Interview „Das andere sind die kackfrechen Lügen”

Das Inter­view zum Döppers­berg Umbau und zur Initia­tive döpps105 ist ursprüng­lich in der AZ-Massen­zei­tung zum 1.Mai erschienen Es wurde von den Mache­rInnen der Zeitung am 1.April mit Frank Jäger (Tacheles e.V., döpps105) und Loba vom so_ko_wpt geführt. Das dabei angespro­chene Inter­view mit Thomas Wagner und eine vorläu­fige Einschät­zung der Initia­tive döpps105 von unserer Seite gibt es hier : „Trotz Mitmach­falle : Die Initia­tive macht weiter”.

Das Inter­view : „Das andere sind die kackfre­chen Lügen”

Die Initia­tive döpps105, die sich für die Begren­zung der Umbau­kosten am Döppers­berg stark macht, hat am 14.03. die für ein Bürge­rIn­nen­be­gehren erfor­der­liche Anzahl an Unter­schriften bei der Stadt Wuppertal einge­reicht.

Loba ist aktiv im so_ko Wuppertal (soli-komitee), das sich an der döpps105-Initia­tive betei­ligt hat. Frank ist Berater bei Tacheles e.V. und hat in den letzten Monaten das Bürge­rIn­nen­be­gehren von döpps105 mit voran­ge­trieben. Wir sprachen mit den beiden über Bürge­rIn­nen­be­tei­li­gung in Wuppertal und die Art, wie die Stadt­spitze mit dem Bürge­rIn­nen­be­gehren umgeht, sowie über die inves­to­ren­freund­liche Stadt­ent­wick­lungs­po­litik in Wuppertal.

Frage :  Der Umbau am Döppers­berg wird bekannt­lich viel teurer als geplant. Nun sollen über 35 Millionen mehr inves­tiert werden. Glaubt ihr, dass es bei der angekün­digten Kosten­stei­ge­rung bleiben wird ?

Frank : Es gibt unter­schied­liche Schät­zungen, die so bei über 200 Millionen Euro liegen - der Wupper­taler Unter­nehmer Schmersal, der sehr erfahren in großen Baupro­jekten ist, geht fest davon aus. Die Stadt­spitze versucht, die Frage der Kosten­stei­ge­rung zu umschiffen. Es wird auf jeden Fall teurer ; um wie viel, ist meiner Meinung nach Kaffee­satz­le­serei.

Wie ist denn der aktuelle Planungs­stand beim Umbau ?

Loba : Es gibt Presse­mel­dungen, dass die weiteren Pläne mit dem irischen Unter­nehmen Signa­ture Capital, dem Investor des Geschäfts­hauses vor dem Bahnhofs­ge­bäude, das jetzt auch das Schwe­be­bahn­ge­bäude am Döppers­berg kauft, eng verzahnt abgestimmt werden müssen. Das heißt es könnte am Ende auch auf eine Public Private Partnership (PPP) hinaus­laufen, wo Signa­ture Capital der Stadt unter die Arme greift, aber dafür auch viele Zugeständ­nisse bekommt. Die Rolle von Signa­ture Capital ist bislang noch völlig unklar, aber es könnte auf eine massive Priva­ti­sie­rung öffent­li­chen Raums hinaus­laufen.

Frank : Es gibt aber auch Aufga­ben­felder, die laut Presse jetzt wieder in den Aufga­ben­be­reich der Stadt zurück­fallen, beispiels­weise sind die Kosten für den Pavillon an der Wupper in den Kalku­la­tionen der Stadt noch gar nicht aufge­führt.  Man kann in beide Richtungen speku­lieren – teurer wird es auf jeden Fall.

Die döpps105-Initia­tive hat Unter­schriften gesam­melt : Wie ist jetzt der Stand bei der Initia­tive ?

Frank : Die ersten Treffen gab es im September 2013, die Initia­tive hat sich also erst gegründet, als die Mehrkosten nicht mehr vertuschbar waren. Das haben zwar alle, die das Projekt beobachtet haben, schon lange gewusst. Die Empörung ist aber erst hochge­kocht, als die Stadt die Katze aus dem Sack gelassen hat. Dann formierte sich eine Initia­tive aus unter­schied­li­chen Gruppen und Einzel­per­sonen. Am 18.November ist per Ratsbe­schluss ein früherer Beschluss – nämlich die Baukosten auf 105 Millionen zu begrenzen - aufge­hoben worden. Ziel des Bürge­rIn­nen­be­geh­rens von döpps105 ist es nun, diesen neuen Beschluss, der eine Kosten­stei­ge­rung um 35 Millionen beinhaltet, aufzu­heben. Dafür kamen trotz widriger Bedin­gungen seit Mitte Januar deutlich mehr als die notwen­digen 11.000 Unter­schriften zusammen.

