Rostock II : Interview zur Demo 20 Jahre Lichtenhagen

Am Wochen­ende ist nicht nur das bundes­weite Antifa­camp in Dortmund ein antifa­schis­ti­scher Kristal­li­sa­ti­ons­punkt, sondern auch die ebenfalls bundes­weite Demo in Rostock-Lichten­hagen anläss­lich des zwanzigsten Jahres­tages der rassis­ti­schen Ausschrei­tungen gegen die Bewoh­ne­rInnen des Lichten­ha­gener „Sonnen­blu­men­hauses”. Kombinat Fortschritt aus Rostock hat vor diesem Hinter­grund ein Gespräch mit den Sprecher_innen desVor­be­rei­tungs­kreises geführt.

(Quelle : indymedia​.org)

Kombinat Fortschritt : Euer Bündnis mobili­siert für den 25. August zu einer Demons­tra­tion zum „Sonnen­blu­men­haus” in Rostock Lichten­hagen, dem Tatort von 1992. Könnt ihr zunächst mal kurz einen Überblick geben wer das Ganze organi­siert ?

Claudia : Ja, die Demons­tra­tion wird von linken Gruppen und Verbänden aus Rostock und aus dem Bundes­ge­biet vorbe­reitet. Mit dabei sind die Verei­ni­gung der Verfolgten des Nazire­gimes, Antifa-Gruppen aus vielen Städten, die Ver.di-Jugend, das umsGanze!-Bündnis und Gruppen der Inter­ven­tio­nis­ti­schen Linken, die Initia­tive ‚Rassismus tötet’, aber auch Solid und die Jusos Berlin.

Jochen : Unser Bündnis ist also relativ breit, und unsere Unterstützer_innenliste wächst täglich. Es werden viele Flücht­lings­in­itia­tiven zur Demo kommen. Übrigens : Unmit­telbar nach der Demons­tra­tion wird es am „Sonnen­blu­men­haus” ein linkes Konzert geben, mit Fritten­bude, dem Berlin Boom Orchestra, Feine­sahn­e­fisch­filet und Kobito.

KF : Warum mobili­siert ihr bundes­weit nach Rostock, was ist das Beson­dere an diesem Pogrom ? Es gab Anfang der 90er Jahre ja eine ganze Serie rassis­ti­scher Anschläge, zum Beispiel das Pogrom von Hoyers­werda 1991 oder den Mordan­schlag von Solingen 1993, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen.

Jochen : Insge­samt haben Nazis und Rassisten in diesen Jahren 17 Menschen ermordet und mehr als 450 zum Teil schwer verletzt. Ermutigt wurden sie durch eine monate­lange Hetzkam­pagne in Politik und Medien, in der rassis­ti­sche Kampf­be­griffen ganz selbst­ver­ständ­lich waren : „Überfrem­dung”, „Schein­asy­lant”, „Das Boot ist voll” usw. Doch das Pogrom von Rostock-Lichten­hagen sticht heraus, und das nicht nur wegen der tagelangen Übergriffe vor laufenden Kameras. Die Bilder aus Rostock wurden politisch ausge­schlachtet und führten zur Abschaf­fung des Grund­rechts auf Asyl.

Claudia : Man kann hier wirklich einmal von einer Kompli­zen­schaft von Mob und Elite­spre­chen. Nach Rostock-Lichten­hagen rief Bundes­kanzler Kohl den „Staats­not­stand” aus – nicht wegen des Pogroms, sondern wegen der angeb­lich unerträg­li­chen „Asylan­ten­flut”. Nach Rostock-Lichten­hagen ist die SPD einge­knickt und hat der Grund­ge­setz­än­de­rung zugestimmt. Erst als die in trockenen Tüchern war gab’s die ganzen Lichter­ketten gegen Rassismus. Seither fährt die Berliner Republik zweigleisig : man ist „für Demokratie und Toleranz” und „gegen Rechts”; man schiebt aber auch gnadenlos ab, sortiert und drang­sa­liert Menschen nach Nützlich­keit und Herkunft.

