Rostock I : Antifa während der Pogrome 1992

Der Artikel »(Nicht-)Reaktionen der autonomen Antifa-Bewegung« für die aktuelle Ausgabe (No.95) des AIB beleuchtet die Situa­tion der autonomen Antifas im August 1992 während der Pogrome in Rostock. Der Text zeigt auf, dass die Polizei durchaus in Lage war, gegen große Ansamm­lungen von Menschen vorzu­gehen – nur vornehm­lich gegen Linke.

Die komplette Ausgabe gibt es : [hier]

antifa Rostock in Lichten­hagen im Sommer 2012

(Nicht-)Reaktionen der autonomen Antifa-Bewegung

Wie die Polizei und die Öffent­lich­keit in Rostock und darüber hinaus, wussten auch Antifas schon früh, dass am Wochen­ende etwas passieren würde. So hatte es beispiels­weise bereits am 18. August Drohan­rufe bei Zeitungen gegeben, die Angriffe auf die ZASt ankün­digten. Antifaschist_innen aus Rostock baten daher schon früh verschie­dene Städte um Hilfe, um in den erwar­teten Zusam­men­stößen nicht allein dazustehen.

Direkte Inter­ven­tionen

Zentrale Treff­punkte für anrei­sende Antifas wurden das Jugend Alter­nativ Zentrum (JAZ) und die zu diesem Zeitpunkt etwa acht besetzten Häuser in der Stadt.

Die dort Versam­melten waren sich jedoch uneinig, wie vorzu­gehen sei. Verlangten einige eine sofor­tige und direkte Inter­ven­tion, warnten andere davor, dass dies angesichts der Kräfte­ver­hält­nisse zu gefähr­lich sei. Trotz dieser Unschlüs­sig­keit wurde mehrmals versucht, aktiv zu werden.

So gelang es z.B. einer Spontan­de­mons­tra­tion in der Nacht auf Sonntag den 23. August vor die ZASt zu laufen und die noch anwesenden Neonazis zu vertreiben.1

Doch dies blieb nur ein kurzes Auffla­ckern effek­tiver Gegen­wehr. Obwohl die in Rostock nur schwach aufge­stellte Polizei Dutzende Verletzte durch den rechten Mob verzeich­nete, ging sie rigoros gegen die sich sammelnden Antifaschist_innen vor. Viele Teilnehmer_innen der Spontan­de­mons­tra­tion wurden festge­nommen. In den Medien war daraufhin teilweise die Rede von rechten wie linken »Krawall­ma­chern«.2

Auch noch Tage später wurde gegen Linke, die in Polizei-Kontrollen gerieten, weit härter vorge­gangen als gegen Neonazis : Eine Gruppe von Berliner Antifas, die mit drei Autos in der Nacht auf den 26. August in Rostock Patrouille fuhren, um weitere Übergriffe angesichts der völlig untätigen Polizei zu verhin­dern, wurde nach einer Kontrolle festge­nommen. Diese sperrte sie für zwei Tage in eine zu einem Gefängnis umfunk­tio­nierte Turnhalle, zusammen mit 35 Neonazis. »In der Halle befand sich immer eine etwa gleich­große bis etwas größere Gruppe von Faschisten, die aber heterogen wirkte. Provo­ka­tionen wurden beant­wortet« beschrieb die Gruppe die Atmosphäre.3 Während von den verhaf­teten Neonazis alle bis auf einen, der einen Polizisten mit einem Messer angegriffen hatte, schnell wieder entlassen wurden, bekamen die Antifas Anzeigen wegen schwerem Landfrie­dens­bruch. Sieben blieben in Unter­su­chungs­haft.

Dennoch gelang es im Laufe des Wochen­endes verschie­denen kleineren Gruppen von Antifas, sich in der Nähe der ZASt aufzu­halten, um bei günstiger Gelegen­heit zu handeln : »Wir haben am 23.8. während des Pogroms in Rostock den von Rechts­ra­di­kalen genutzten Jugend­club »MAX« in Rostock-Lichten­hagen abgefa­ckelt« bekannte sich so z.B. nachträg­lich eine Antifa-Gruppe. »Trotz der Anwesen­heit von Hunderten von Neofa­schisten, des rassis­ti­schen Mobs und etlicher Bullen war die Durch­füh­rung der Aktion problemlos, da wir in dem Gewühl nicht auffielen. […] Wir sehen weder für uns noch für alle anderen Antifa­schis­tInnen einen Grund, sich deshalb auf die eigenen Schul­tern zu klopfen« 4 bemerkten die Verfasser_innen selbst­kri­tisch zum Abschluss.