Loba : Es gibt Leute, die sich mit diesem Bürge­rIn­nen­be­gehren schwer getan haben, unter anderen auch ich. Ich bin schon der Meinung, dass das Feld urbaner Trans­for­ma­tion bespielt werden muss, aber dass Bürger­be­gehren ein sehr fragwür­diges Instru­ment sind. Vor allem ist da natür­lich die Kritik daran, dass dabei nur „Wahlbürger” mitma­chen dürfen. Was ist mit unseren türki­schen und arabi­schen Freun­dInnen ? Es geht aber auch um Grund­sätz­li­ches : Der Autor Thomas Walter beschreibt in seinem Buch „Die Mitmach­falle“ sehr eindrück­lich, wie gesetz­liche Betei­li­gungs­ver­fahren in der Regel mögli­chen Wider­stand kanali­sieren, spalten und wirkungslos machen. Der „runde Tisch” bei „Stutt­gart 21” ist da ein Beispiel. Es ist wie bei Wahlen : Wenn Bürge­rIn­nen­be­gehren etwas verän­dern könnten, wären sie verboten. Also gibt es jede Menge Versuche, sie letzten Endes juris­tisch zu blockieren. Auch in diesem Falle werden wir sehen, wie diese 13.000 Unter­schriften mit juris­ti­schen Argumen­ta­tionen vom Tisch gewischt werden. Es wird jetzt spannend, zu sehen, wie die Initia­tive auf die Wirkungs­lo­sig­keit ihres Begeh­rens reagiert.

Die Stadt hat ja schon verlauten lassen, dass sie die Unter­schriften nicht anerkennen wird. Wie will die Initia­tive darauf reagieren ?

Loba : Die Frage ist jetzt, ob die Leute sich auf das juris­ti­sche Spiel einlassen, oder ob sie sagen, wir haben uns so engagiert, und die Stadt inter­es­siert das jetzt alles einen Scheiß­dreck : wir müssen nach anderen Wegen suchen und Struk­turen schaffen, wie wir solchen Entschei­dungen zukünftig wirkungs­voller entge­gen­treten können. Da wird es jetzt verschie­dene Strate­gien geben, und es wäre meiner Meinung nach unsere Aufgabe, dieje­nigen zu stärken, die Recht-auf-Stadt-Struk­turen aufbauen wollen, die in Zukunft wirklich inter­ve­nieren können.

Wie setzt sich die Initia­tive Döpps105 denn zusammen ?

Frank : Die Initi­aitve ist relativ breit aufge­stellt. Viele Leute, die sich vorher nicht in Stadt­po­litik einge­mischt haben, sind jetzt aufgrund dieser Kosten­stei­ge­rung so empört, dass sie sich politi­siert haben. Es gab da keine Partei oder bestehende Struktur, die die Initia­tive dominiert hätte, und auch die Unter­schrif­ten­samm­lung war durchweg selbst­or­ga­ni­siert.

Loba : Es gibt einen für uns spannenden Punkt : Es gibt in Wuppertal mehr Leute als gedacht, die in Initia­tiven tätig sind, die aber oft außer­halb unserer Wahrneh­mung sind. Es gibt Nachbar­schafts­in­itia­tiven, die sich z.B. gegen eine Kanal­ver­le­gung wehren oder gegen die IKEA-Ansied­lung im Wupper­taler Norden und viele andere. Die Menschen organi­sieren sich aber haupt­säch­lich sehr klein­räum­lich, zum Beispiel in Hinblick auf ihre Straße oder Siedlung. Da müssen wir ansetzen, lokale „Mappings” wären ein guter Anfang.

Was waren denn für euch die ursprüng­li­chen Beweg­gründe, sich mit dem Döppers­berg zu befassen?!

