Nachricht von Subcomandante Marcos an den Gezi Widerstand

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An alle Bürger der Welt, Brüder, Schwes­tern, Frauen, Männer, Obdach­lose, arme Menschen !

Sie wollten wissen, wie viele Menschen die Zapatisten sind und wir zeigten ihnen, es gibt Hunderte von Tausenden, die für ihre Rechte und Freiheiten kämpfen. Nun heute hören wir, dass im anato­li­schen Land, dem Land der Türken, Kurden, Tscher­kessen, Armenier, der Lasen, und vielen mehr, als ich aufzählen kann, Tausende von maskierten Menschen, die in Würde leben wollen, nach Freiheit rufen. Wie die kurdi­schen Freun­dInnen, die schon lange einen ehren­haften Kampf kämpfen.

Wir wussten, dass wir nicht allein waren, es gab Millionen von uns da draußen, und wir waren nicht allein, als wir begannen zu kämpfen. Heute sehen wir, dass wir immer mehr werden. Wir hören, dass die Menschen in der Türkei „Ya Basta!” heraus­schreien und wir sehen sie in einem Aufruhr, um ihre Würde gegen die unter­drü­ckende Politik der türki­schen Regie­rung zu vertei­digen. Das große Istanbul, Haupt­stadt der Meister im Laufe der Geschichte, ist heute die Haupt­stadt des Aufruhrs, und es wurde zur Stimme der Unter­drückten. Wir sehen, dass die Straßen des großen Istanbul jetzt die Straßen der Haupt­stadt von Frauen, Kindern, Männern, Homose­xu­ellen, Kurden, Armeniern, Christen und Muslimen sind. Dieje­nigen, die seit Jahrzehnten von ihrer Regie­rung gedemü­tigt worden sind, unter­drückt und ignoriert sagen jetzt : „Wir sind hier.”

Wir sind begeis­tert !

Wir haben noch nie eine neue Regie­rung oder einen neuen Premier­mi­nister haben wollen. Wir baten um Respekt. Wir wollten, dass die Regie­rung unsere Forde­rungen nach Freiheit, Demokratie und Gerech­tig­keit respek­tiert. Die Menschen in der Türkei leisten jetzt seit Tagen Wider­stand und sie wollen das gleiche : Dass die aktuelle Regie­rung und alle Regie­rungen die der aktuellen folgen werden, die Forde­rungen nach Freiheit, Demokratie und Gerech­tig­keit respek­tieren. Und wenn Sie das nicht tun, werden wir, die Eigen­tümer der Rechte und Freiheiten, gegen sie aufstehen und auf den Straßen kämpfen, bis sie uns zu respek­tieren lernen. Wir wollen nicht zu viel, wir möchten nur, dass Sie unsere Rechte respek­tieren. Weil wir wissen, wie wir leben wollen, wissen wir genau, wie wir regieren müssen und wie wir regiert werden wollen. Wir wollen uns selbst regieren und über uns selbst entscheiden !

Wir grüßen die Menschen in der Türkei, die für ein würde­volles Leben kämpfen, und wir wollen ihnen sagen, dass uns das Feuer unseres Aufstands in Chiapas erwärmt hat. Solida­rität mit all denen, die die Geschichte von der Vergan­gen­heit in die Zukunft trans­por­tieren und sich in der Gegen­wart bewegen.

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Leuchten der Augen – Gezi-Soli-Demo

Das Verhältnis zwischen türki­schen und deutschen Menschen ist ein beson­deres, zuletzt wurde das bewusst, als wir mit den Vorbe­rei­tungen zum 20.Jahrestag des Brand­an­schlags von Solingen begonnen haben. Auch die dem Mord folgenden vielfäl­tigen Gegen­re­ak­tionen einer türkisch-deutschen Öffent­lich­keit rückten dabei wieder in Erinne­rung.

Selbst­be­wußte und kämpfe­ri­sche Soli-Demo in Wuppertal am 03.06.

Mehrere Millionen Menschen mit türki­schen Roots haben in der deutschen Wirklich­keit mehr als nur Spuren hinter­lassen. Kaum jemand, der nicht türkisch­stäm­mige Freunde und Freun­dinnen, Kolle­ginnen und Kollegen oder Nachba­rInnen hat. Und die meisten von denen haben natür­lich nach wie vor persön­liche Bezie­hungen zu Menschen in der Türkei. Es ist also keine Überra­schung, dass Gescheh­nisse, wie die, die seit inzwi­schen sechs Tagen die Städte in der Türkei erschüt­tern, in Deutsch­land eine emotio­na­lere Reaktion auslösen als vergleich­bare Aufstände und brutale Staats­ge­walt in Ländern, die auch nicht weiter entfernt sind.