Andere Antifas gingen direkt gegen Neonazis vor : »In Rostock drehen die Nazis auf und versu­chen Menschen zu töten. […] Was wir tun können, ist, uns welche von den Schweinen auf dem Hin- oder Rückweg vorzu­knöpfen. Da wir gut getarnt sind, können wir sie einfach fragen, ob’s Spaß macht da vorne – wenn sie »ja« sagen, schnappen wir sie uns«.5

An der Gesamt­lage konnte dies freilich nichts ändern : Der rassis­ti­sche Mob konnte tagelang frei agieren, an einem Imbiss, der die selten günstige Geschäfts­ge­le­gen­heit gewit­tert hatte, wurde sich mit Würst­chen und Bier versorgt, bevor man mit dem nächsten Angriff begann. »Es waren mehrere tausend »Schau­lus­tige« und ca. 500 Aktive. […] Die Faschos konnten ungestört, zum Teil unter den Augen von Zivil­po­lizei, Mollies basteln – die Flaschen dazu kamen aus einem Glascon­tainer – sich auf der Straße und dem Parkplatz sammeln und gemeinsam angreifen. […] Ein Teil der Aktiven war sichtbar organi­siert, als Faschisten und feste Gruppe kennt­lich, nach Beobach­tung anderer z.T. von auswärts. Der größere Teil waren Menschen aus Lichten­hagen oder Umgebung, wie auch unter den Schau­lus­tigen nach unserem Eindruck fast ausschließ­lich Leute aus der direkten Umgebung waren.« 6

Die Demons­tra­tion

Während der Tage des Pogroms waren nur wenige hundert Antifaschist_innen in Rostock, obwohl es bundes­weit für Aufmerk­sam­keit sorgte. Früh wurde jedoch für eine große Demons­tra­tion mobili­siert. Auf dieser protes­tierten dann, eine Woche nach den Angriffen, 15–20.000 Menschen gegen die Gescheh­nisse, die Medien­hetze über angeb­liche »Asylbe­trüger« und für Solida­rität mit den Angegrif­fenen. Trotz dieser, nach heutigen Maßstäben großen und schnell organi­sierten Veran­stal­tung, waren die Diskus­sionen inner­halb der antifa­schis­ti­schen Szene in den Wochen danach hart und selbst­kri­tisch : »Wir fragen uns heute, wo die Antifa in den Tagen vom 22. bis 27. August 1992 gesteckt hat. An der bundes­weiten »Stoppt die Pogrome«-Demo haben bestimmt mehrere tausend Leute teilge­nommen. Diese Demo kommt viel zu spät!!« kriti­sierte so z.B. eine Gruppe. Bemän­gelt wurde ein »Nicht-Verhalten« und dass man die Pogrome selber hätte »aktiv stoppen müssen«.7 Während einige aus der Demons­tra­ti­ons­vor­be­rei­tung den ruhigen Verlauf der Veran­stal­tung lobten, weil man so den Medien nicht die gewünschten Bilder von linken Chaoten gelie­fert habe8, wurde gerade dies von anderen als größte Schwach­stelle kriti­siert : Die Antifa hätte die Gelegen­heit nutzen sollen, die Neona­zi­szene offensiv einzu­schüch­tern, wenn schon die Polizei und damit die Angst vor staat­li­cher Verfol­gung völlig ausge­fallen war.9  Eine zielge­rich­tete Militanz auf der Demons­tra­tion wäre für einige das richtige Signal gewesen : »Lichten­hagen hätte nicht ›brennen‹ sollen.  Nicht die Wohnungen der Bürger, nicht ihre Autos. Aber zumin­dest jener Kiosk ›happi happi bei appi‹, der ja nichts anderes war, als die logis­ti­sche Basis des Mobs […] wäre lohnendes Angriffs­ob­jekt gewesen« bemerkte eine Gruppe.10

Auch über die Frage, ob man an die Vernunft der Lichten­ha­gener Bevöl­ke­rung appel­lieren solle, die ihre Wut über soziale Missstände nur an den Falschen ausließen, oder ob diese als überzeugte Rassis­tInnen zu gelten hätten, bei denen jegli­ches Argument überflüssig sei, spaltete nachhaltig die Szene.