Frank : Ich komme aus dem Bereich der Sozial­po­litik, und wir sehen ja, wo das Geld überall fehlt. Jetzt wird nochmal zusätz­lich Geld für den Döppers­berg ausge­geben, der Investor bekommt den roten Teppich ausge­rollt, und dem Rest der Stadt fehlt die Kohle. Was die Kürzungen im Sozial­be­reich oder Bildungs­be­reich angeht, ist das Ende der Fahnen­stange schon lange erreicht. Das war für mich der ausschlag­ge­bende Punkt, zu sagen, das geht einfach nicht. Das andere sind die kackfre­chen Lügen : Im Jahr 2010 wurde das schärfste Kürzungs­paket geschnürt, erfolgten die Weichen­stel­lung für die Schlie­ßung des Schau­spiel­hauses und mehrerer Schwimm­bäder. Im gleichen Jahr wird das Projekt Döppers­berg einge­tütet, und zwar gerecht­fer­tigt mit einer klaren Kosten­de­cke­lung auf die 105 Millionen. Das ist eine große Lügen­ge­schichte, die mich wie viele andere auf die Palme brachte.

Loba : Für mich waren es mehr stadt­pla­ne­ri­sche Aspekte : Wie die Stadt, in der wir leben, nach neoli­be­ralem Zuschnitt umgebaut wird, wessen Inter­essen hier bedient werden, wer die Beute davon schleppt, und wieviel Lebens­qua­lität für die Leute hier übrig bleibt. Es gibt da grund­sätz­liche Fragen : wieviel Einzel­han­dels­fläche wird neu geschaffen, die keineR braucht, warum kann ich in meinem Kiez nicht mehr einkaufen gehen, wieso wird eine Stadt so besin­nungslos zubeto­niert, warum muss der Platz am Kolk, der auch ein Park sein könnte, einem Einkauf­zen­trum wie den ECE-City Arkaden weichen ?

Womit glaubt ihr, was der Döpps-Umbau in den nächsten Jahren für die Stadt bedeutet ? Was denkt ihr, was die Stadt­spitze sich davon verspricht, das auf Teufel komm raus durch­zu­boxen ?

Loba : Für Leute wie den CDU-OB Jung oder den SPD-Mann Reese funktio­niert das ganz schlicht : Jubel­mel­dungen der Lokal­presse, dass die Immobi­li­en­preise auch in Wuppertal anziehen, nehmen die als  positiv wahr. Das berück­sich­tigt aber in keiner Weise die Leute, die für mich Wuppertal ausma­chen, die jetzt schon keine bezahl­baren Wohnungen finden, oder in der Innen­stadt Platz­ver­bote erteilt bekommen. Das inter­es­siert aber Jung und Reese nicht, weil das nicht die Leute sind, für die sie Politik machen. Die machen Politik für ihren Plan einer Zweit­liga-Gentri­fi­zie­rung als Schlaf­stadt für Köln oder Düssel­dorf und für Inves­toren, die aus dieser Stadt Profit rausziehen wollen.

Frank : Es stimmt, dass durch diese Politik ein Drittel der Bevöl­ke­rung abgehängt wird. Es geht darum, genug Leute dafür zu inter­es­sieren, dass dieses Drittel eben auch zur Stadt gehört, nicht einfach abgeschrieben werden kann, und dass dieses Drittel die Stadt in den nächsten zehn Jahren genauso mitge­stalten wird – denn das Thema Döppers­berg wird uns schließ­lich noch bis mindes­tens 2018 begleiten.

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Für letzten lauten Protest gegen Abschiebungen von DUS

Nach dreiein­halb Jahren konti­nu­ier­li­cher Protest­prä­senz am Düssel­dorfer Flughafen bei jeder der vielen Sammel­ab­schie­bungen ruft das Bündnis „Abschie­be­stop Düssel­dorf” am 15.April zum letzten Mal zum Protest gegen eine Massen­ab­schie­bung auf. Sie wird nach Serbien durch­ge­führt und trifft wieder haupt­säch­lich Roma. „Abschie­be­stopp Düssel­dorf” sieht als Gruppe zunächst keine Basis mehr für weitere Mobili­sie­rungen, das Fazit der zähen Arbeit am nordrhein-westfä­li­schen Abschiebe-Drehkreuz Düssel­dorfer Flughafen fällt gemischt aus.