KF : Was sind die Ziele eurer Demo, was wollt ihr vermit­teln ?

Jochen : Wir wollen nicht einfach „erinnern und mahnen”, wir wollen die Zusam­men­hänge von Rassismus und politi­schem Alltag deutlich machen. In Deutsch­land ist Erinnern zu einer Art Volks­sport geworden, mit dem man sich selbst ein reines Gewissen sichert. Natür­lich ist es gut, gegen Rassismus auf die Straße zu gehen oder Naziauf­mär­sche zu blockieren. Aber menschen­feind­liche Ideolo­gien sind keine Randphä­no­mene. Sie entspringen der Logik einer Gesell­schaft, in der Menschen ständig um Lebens­chancen konkur­rieren müssen. Kapita­lis­ti­sche Auslese ist gnadenlos. Um so schärfer wird gestritten, wer zu „uns”, zur Nation dazuge­hört – zu denen die im Zweifels­fall privi­le­giert werden, die das Sagen haben.

Claudia : Das deutsche Staats­bür­ger­schafts­recht wurde seit Rostock-Lichten­hagen zwar refor­miert. Doch damit haben Rassismus und Sozial­chau­vi­nismus nicht aufge­hört, im Gegen­teil. Man muss nur an die antimus­li­mi­schen Reflexe der sogenannten Integra­ti­ons­de­batte denken, oder an die rassis­ti­schen Bilder vom „faulen Pleite­grie­chen”. Kaum jemand wendet sich gegen den alltäg­liche Rassismus von Polizei und Auslän­der­be­hörden. Und das europäi­sche Grenz- und Abschie­be­re­gime produ­ziert Jahr für Jahr ungestört tausende Tote.

KF : Für den Vormittag des 25.8. plant ihr - quasi vor der Demo - auch noch eine Kundge­bung auf dem Neuen Markt am Rosto­cker Rathaus. Worum wird es dabei gehen ?

Claudia : Zum einen wollen wir mit der Kundge­bung im Stadt­zen­trum unter­strei­chen, dass Rassismus – wie gesagt – in der Mitte der Gesell­schaft wurzelt, und nicht nur in Platten­bau­sied­lungen. Zum anderen wollen wir an einen Eklat von 1992 erinnern und ein kriti­sches Gedenk­zei­chen durch­setzen. Einige Wochen nach dem Pogrom hatte eine aus Frank­reich angereiste Delega­tion der ‚Söhne und Töchter der depor­tierten Juden Frank­reichs’ um Beate Klars­feld am Rosto­cker Rathaus eine Gedenk­tafel angebracht. Die Inschrift erinnerte an die „rassis­ti­schen Gewalt­taten” der Gegen­wart, aber auch an die Depor­ta­tion und Ermor­dung von Juden und Sinti und Roma während des Natio­nal­so­zia­lismus. Damit hatten sie offenbar einen Nerv getroffen. Die Behörden ließen alle betei­ligten festnehmen, drei wurden inhaf­tiert, die Tafel wurde entfernt. Wir wollen einmal sehen, wie sich Rostock heute zu dieser Episode stellt.

KF : Im Vorfeld gab es einige Kritik an euer Demons­tra­tion. Es hieß ihr würdet Anwohner_innen pauschal als Rassisten abstem­peln und den Jahrestag für eigene politi­sche Zwecke missbrau­chen. Wie reagiert ihr auf diese Kritik ?