Natür­lich wird auch in Deutsch­land die Empörung zunächst von Angehö­rigen der türki­schen Commu­nity getragen, die zahlen­mäßig die seit dem letzten Wochen­ende täglich in deutschen Städten statt­fin­denden die Kundge­bungen dominieren. Dennoch : Das Inter­esse vor allem der linken deutschen Szene an den Vorgängen in Istanbul, Ankara oder Izmir ist bemer­kens­wert groß, auch wenn bei den Demos die Anzahl von mitde­mons­trie­renden « Kartof­feln » höher sein könnte. Dabei kommen die vielen persön­li­cher Bezie­hungen diesem Inter­esse zugute. So liegen seit Freitag, dem 31.05., dem Tag, als der Gezi-Park am Taksim in Istanbul mithilfe von exzes­siver Gewalt­an­wen­dung der Polizei geräumt wurde, vielfäl­tige direkte Berichte aus der Türkei vor. Teilweise reicht es aus, nach « nebenan » zu gehen, um die neuesten, am Telefon einlau­fenden Updates aus Istanbul oder Ankara zu erhalten. Und auch die Sprach­bar­riere ist aufgrund vieler Überset­zungen doppel­spra­chiger türki­scher Freun­dinnen und Freunde ein kleineres Problem als bei griechi­schen, portu­gie­si­schen, aber auch bei spani­schen Protesten und Prügel­or­gien der Polizei. So erklärt sich beispiels­weise, dass Hashtags wie #occup­y­gezi oder #diren­ge­zi­park ? am letzten Wochen­ende in der deutschen Twitter-Timeline eine enorme Präsenz hatten.

Dass es vor allem linke Aktivis­tinnen und Aktivisten sind, die die Infor­ma­tionen aus der Türkei weiter­ver­breiten, ist wenig überra­schend, haben doch gerade sie hinrei­chend eigene Erfah­rungen mit Repres­sion und Staats­ge­walt ; so wie letzten Samstag, parallel zu den Ereig­nissen in Istanbul, bei den « Blockupy»-Protesten in Frank­furt. Hinzu kommt eine, bis in die neunzehn­hun­dert­acht­ziger Jahre zurück­rei­chende Tradi­tion gemein­samer Kämpfe von deutschen Linken mit exilierten türki­schen Kämpfern und Kämpfe­rinnen, die nach dem Militär­putsch des Land verlassen mussten. Zwar sind die Zeiten, in denen deutsche Genos­sinnen und Genossen zur Unter­stüt­zung der Guerilla « in die Berge » gingen, schon eine Weile vorbei, viele der alten Kontakte erleben jedoch in den letzten Tagen so etwas wie eine « Frisch­zel­lenkur ».

Es wäre aber falsch, die vielfäl­tigen Solida­ri­täts-Aktionen in Deutsch­land ledig­lich als linke Veran­stal­tungen älter gewor­dener Akteure vergan­gener Kämpfe wahrzu­nehmen. Zu vielfältig sind die politi­schen Strömungen in der türki­schen Commu­nity, zu jung sind vielfach die Initia­toren und Initia­to­rinnen der Proteste. Gut zu beobachten war das am letzten Sonntag in Köln, wo es gleich­zeitig zwei Solida­ri­täts-Kundge­bungen für die Proteste in der Türkei gegeben hat : Am Dom eine größere, an der etwa 500 Menschen teilnahmen, und die von einem Meer an türki­schen Natio­nal­fahnen und Aktiven der CHP-Jugend geprägt war ; eine kleinere am Rudolf­platz, die ausschließ­lich von linken Gruppie­rungen getragen wurde. Bei beiden Kundge­bungen waren viele sehr junge Leute anwesend, die mit den alten Kämpfen keine persön­li­chen Erinne­rungen verbinden und in der Regel seit ihrer Geburt in Deutsch­land leben. Doch auch gemein­same Demons­tra­tionen finden statt. Wie in Wuppertal einen Tag später, dort demons­trierten mehr als 1.000 Menschen gegen Erdogan und seine Polizei.

Kundge­bung der Kemalisten auf der Kölner Domplatte am 02.06.

Kundge­bung linker Gruppie­rungen auf dem Kölner Rudolf­platz am 02.06.

Es war ein selbst­or­ga­ni­sierter Protest, zu dem erst wenige Stunden zuvor durch junge Angehö­rige der türki­schen Commu­nity über « Facebook » aufge­rufen worden war. Bei der Demo fanden sich verschie­denste Akteure der türki­schen Polit­szene ebenso ein wie offen­sicht­lich unorga­ni­sierte junge Menschen. Und neben den Jungen waren auch viele der Älteren anwesend. Gemeinsam demons­trierten sie mit wenigen deutschen Freun­dinnen und Freunden aus der autonomen Szene und einiger linker Gruppie­rungen laut und selbst­be­wußt in der Elber­felder Innen­stadt. Wie weit die aktuellen Gemein­sam­keiten dabei gehen können, wurde deutlich als einige wenige kurdi­sche Fahnen in der Demo auftauchten und beinahe direkt neben einigen kemalis­ti­schen türki­schen Fahnen im Wind flatterten.  Die Begeg­nung, die vor kurzer Zeit beider­seits noch als Provo­ka­tion empfunden worden wäre, verlief unspek­ta­kulär.