Selbst­kri­tisch ist anzumerken, dass die Aktivis­tinnen und Aktivisten, die kämpfe­risch aber oft frustriert die Abschie­bungen beglei­teten, jedoch fast nie verhin­dern konnten, von vielen zwar solida­ri­sche Grüße, aber zu selten auch konkrete Unter­stüt­zung erfahren haben. Wenn es darum geht, den Normal­be­trieb des Abschie­be­kno­tens Düssel­dorf zu stören, wären mehr Teilneh­mende an den Demons­tra­tionen häufig einfach wünschens­wert gewesen.

Schon, um mögliche neue Perspek­tiven für den Wider­stand gegen die Abschie­bungen zu eröffnen, wird es deshalb umso bedeu­tender sein, sich am 15.April wirklich massen­haft am Morgen aufzu­raffen, um zum (vorerst) letzten Mal die Maschi­nerie des Flugha­fens laut und entschlossen aus dem Takt zu bringen, wenn im rot-grünen NRW schon wieder Menschen gegen ihren Willen außer Landes verschleppt werden.

Wir möchten „Abschie­be­stopp Düssel­dorf” für die jahre­lange Arbeit Danke sagen und rufen alle auf, ihren Protest am Dienstag, den 15.04. ab 0800 Uhr morgens an „Gate F” zu unter­stützen. Stop Depor­ta­tion !

Nachfol­gend dokumen­tieren wir ein Fazit, einen Ausblick, den Aufruf des Bündnisses :

15.04
Last Call Serbia -- Letzte Mobili­sie­rung von Abschie­be­stop zum Düssel­dorfer Flughafen

Zum letzten Mal rufen wir zu einer breiten Mobili­sie­rung gegen die Sammel­ab­schie­bungen am Düssel­dorfer Flughafen auf : Laut, kreativ, ideen­reich, unüber­sehbar und unüber­hörbar.

Wir, das Bündnis „Abschie­be­stop Düssel­dorf”, haben uns nach längerer Diskus­sion entschieden, noch ein letztes Mal zu Aktionen am Flughafen Düssel­dorf während der nächsten Sammel­ab­schie­bung aufzu­rufen. Der Flug wird am 15.April nach Serbien gehen. Betroffen werden wieder vor allem Roma sein. Danach wollen wir diese Aktionen für unseren Teil einstellen.

Der Grund für diese Entschei­dung ist leider nicht, dass sich irgend­etwas in der bundes­deut­schen oder europäi­schen Abschie­be­po­litik zum Positiven verän­dert hätte -- im Gegen­teil.

Wir denken jedoch, dass diese Aktions­form an ihr (vielleicht auch nur vorläu­figes) Ende gekommen ist. Es gibt keinen politi­schen Mehrwert durch die immer gleiche Wieder­ho­lung der Aktionen. Damit wollen wir nicht sagen, dass die bishe­rigen Aktionen ein Misser­folg waren. Im Rückblick denken wir, dass einiges erreicht wurde und das Thema Sammel­ab­schie­bung sowie Abschie­bung von Roma in die Öffent­lich­keit gebracht werden konnte.

Ein kurzer Rückblick

Seit Herbst 2010 haben -- mit wenigen Ausnahmen -- bei jeder Sammel­ab­schie­bung vom Düssel­dorfer Flughafen Protest­ak­tionen inner­halb und außer­halb des Termi­nals statt­ge­funden. Die Betei­li­gung variierte zwischen 15 und 100 Personen, was angesichts der Tatsache, dass die Sammel­ab­schie­bungen i.d.R.. Diens­tags früh morgens statt­finden und die Termine manchmal erst sehr kurzfristig bekannt wurden, immer noch erstaun­lich viel ist.

Gerade zu Beginn der Proteste gab es größeres Inter­esse seitens der Medien, zum Teil wurden Presse­kon­fe­renzen am Flughafen einbe­rufen. Es gelang eine Skanda­li­sie­rung der ansonsten im verbor­genen laufenden Praxis der Sammel­ab­schie­bung von Roma u.anderen in die Länder Ex-Jugosla­wiens.

Zu Beginn der Aktionen, noch vor dem sogenannten Flughafen-Urteil, welches Demons­tra­tionen inner­halb von Flugha­fen­ge­bäuden ausdrück­lich erlaubt, ging es auch darum sich einen Aktions- und Handlungs­spiel­raum, nämlich den Flughafen-Terminal zu erkämpfen. Hierzu musste teilweise dezen­tral und unauf­fällig in das Gebäude einge­drungen werden, Sambat­rom­meln in Rucksäcke versteckt und Trans­pa­rente unter Pullis getragen werden.

