.2017 im „Apollo 21“ in Wuppertal-Elberfeld

Durch einen Journalisten der Frankfurter Rundschau wurden wir auf einen geplanten Auftritt der kroati­schen Rockband „Thompson“ am 4.6.2017 im Wuppertaler Club „Apollo 21“ (Kasinostraße) aufmerksam gemacht. Wir fordern die BesitzerInnen des Lokales auf, den mit der Agentur „HR-Events“ geschlos­senen Vertrag zu kündigen und das Konzert abzusagen.

Hilfsweise fordern wir die Stadt Wuppertal und deren Ordnunsgbehörden auf, alles in ihrer Macht stehende zu unter­nehmen, das geplante „Thompson“-Konzert zu unter­sagen.

Die kroati­sche Rockband „Thompson“ um ihren Gründer und Frontmann Marko Perkovic ist europa­weit für die Verherrlichung des kroati­schen Faschismus und militä­ri­scher Aktionen kroati­scher Milizen im so genannten „Kroatienkrieg“ von 1991 bis 1995 berüch­tigt; der Name der Band bezieht sich auf das von Marko Perkovic im „Kroatienkrieg“ benutzte Gewehr. Für die Band gab und gibt es u.a. Auftrittsverbote in der Schweiz, in Istrien und den Niederlanden. Zuletzt wurden der Band Auftritte im öster­rei­chi­schen Kremsmünster (April 2017) und im slowe­ni­schen Maribor (Mai 2017) unter­sagt. Auch in Deutschland kam es bereits zu mehreren Absagen eines geplanten „Thompson“-Konzertes in Berlin 2014. Neben der während der „Thompson“-Konzerte im Mittelpunkt stehenden Unterstützung Marko Perkovics für die vom ICTY (dem inter­na­tio­nalen Kriegsverbrechertribunal) angeklagten kroati­schen Generäle, wird vor allem die positive Bezugnahme der Band und ihrer Fans auf die faschis­ti­sche Ustascha-Regierung Kroatiens im Zweiten Weltkrieg kriti­siert. Der negative Höhepunkt der Verehrung des kroati­schen Ustascha-Faschismus war der per Video dokumen­tierte Vortrag des Ustascha-Liedes „Jasenovac i Gradiška Stara“ während eines Konzertes der Band, das die Tötung von Juden und Serben im Vernichtungslager Jasenovac verherr­licht.

Konzerte der Band ziehen regel­mäßig hunderte, wenn nicht tausende kroati­sche Nationalisten und Faschisten an, die zu den Auftritten trotz einer offiziell durch die Musiker geäußerten Bitte zum Verzicht auf faschis­ti­sche Symbolik immer wieder auch Symbole der Ustascha oder der „Crna legija“ („Schwarze Legion“) tragen. Für das Konzert in Wuppertal wird NRW-weit im Internet auf kroati­schen Facebook-Seiten für den Vorverkauf geworben. In Wuppertal wird der Vorverkauf durch einen „Intermerkur Weinhandel“ abgewi­ckelt. Auch für das am 4. Juni geplante Konzert muss befürchtet werden, dass viele nationalistisch/ faschis­ti­sche KroatInnen nach Wuppertal kommen werden.

Wir wenden uns entschieden gegen die Verharmlosung oder gar Verherrlichung der mit den Nationalsozialisten verbün­deten kroati­schen Ustascha in Wuppertal. Es kann nicht zugelassen werden, dass die in Jasenovac ermor­deten Roma, Juden und Serben bei einer Konzertveranstaltung verhöhnt werden. Im KZ Jasenovac, dem einzigen Vernichtungslager in dem ohne deutsche Beteiligung gemordet wurde, wurden bis zu 90.000 Menschen von kroati­schen Faschisten ermordet. Gleichzeitig finden wir es unerträg­lich, dass in einer Stadt, in der vor dem Krieg exilierte Bosnier, Sloweninnen, Serben und Kroatinnen seit Jahrzehnten zusam­men­leben, durch die positive Bezugnahme auf kroati­sche Kriegsgreuel in den neunziger Jahren ein natio­na­lis­ti­sches Feuer geschürt werden soll, dass während der „Balkankriege“ über 100.000 Menschen das Leben gekostet hat.

Das geplante „Thompson“-Konzert in Wuppertal darf nicht statt­finden!

so_ko_wpt – soli-komitee wuppertal
Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz e.V.
Kreisverband Die LINKE Wuppertal
Tacheles e.V. Sozialhilfe und Erwerbslosenverein
Linkes Forum (LF) in Wuppertal
welco­me2wup­pertal (w2wtal)
Regionalbüro Arbeit und Leben DGB/VHS Berg-Mark
VVN-BdA Wuppertal
Deutsche Kommunistische Partei (DKP)
kein mensch ist illegal wuppertal
Fem_Kollektiv_Wuppertal

Eisbrecher Wuppertal
Sonja Kies
Ludger Pilgram

 

Wuppertal, den 23. Mai 2017

Weblinks:
Ankündigung und Vorverkaufsstellen für das Konzert (de.eventbu.com)
Wikipedia-Eintrag zur Band „Thompson”
Recherche & Aktion Berlin im Vorfeld der Konzertabsagen 2014

Offener Brief 4.6 (Download als pdf-Datei)

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