Interview zur G7-Liberation-Tour 2015

Mittenwald musste zur Kenntnisnahme der eigenen Geschichte gezwungen werden.

• Du hast den Todes­marsch nach Mitten­wald schon angespro­chen. Wie geht die Stadt denn mit der Geschichte um ?

Den Todes­marsch haben wir, wie gesagt, auch thema­ti­siert, z.B. haben wir Maurice Cling einge­laden, der auf dem Todes­marsch in die « Alpen­fes­tung » in Mitten­wald befreit worden ist. Mit dem waren wir z.B. auf dem Friedhof, wo auf dem Marsch Verstor­bene liegen. Die Mitten­wälder selber sind sehr zurück­hal­tend. Einmal kennen die natür­lich auch Soldaten der Gebirgs­jäger persön­lich, also « Burschen », die klettern wollen und dann bei dieser Truppe landen, dann ist das natür­lich auch ein touris­ti­scher « Hotspot », mit vielen Touris, die kommen, um die Lüftel­ma­lerei zu bestaunen und das bayri­sche Klischee erleben zu können. Für die meisten Mittenwälder*innen hat der Einzug der « linken Chaoten » da einfach den Tourismus gestört und bedroht. Teilweise kam es sogar zur Beschimp­fung unserer Demo durch Anwohner*innen aus den Fenstern, wie es das sonst nur in Dessau gibt… Aus ökono­mi­schen Gründen sollte das Gedenken am « Hohen Brendten » auch mal um eine Woche verschoben werden. Damit Pfingst-Touristen nicht länger durch Proteste verstört werden.

• Obwohl die Proteste 2009 nach der Einwei­hung des Mahnmals für die Opfer der Gebirgs­jäger aufge­hört haben, findet das Tradi­ti­ons­ge­denken aber immer noch statt ?

Ja, soweit ich weiß. Aber es werden immer weniger Teilnehmer. Es sterben ja auch viele der Täter. Doch die restli­chen treffen sich noch immer da am Berggipfel, dem « Hohen Brendten ». Da ist eine große Wiese mit dem riesigen Stein­klotz, dem Mahnmal für die Gefal­lenen der Gebirgs­jäger. Das Ding ist bestimmt so 15-20 Meter hoch…

• Wie gehen die denn selber mit ihrer Geschichte um ? Kannst du dazu etwas sagen ?

Die zelebrieren das als Gottes­dienst, so richtig mit Predigt, Kommu­nion und allem. Das führt ein Militär­pfarrer durch. So 2007 habe ich es selber mal geschafft, an einem der Gedenk­got­tes­dienste am « Hohen Brendten » teilzu­nehmen. Da war es so, dass zu diesem Zeitpunkt die Pfarrerin schon eher vorsichtig geredet hat. Der Diskurs war da schon zurück­hal­tender als er früher wohl war. Da wurde des Öfteren mal betont, dass allen Opfern gedacht werden müsse und so weiter. Freund­lich sind wir trotzdem nicht behan­delt worden. Das war teilweise absurd. Als uns das « USK » beispiels­weise dazu aufge­for­dert hat, wegzu­gehen, hat eine Freundin empört darauf bestanden, « den Laib Jesu » empfangen zu dürfen. Dann durfte sie tatsäch­lich bleiben und an der Kommu­nion teilnehmen.

• Gab’s vom « Antifa e.V. » ne Erschwer­nis­zu­lage für die Teilnahme an dem ekligen Gedenken ?

Leider nein, weil ich vergessen habe, den Antrag zu stellen. Verdient hätte ich sie gehabt (lacht). Denn weil zu diesem Zeitpunkt der « AK » ja schon seit einigen Jahren offen mobili­sierte, waren da natür­lich sehr viele Polizisten, die bereits auf den Zuwegen alle abgefangen haben. Deshalb mussten wir « hintenrum » auf den « Hohen Brendten », zu Fuß, über Wander­wege. Erst beim Gottes­dienst haben wir dann unsere Klamotten gewech­selt. Als wir dann unsere vorbe­rei­teten T-Shirts mit den Zahlen der Opfer der Gebrigs­jä­ger­truppe offen trugen, gab es natür­lich zornige Reaktionen der an der Gedenk­feier Teilneh­menden.

• Die eigene Geschichts­er­äh­lung der Gebirgs­jäger basiert im Wensent­li­chen auf dem Märchen von der « Parti­sa­nen­be­kämp­fung », oder ?