Durch die Aktionen gelang es, sowohl den von der Abschie­bung Betrof­fenen am Gate unsere Solida­rität zu zeigen, als auch eine ganze Reihe von Fluggästen, Airline-Angestellten und Flughafenmitarbeiter*innen zu errei­chen und nicht selten auch zum Nachdenken zu bringen. Neben genervten Blicken und verbalen Ausfällen erlebten wir auch immer wieder Solida­rität, Verständnis und Zustim­mung. Und zwar nicht nur seitens der Passa­giere, sondern auch von Mitarbeiter*innen und Angestellten des Flugha­fens und der Airlines.

Mediale Aufmerk­sam­keit

Bei einigen Abschie­bungen – insbe­son­dere, wenn Sammel­charter mit dem Ziel Kosovo starten sollten – waren auch die Medien aufmerksam, beglei­teten die Proteste und forderten das Innen­mi­nis­te­rium zu Stellung­nahmen auf. In einigen -- ganz wenigen -- Fällen wurden einzelne Abschie­bungen abgebro­chen, weil recht­zeitig ein Anwalt kontak­tiert werden konnte. Oder aber die bereits erfolgte Abschie­bung wurde im Nachgang zum Skandal. So berich­tete bspw. Report Mainz am 25.09.2012 über die Abschie­bung einer schwer kranken Frau.

Auch in den Regio­nal­nach­richten des WDR gab es immer wieder ziemlich positive Berichte -- und mitunter auch Kritik an der Abschie­be­po­litik der Landes- und Bundes­re­gie­rung :

WDR 2 : Auswei­sung aus Deutsch­land
Center TV : Beitrag zum Protest gegen Sammel­ab­schie­bung
Rheini­sche Post : Proteste gegen erneute Abschie­bung von Roma

Reaktionen seitens Flughafen und Behörden

Die Reaktionen der Flugha­fen­ver­wal­tung und der Polizei auf unsere Proteste lassen darauf schließen, dass die Aktionen in und um den Terminal herum durchaus das Poten­tial hatten, den geregelten Betrieb zumin­dest ein wenig durch­ein­an­der­zu­bringen. Mitunter wurden Rolltreppen ausge­schaltet ; die Webcam im Terminal war eine Weile offline und -- je nach Dauer und Größe der Kundge­bungen -- war es offen­sicht­lich : Wir haben genervt!. Es wurde sichtbar gemacht, was Behörden, Flughafen und Airlines lieber im Verbor­genen gelassen hätten. Und damit ein Ziel erreicht, nämlich ein wenig Sand in der sonst viel zu reibungs­losen Abschie­be­ma­schi­nerie zu sein

Als Lob verbuchten wir den klagenden Bericht der Bund-Länder Arbeits­gruppe „Rückfüh­rung”, kurz „AG Rück”, in der sich über die zuneh­mende ableh­nende Haltung gegen­über Abschie­bung in der öffent­li­chen Wahrneh­mung beklagt wird - ausge­löst durch angeb­lich medial gut vernetze Lobby­gruppen…

Flücht­lings- /Refugee-Proteste

Ganz zweifellos hat sich in den vergan­genen drei Jahren insge­samt in der medialen und politi­schen Öffent­lich­keit in Hinblick auf die Thema­ti­sie­rung von Migra­tion und Abschie­bung enorm viel verän­dert. Das hat jedoch nur sehr wenig mit unseren Aktionen, dafür aber sehr viel mit den selbst organi­sierten Flücht­lings- /Refugee-protesten zu tun. Die mediale Aufmerk­sam­keit ist enorm gewachsen -- und die Bereit­schaft in breiten Bevöl­ke­rungs­kreisen zur Solida­ri­sie­rung, die inzwi­schen (nicht nur in Hamburg) zu beobachten ist, wäre vor drei oder vier Jahren wohl noch nicht vorstellbar gewesen.

Insofern haben Aktionen gegen Abschie­bung heute in vielerlei Hinsicht sehr viel mehr Rücken­wind als zu Beginn der Proteste.