Histo­ri­sche Stunde der Verant­wor­tung verpasst

Das Pogrom von Rostock traf die antifa­schis­ti­sche Szene nicht unvor­be­reitet. Die zahlrei­chen Überfälle von Neonazis seit 1990 hatten die neue Gefahr deutlich gezeigt und bereits vor dem Pogrom war bekannt gewesen, dass an diesem Wochen­ende etwas passieren würde. Aus den Erfah­rungen von Hoyers­werda 1991 hätte man wissen können, dass tagelange Pogrome im wieder­ver­ei­nigten Deutsch­land zum Aktions­re­per­toire der Neona­zi­szene gehörten und sie auf zahlreiche Sympa­thi­san­tInnen zählen konnten.

Zu den gängigsten Parolen inner­halb der antifa­schis­ti­schen Bewegung der damaligen Zeit gehörten »Die antifa­schis­ti­sche Selbst­hilfe organi­sieren« und »Staat und Nazis Hand in Hand – organi­siert den Wider­stand«. Als die Stunde gekommen war, diese Sätze in die Tat umzusetzen, entpuppten sie sich größten­teils als Phrasen. Nur einige wenige Antifaschist_innen setzten sich in die Autos und fuhren nach Rostock.

Noch nie in ihrer Geschichte stand die autonome antifa­schis­ti­sche Bewegung in einer ähnli­chen Situa­tion, in der sie für einen kurzen Moment in den Lauf der Geschichte hätte eingreifen können. Dieser Augen­blick war in Rostock-Lichten­hagen am 22. August 1992 – und er verstrich ungenutzt.

Im AIB 41 schrieben wir :

»Seit Jahren hatte man mit morali­schen Argumenten Zivil­cou­rage einge­for­dert, den schwei­genden Augen­zeu­g­Innen etwa des 9. November 1938 zu Recht vorge­worfen, durch ihr Zuschauen mitschuldig zu sein. Nun selbst in eine vergleich­bare Situa­tion geraten, war die Angst um den eigenen weißen Hintern offenbar größer. Den morali­schen Ansprü­chen entsprach kein Bewusst­sein darüber, wie man sich in der konkreten Situa­tion selbst zu verhalten habe. Weder hatten wir uns selbst als Faktor der Geschichte ernst genommen, noch hatten wir uns ernst­haft klar gemacht, dass in solchen Situa­tionen im Zweifel auch Gefahr für unser eigenes Wohlergehen bestehen kann. […] Ich bin auch nach wie vor der Überzeu­gung, dass wir echte Chancen hatten, den Mob zu verscheu­chen […] Für die Zukunft müssen wir die Lehre ziehen. Statt stets und überall verbal mit radikalen Parolen um uns zu werfen, statt in jedem Einzel­er­eignis die Nagel­probe zu wittern, müssen wir lernen zu erkennen und zu unter­scheiden, wann eine echte histo­ri­sche Verant­wor­tung besteht, wann der Lauf der Dinge von unserem Handeln und Unter­lassen tatsäch­lich mit beein­flusst wird. Dann müssen wir aber auch in der Lage sein, im entschei­denden Moment das richtige zu tun. […] Dass wir selbst dabei Schaden nehmen können, sollten wir uns deutlich vor Augen halten. Wir sollten aber auch lernen, dass es Situa­tionen gibt, in denen wir uns nicht mehr aussu­chen können, was wir wie machen […]«

An dieser Analyse hat sich bis heute nichts geändert.

Das (Nicht-)Handeln der Polizei

Obwohl die Polizei in Rostock schon Tage vor dem Pogrom Wind von der Sache bekommen hatte, war das Sonnen­blu­men­haus am Wochen­ende ohne relevanten Polizei­schutz.

Innen­se­nator Dr. Magdanz trat am Abend des 21. August seinen Urlaub an, da er »keinerlei verdich­tete Hinweise auf Ausein­an­der­set­zungen« gehabt habe. Auch der Leiter der Polizei­di­rek­tion Rostock, Jürgen Deckert, erstellte aufgrund der besorg­nis­er­re­genden Berichte nur schnell einen kurzen Einsatz­be­fehl und reiste dann ins Wochen­ende nach Bremen. Auch der Staats­se­kretär im Innen­mi­nis­te­rium, die Abtei­lungs­leiter für Öffent­liche Sicher­heit und für Auslän­der­fragen, der Leiter des Landes­po­li­zei­amtes sowie der Chef der Polizei­di­rek­tion Rostock fuhren zu ihren Familien nach Westdeutsch­land.