Naja. In ihren Augen waren sie Soldaten, die nur „Befehle ausge­führt” haben, was auch « nicht immer schön » gewesen sei und auch für sie waren es angeb­lich « harte Zeiten ». Wie sie wirklich mit ihren eigenen Taten leben, musst du sie schon selber fragen. Bis zum Zeitpunkt der ersten Inter­ven­tion durch uns war ihr Gedenken von eigenen Zweifeln jeden­falls wenig getrübt.

• Was hälst du, als Teilneh­merin der »Alten Folge » der Proteste von der für dieses Jahr angekün­digten « Neuen Folge » der « Angreif­baren Tradi­ti­ons­pflege » zum « G7»-Gipfel ? Begründet wird sie ja mit der Erwei­te­rung des Mahnmals am « Hohen Brendten » und mit den offenen Repara­tionen an Griechen­land.

Vor dem Hinter­grund des « G7»-Treffens und vor dem Hinter­grund der Entschä­di­gungs-, bzw. Repara­ti­ons­for­de­rungen Griechen­lands, finde ich das total sinnvoll. Diese Verbin­dung soll ja mit der Teilnahme von u.a. Manolis Glezos unter­stri­chen werden. Dass jetzt auch die Bundes­wehr ihrer « Gefal­lenen » mit dem Mahnmal gedenken will, finde ich – zynisch gesehen – nur offen und ehrlich. Deutsch­land ist eben immer noch ein imperia­lis­ti­sches Land und steht da eben auch in einer Konti­nuität.

• Die Initiator*innen der « Libera­tion-Tour » hoffen ja diesmal auf einen warmher­zi­geren Empfang als damals. Sie hoffen, das Bewusst­sein in der Region habe sich gewan­delt. Teilst du diesen Optimismus ?

Nö. Mitten­wald musste zur Kennt­nis­nahme der eigenen Geschichte gezwungen werden und musste auch erst dazu gezwungen werden, die Demos zuzulassen. Ein echter Wandel würde mich doch wundern. Ich rechne mit Schikanen, trotz der sicher schwie­rigen Situa­tion für die Behörden, die sich durch die Teilnahme der Zeitzeugen an der Tour ergibt. Ich wünsche den Teilneh­menden jeden­falls gutes Gelingen und viel Glück.

* Name geändert

Hinter­grund
antifaberge

Die „Libera­tion-Tour 2015”

An diesem Wochen­ende findet bei Garmisch-Parten­kir­chen nicht nur ein G7-Gipfel und der Protest gegen das Treffen einiger Politiker*innen in Schloss Elmau statt : Im Vorfeld wurde u.a. von Wuppertal aus auch zur « Libera­tion-Tour 2015 » mobili­siert. Mit einem straffen Programm und inter­na­tio­nalen Gästen – darunter auch Zeitzeugen natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Verbre­chen wie Manolis Glezos aus Griechen­land oder Maurice Cling aus Frank­reich – soll die « Libera­tion-Tour » nicht nur eine Inter­ven­tion zum G7-Gipfel sein, sondern auch eine Fortset­zung der kriti­schen Ausein­an­der­set­zung mit der beson­deren Tradi­ti­ons­pflege, die rund ums Gipfel­schloss Elmau gepflegt wird.

Tradi­ti­ons­treffen der Mörder

Denn im benach­barten Mitten­wald treffen sich einmal jährlich Angehö­rige der 1. Gebirgs-Division der deutschen Wehrmacht – kurz « Gebirgs­jäger ». Diese Truppe war für monströse Massaker und Gemetzel und Zivilist*innen vor allem in Griechen­land berüch­tigt. Namen wir Kommeno oder Lingiades haben sich tief ins Gedächtnis der Griech*innen einge­graben. Während jedoch andere Einheiten vor allem der SS und der Waffen-SS, die sich schwerster Kriegs­ver­be­chen schuldig gemacht hatten, nach der Remili­ta­ri­sie­rung Deutsch­lands meist nur im Verbor­genen in den Tradi­ti­ons­kanon der Bundes­wehr aufge­nommen wurden, sind die « Gebirgs­jäger » bis heute ein Bestand­teil der Truppe. Bis heute verstehen sie sich dabei auch als solda­ti­sche Elite.