Antizi­ga­nismus

Aller­dings mit der Einschrän­kung, dass bei den Abschie­bungen vom Düssel­dorfer Flughafen meist Roma betroffen sind. Und leider ist der Antizi­ga­nismus in letzter Zeit eher noch stärker geworden. Durch mediale Kampa­gnen, Diffa­mie­rungen und öffent­lich insze­nierte polizei­liche Groß-Razzien wie kürzlich in Köln gegen Arbeitsmigrant*innen aus Bulga­rien und Rumänien ist das rassis­ti­sche Bild gegen­über Roma noch weiter angefeuert worden.

Der Duisburger Fall um das Haus „In den Peschen” und die vermehrten tätli­chen Angriffe zeigen, dass Antizi­ga­nismus sehr ernst genommen werden muss.

Die Hetze gegen Roma wird höchs­tens kurz durch­bro­chen, wenn es irgend­eine „Human Interest-Geschichte” eines „gut integrierten” Roma-Kindes zu erzählen gibt. Da kann dann auch die bürger­liche Presse auf die Tränen­drüse drücken -- aller­dings ohne dass sich etwas an der grund­sätz­li­chen Einstel­lung oder den Abschie­bungen ändert.

Trotzdem konnten über Einzel­fall­ge­schichten die Bruta­lität der Abschie­bungen teilweise sichtbar gemacht werden und fanden so auch besseres Gehör.

Alle bleiben ! und Roma Center Göttingen

Ganz beson­ders erwähnt werden muss auch die vielfäl­tige und konti­nu­ier­liche Arbeit vom Roma Center Göttingen und den Alle Bleiben ! Gruppen. Durch Recherche-Reisen vor Ort, direkte materi­elle Unter­stüt­zung und viel Öffent­lich­keits­ar­beit ist es Ihnen gelungen die desolate Situa­tion von Roma in Serbien, Mazedo­nien und dem Kosovo einer breiten Öffent­lich­keit bekannt zu machen. Und letzt­lich waren ihre Recherche auch Basis unserer Arbeit. Zudem gab es an verschie­denen Stellen gemein­same Aktionen und Zusam­men­ar­beit. So z.B. während dem NoBorder Camp, bei der eine Ausstel­lung über die Situa­tion abgescho­bener Roma im Flughafen Düssel­dorf gezeigt wurde und sich auch viele Roma am Protest betei­ligten.

Info-Leaks

Im engeren Sinne hilfreich war aber ganz sicher, dass die Termine für die Sammel­ab­schie­bungen oft schon relativ früh bekannt waren und über Beratungs­ein­rich­tungen und Selbst­or­ga­ni­sa­tionen eifrig und breit bekannt gemacht wurden. Was wohl vielen Betrof­fenen die Möglich­keit gab, entweder noch vorhan­dene Rechts­mittel auszu­schöpfen oder schlicht zum gegebenen Zeitpunkt woanders zu sein.

Inter­na­tio­nale Vernet­zung

Darüber hinaus hatte das Abschie­be­stop-Bündnis den positiven Effekt, dass hierüber auch die Vernet­zung mit Aktivist*nnen in anderen Ländern verstärkt wurde. Denn bei (fast) allen Flügen handelte es sich um FRONTEX-koordi­nierte Opera­tionen ; gelegent­lich konnten in Düssel­dorf auch Kasten­wägen von Auslän­der­be­hörden aus benach­barten Ländern (Frank­reich, Belgien, Holland) beobachtet werden, die durch die Schranken zum Rollfeld fuhren.

Die Europäi­sche Vernet­zung hat mit dazu beige­tragen, dass mehr Wissen über den Ablauf von Sammel­ab­schie­bungen -- von der Zustän­dig­keit für Planung und Koordi­na­tion bis hin zu dem, was anschlie­ßend in Serbien oder Kosovo mit den Leuten passierte -- zusam­men­ge­tragen werden konnte.

FRONTEX als Abschie­be­agentur

FRONTEX ist bekannt als Grenz­schutz­agentur, die sich an der Abwehr und Kontrolle von Migra­tion an den EU-Außen­grenzen betei­ligt. Ihre weiter­ge­hende Funktion, nämlich die, Koordi­na­tion und Organi­sa­tion von Abschie­bungen, zumeist als Charter­flüge und Sammel­ab­schie­bungen war (und ist bis heute) deutlich weniger im allge­meinen Bewusst­sein. Wir hoffen aller­dings, dass die Flugha­fen­ak­tionen mit dazu beige­tragen haben, dieses Aufga­ben­feld von FRONTEX bekannter zu machen und zu skanda­li­sieren.