Jochen : Es ist immer wieder erstaun­lich, wie reflex­haft sich die gute Gesell­schaft gegen Vorwürfe verwahrt die niemand erhoben hat, und wie sehr sie um ihr Ansehen besorgt ist. Man könnte fast denken da hätte jemand schlechtes Gewissen. Während der Pogrome 1992 sorgten sich alle um das „Ansehen Deutsch­lands”. Antifa­schisten, die sich den Nazis in den Weg stellten, wurden von der Polizei angegriffen und festge­nommen, in der Presse wurden sie als „Krawall­ma­cher” denun­ziert. Und heute ? Außen­mi­nister Wester­welle fand die Mordserie des NSU „vor allem sehr, sehr schlimm für das Ansehen Deutsch­lands in der Welt”. Der Unter­schied : Mittler­weile denken alle sie hätten ihre Lektion gelernt. Darauf wird auch die Rede von Bundes­prä­si­dent Gauck am 26.8. hinaus­laufen. Eines ehema­ligen Rosto­cker Pfarrers übrigens, von dem während des Pogroms Nullkom­ma­nichts zu hören war.

Claudia : Unsere Demons­tra­tion erinnert daran, dass es mit oberfläch­li­chem Humanis­mus­nicht getan ist, dass man die gesell­schaft­li­chen Ursachen des Rassismus bekämpfen muss. Mit dieser Position ernten wir auch viel Zuspruch. Wer sich konse­quent gegen Rassismus stellen will, ist auf unserer Demons­tra­tion richtig.

KF : Lasst uns mal den Blick nach vorn richten. Was wollt ihr mit der Demons­tra­tion in Rostock konkret errei­chen ?

Jochen : Wir wünschen uns natür­lich, dass wir auch skepti­sche Rostocker_innen überzeugen, und dass wir so mehr Unter­stüt­zung und größere Spiel­räume für antiras­si­ti­sche Politik schaffen können. Wir wissen aber auch, dass es im Zweifels­fall auf die Entschlos­sen­heit von Antifaschist_innen ankommt.Deshalb hoffen wir, dass die bundes­weite Mobili­sie­rung auch ein Impuls für die Antifa-Szene vor Ort ist. In Rostock gibt es keine rechte Dominanz wie in anderen ostdeut­schen Städten.Aber auf diesem Erfolg dürfen wir uns nicht ausruhen.

Claudia : Außerdem wollen wir denen den Rücken stärken, die unter deutschem Auslän­der­recht diskri­mi­niert werden, die in den Mühlen der deutschen Ausländer- und Asylbe­hörden syste­ma­tisch ernied­rigt und entrechtet werden. Gerade organi­sieren sich Flücht­linge gegen das Regime der Residenz­pflicht und der Lager­un­ter­brin­gung, mit „Flücht­lings­streiks” in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Berlin. Dieser Protest ist überfällig, und wir wollen ihn nach Kräften unter­stützen.

KF : Zum Schluss noch mal zu ein paar ganz prakti­schen Dingen : Rostock liegt ja eher im äußeren Nordosten, nicht gerade günstig für eine bundes­weite Mobili­sie­rung. Ihr habt für Leute von außer­halb einiges organi­siert. Was ist eure Infra­struktur für den Tag ?

Claudia : Zunächst mal haben unsere Bündnis­gruppen aus vielen Städten Busan­rei­sen­or­ga­ni­siert. Es kommen Busse aus Köln, Frank­furt, Leipzig, Göttingen und vielen anderen Städten. Aus Berlin, Kiel und Hamburg gibt es eine gemein­same Zugan­reise. Alle Infos dazu auf unserer Homepage. Dort gibt es demnächst auch alle Infos zur Demo, mit Karten und Telefon­num­mern etc. Wer das Konzert entspannt mitnehmen will oder am 26.8. in Rostock noch etwas vorhat, kann sich für eine Übernach­tung an die Pennplatz­börse wenden. Einfach eine eMail an pennplatz_​rostock@​systemausfall.​org, und Schlaf­sack nicht vergessen. Alles weitere ergibt sich.

weitere Infos : www​.lichten​hagen​.net

Bundes­weite Demo im Gedenken an Pogrome von Lichten­hagen
Samstag 25.08.2012 | 11 Uhr, Kundge­bung | Rostock-Stadt­zen­trum
Samstag 25.08.2012 | 14 Uhr, Demo | S-Bhf. Rostock Lütten Klein

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