Vor diesem Hinter­grund erzählten die Angehö­rigen der « Gebirgs­jäger » bis Ende des letzten Jahrhun­derts ihre eigene Geschichte von legitimer Bekämp­fung der griechi­schen Parti­sanen und eigenen Helden­taten – weitge­hend ungestört und von Angehö­rigen der heutigen Bundes­wehr­truppe, Politiker*innen und einer Kirche, die für die « gefal­lenen Gebirgs­jäger » des Zweiten Weltkriegs gerne die Hände zum Gebet faltete, tatkräftig unter­stützt. Das Gedenken an die Täter fand jedes Jahr zu Pfingsten vor der gleichen maleri­schen Kulisse statt, in der sich am 7.Juni die Gipfelteilnehmer*innen auf Schloss Elmau fotogra­fieren lassen werden. Nur wenige Kilometer von Elmau entfernt, am « Hohen Brendten », errich­tete die « Selbst­hil­fe­gruppe von Kriegs­ver­bre­chern » am Ort des jährli­chen Gedenk­got­tes­dienstes ein wuchtiges Mahnmal.

Wider­stand gegen die „Tradi­ti­ons­pflege”

Erst Anfang des Jahrhun­derts regte sich Wider­stand gegen die Helden­ver­eh­rung durch altge­wor­dene Mörder und ihre Bewun­derer. Mit dem « AK Angreif­bare Tradi­ti­ons­pflege » betraten erstmals 2002 einige Demonstrant*innen die Alpen­bühne und sorgten für viel Zorn bei Offizi­ellen und alten und neuen Gebirgs­jä­gern. Nach einem ersten unange­mel­deten Besuch Mitten­walds folgten bis 2009 jedes Jahr größere Demons­tra­tionen und eigene Veran­stal­tungen. Das führte zu einem allmäh­li­chen Wandel des öffent­li­chen Bewusst­seins, auch Dank umfang­rei­cherer medialer Beach­tung der Verbre­chen der « Gebirgs­jäger ».

Für die bayri­schen Lokal- und Landespolitiker*innen und für den Tourismus in der Region erwiesen sich die Tradi­ti­ons­treffen schließ­lich zuneh­mend als eher kontra­pro­duktiv – offiziell rückten viele von den Gedenk­feiern ab. Als im Jahr 2009 auf dem Markt­platz von Mitten­wald schließ­lich ein Mahnmal für die Opfer der « Gebirgs­jäger » aufge­stellt wurde, bei dessen Einwei­hung der CSU-Bürger­meister dem « Arbeits­kreis » für seine Bemühungen um ein korri­giertes Geschichts­bild dankte, endeten die Proteste am Fuß der Zugspitze. Die Treffen der « Gebirgs­jäger » gingen freilich weiter.

Rückkehr des „Arbeits­kreises” nach Mitten­wald

In diesem Jahr kehrt der « AK Angreif­bare Tradi­ti­ons­pflege » nach Mitten­wald zurück, betitelt mit « Neue Folge ». Ausschlag­ge­bend dafür sind die allen Distan­zie­rungen zum Trotz weiter­ge­henden Tradi­ti­ons­treffen, an denen sich auch nach wie vor die Bundes­wehr betei­ligt, die Tatsache, dass es noch immer einige unerkannt in Bayern lebende Kriegs­ver­bre­cher gibt und – mit Bezug auf das Treffen der « G7 » – bis heute nicht erfüllten Forde­rungen Griechen­lands zur Entschä­di­gung der Opfer der « Gebirgs­jäger » und die durch die deutsche Regie­rung verwei­gerten Repara­tionen.

Wie weit die Identi­fi­ka­tion der heutigen « Gebirgs­jäger » mit ihren Vorgän­gern geht, lässt sich daran ablesen, dass das diesjäh­rige Gedenken auf den Herbst verschoben wurde, weil dann das Mahnmal am Hohen Brendten eine Erwei­te­rung erfahren soll : In ungeahnten Offen­heit möchte die Bundes­wehr ihre bei weltweiten Einsätzen getöteten Soldat*innen zukünftig gemeinsam mit den Mördern der Wehrmacht ehren. Die alten « Gebirgs­jäger » wiederum erhoffen sich durch die Erwei­te­rung offenbar eine Art Rehabi­li­ta­tion.

Weiter­füh­rendes : Eine Vielzahl von Links zu Presse­ar­ti­keln findet sich u.a. bei nadir​.org in einer Sammlung zu den Protesten im Jahr 2007

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