Air Berlin als Abschie­be­pro­fi­teur

Air Berlin konnte als eine der wichtigsten Flugge­sell­schaften und Profi­teur von Sammel­charter-Abschie­bungen benannt werden. Es gab bundes­weit Aktionen die das Geschäft von Air Berlin mit Abschie­be­flügen anpran­gerten. Doch auch wenn Air Berlin immer wieder benannt wurde, konnte doch nie eine wirklich das Image beschmut­zende Kampagne daraus entwi­ckelt werden.

Abschie­be­stop-Aktionen verharren als Ritual

Im Rückblick auf die Aktionen darf auch nicht übersehen werden, dass unsere Flughafen-Protest­mo­bi­li­sie­rungen der letzten Jahre es nicht geschafft haben, wirklich zu einer Massen­ak­tion, z.B. in Form einer massen­haften Blockade des Flugha­fens zu werden. Im Gegen­teil erstarrten sie mit den Jahren zuneh­mend zum Ritual ; es fehlte an Dynamik, kreativen Ideen bzw. deren Umset­zung und vor allem an Erfolgs­er­leb­nissen. Der ungüns­tige Zeitpunkt der Sammel­ab­schie­bung, der rein reaktive Charakter der Aktionen und auch die (vorher­seh­bare) wieder­keh­rende Erfah­rung, zwar protes­tieren, aber nicht wirklich etwas verhin­dern zu können, wirkte auf Dauer für viele frustrie­rend. Insofern ist es gut nachzu­voll­ziehen, dass manche oder mancher sich nach einer Weile nicht mehr persön­lich an
den Protesten betei­ligt hat.

Trotz mehrfa­cher Versuche und Anläufe, die Abschie­be­stop-Vernet­zungs­struktur zu öffnen und insge­samt die Proteste kreativer und überra­schender zu gestalten ist dies leider nicht gelungen.

Ausblick -- Wie geht’s weiter ?

Mit der aktuellen Entschei­dung, Serbien, Mazedo­nien und Bosnien-Herze­go­wina zu sicheren Herkunfts­staaten zu erklären, wird die Wahrschein­lich­keit eines positiv entschie­denen Asylan­trages verun­mög­licht. NRW und Düssel­dorf bleiben auch in Zukunft Knoten­punkt dieser rassis­ti­schen und bürokra­ti­schen Bruta­lität, wobei Sammel­ab­schie­bungen inzwi­schen nicht nur nach Ex-Jugosla­wien, sondern auch nach Georgien durch­ge­führt werden.

Es gibt also leider nach wie vor viel zu tun für alle Flüchtlingsaktivist*innen und Antirassist*innen.

Wir sehen mit Freude, dass es in anderen Städten und Regionen gerade ein großes Inter­esse am Aufbau von Struk­turen gegen Abschie­bungen gibt. Keines­wegs darf wieder ein Schweigen über die Düssel­dorfer Abschie­bungen gelegt werden.

Daher rufen wir inter­es­sierte Personen dazu auf, den Staffel­stab aufzu­nehmen und weiter zu tragen.

Die vorhan­dende Infra­struktur von Abschie­be­stop-Düssel­dorf wird weiter erhalten bleiben, über abschie­be­stop [at] riseup​.net gibt es weiterhin Kontakt­mög­lich­keiten.

Wir wollen dazu aufrufen, am 15.April noch einmal ein deutli­ches Zeichen gegen Abschie­bungen zu setzen und euch an einer bunten, lauten, massen­haften Aktion in und um den Düssel­dorfer Flughafen zu betei­ligen.

Bringt alles mit, was eure Wut zeigt, was Krach macht, bringt eure Trans­pa­rente gut sichtbar an allen mögli­chen und unmög­li­chen Stellen an, habt kreative Ideen.

Bringt alles mit, was sagen will : Stopp aller Abschie­bungen sofort ! Nie wieder Sammel­ab­schie­bungen ! Nieder mit FRONTEX ! Wider­stand dem Antizi­ga­nismus !

Denn :
Fliegen muss freiwillig sein ! Jeder Mensch hat das Recht, dort zu leben wo er oder sie es will ! Kein Mensch ist illegal !

Abschie­be­stop-Düssel­dorf

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