Viele unter­schied­liche Gruppen und auch Fahnen bei der Wupper­taler Demo

Die bestim­mende Parole bei zwei der drei erwähnten Demons­tra­tionen war « Faşizme karşı omuz omuza ! » («Schulter an Schulter gegen den Faschismus!»). Doch auch auf der Domplatte, bei der CHP-Kundge­bung, war sie zu hören, wie wir aus einiger Distanz hören konnten. Eine Tatsache, die einige deutsche Beobachter etwas verwirrte, wurde sie doch von allen gerufen ; auch von jenen, die norma­ler­weise nicht in antifa­schis­ti­schem Kontext bekannt sind. Die irritie­rende Frage drängte sich auf, ob sich etwa auch « Graue Wölfe » derzeit der Losung anschließen würden. Diese Irrita­tion ist für die teilweise (noch) zöger­liche Haltung vieler deutscher Aktivis­tinnen und Aktivisten aktiv an den Protesten teilzu­nehmen, exempla­risch. Trotz der vielen persön­li­chen Bezie­hungen geht die Kenntnis türki­scher Politik und politi­scher Symbolik nicht so sehr in die Tiefe, dass überra­schende Wendungen erklärt werden könnten. Geprägt von den teilweise erbit­terten internen Konflikten türki­scher politi­scher Gruppen in den letzten Jahrzehnten, verwirrt die aktuell zu bemer­kende eupho­ri­sche Offen­heit, die angesichts der Dynamik des Aufstands in der Türkei offenbar auch die in Deutsch­land lebenden Menschen mit türki­schen Wurzeln erfasst hat. Obwohl das Poten­tial einer türki­schen « Anti-Erdogan»-Koalition auch schon Ende letzten Jahres zu beobachten war, als anläss­lich Erdogans Staats­be­suchs in Berlin am Pariser Platz bereits vielfäl­tige verschie­dene Gruppen agierten, damals aller­dings noch eher neben- als mitein­ander. Dennoch stellt sich für viele bei jedem neuen Aufruf zu einer Solida­ri­täts-Kundge­bung die Frage, welche Akteure dort angetroffen werden, und ob es sich dabei um die « richtige » Seite handelt. Noch immer ist vielen unklar, mit wem sie es tun haben.

Eine etwas depri­mie­rende Tatsache. Zeigt sie doch, dass sich noch immer viele aus mangelnder Kenntnis in den Veräs­te­lungen türki­scher Politik verirren können ; auch zwanzig Jahre, nachdem in der deutschen Linken angesichts der verschie­densten türki­schen Akteure, die infolge des Solinger Brand­an­schlages auf den Straßen der Region agierten, große Konfu­sion ausge­bro­chen war.

Schulter an Schulter…” – die bestim­mende Parole

Hinzu kommt die Befürch­tung, durch eigene Initia­tiven den Anschein zu erwecken, die selbst­or­ga­ni­sierte Dynamik der Proteste instru­men­ta­li­sieren zu wollen. Die radikale und autonome deutsche Linke steht deshalb vor dem Problem, einer­seits die erwünschte und benötigte Solida­rität zu zeigen, anderer­seits jedoch darauf angewiesen zu sein, in neue infor­melle Struk­turen einge­bunden zu werden, um überhaupt mitzu­be­kommen, « was läuft ».

Dahinter verbirgt sich der Wunsch, gemeinsam mit der migran­ti­schen Commu­nity zu agieren und darauf auch für hiesige Kämpfe der Zukunft eine neue Qualität der Zusam­men­ar­beit zu begründen. Ganz davon abgesehen, dass auch wir gerne etwas von jenem jugend­lich-begeis­terten Leuchten der Augen abbekommen möchten, dass wir in den letzten Tagen in den Gesich­tern unserer manchmal schon ergrauten türki­schen Genos­sinnen und Genossen ausma­chen können.

Für das das Wochen­ende rufen die Protes­tie­renden in Istanbul am 08. und 09.06. zu zwei « weltweiten » « Days of Action » auf. In der Region gibt es mehrere bislang angekün­digte Kundge­bungen. Die sicher­lich größte Manifes­ta­tion wird für Samstag­nach­mittag in Oberhausen erwartet, wo vor dem Konzert der revolu­tio­nären Band « Grup Yorum » in der Arena (Beginn 17:00 Uhr), zu dem bis zu 16.000 Besuche­rInnen erwartet werden, ab dem späten Mittag gemeinsam mit « Grup Yorum » in der Innen­stadt demons­triert werden soll. Eine weitere Kundge­bung findet am Samstag in Düssel­dorf statt, zu der auch dort verschie­dene Gruppen aufge­rufen haben. Die Mobili­sie­rungen zu den Demons­tra­tionen und Kundge­bungen erfolgen oft recht kurzfristig. Achtet deshalb auf Nachrichten in den sozialen Netzwerken. Wir werden die Termine über unseren Twitter-Account vermelden, sofern wir davon Kenntnis erhalten. Eine Sammlung von Terminen findet sich auch auf einem öffent­li­chen Pad

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