Der Einsatz­be­fehl für die Polizei, den Deckert vorher noch schnell geschrieben hatte, fand auf einer Seite Papier Platz. Er enthielt weder einen Funkplan noch eine Abschnitts­ein­tei­lung und war damit völlig unzurei­chend – deutli­cher Beweis, wie unwichtig der kommende Einsatz genommen wurde. Die späteren Randa­lie­re­rInnen wurden als »Bürger aus auslän­der­feind­lich einge­stellten Kreisen« bezeichnet, welche die Absicht hätten, eine »Protest­ak­tion« in Rostock-Lichten­hagen durch­zu­führen. Nur ein einziger Zug Bereit­schafts­po­lizei wurde zur Verfü­gung gestellt.

Als am Samstag, wie angekün­digt, aus einer Menge von ca. 2000 Personen mehrere hundert Jugend­liche die ZASt mit Steinen und Brand­fla­schen bewarfen, wurden nur dreißig Polizist_innen zum Schutz des Gebäudes geschickt, die sofort angegriffen wurden. Erst jetzt wurden Wasser­werfer angefor­dert. Diese befanden sich aber in Schwerin und dort gab es zu diesem Zeitpunkt keine Fahrer_innen. Als sie schließ­lich gegen 2 Uhr morgens zum Einsatz kamen, waren sie nach kurzer Zeit leer. Am Sonntag versam­melten sich bereits gegen Mittag wieder neue Gruppen vor der ZASt – immer­noch war die Polizei hoffnungslos unter­be­setzt.

Erst in der Nacht zum Montag kam der Leiter der Polizei­di­rek­tion Rostock Jürgen Deckert aus Bremen zurück, um selbst den Einsatz zu leiten. Offen­sicht­lich machte dies die Lage aber nicht besser, sondern nur noch schlimmer. Auch die mittler­weile aus Hamburg einge­trof­fenen zwei Hundert­schaften der Polizei und ein Zug des Bundes­grenz­schutz (BGS) konnten daran nichts ändern. Jedoch wurden Erstere direkt vor der ZASt positio­niert und konnten so vorerst ernstere Angriffe verhin­dern. Doch am Montag­abend um 20 Uhr, als sich erneut Tausende in Volks­fest­stim­mung versam­melt hatten, gab Deckert den Befehl, die beiden Einsatz­hun­dert­schaften aus Hamburg abzuziehen. Ungläubig fragten die Zugführer mehrmals bei »Robbe 50«, der Funkzen­trale der Polizei, nach, ob sie den Einsatz­be­fehl tatsäch­lich richtig verstanden hätten. Nach dem Abzug lag der Häuser­block der vietna­me­si­schen Vertragsarbeiter_innen völlig ungeschützt da und die Angriffe erreichten gegen 22 Uhr ihren Höhepunkt. Während die ersten Wohnungen angezündet wurden, herrschte bei der Polizei­lei­tung weiterhin völlige Unfähig­keit : »Meiner Einschät­zung nach bestimmte Passi­vität das dienst­liche Geschehen« beschrieb ein Zugführer nachträg­lich die Atmosphäre. Ein Führungs­stab sei nicht vorhanden gewesen, statt­dessen habe man das Gefühl gehabt, Deckert würde eine »Ein-Mann-Show« in der »sicheren Etappe« ablie­fern. Nachdem telefo­nisch die Nachricht einging, dass bereits drei Wohnungen brennen würden, verließ Deckert das Büro und war auch nach zwanzig Minuten nicht zurück. Nachdem mehr und mehr alarmie­rende Anrufe eingingen und immer noch nichts geschah, ging ein Polizist schließ­lich den Einsatz­leiter suchen und fand ihn einige Räume weiter mit dem Staats­an­walt im Gespräch über die Frage, ob man auf ein dubioses Angebot der Rassis­tInnen zu einem 45-minütigen »Waffen­still­stand« eingehen solle. Erst nachdem ein Hamburger Hundert­schaft­führer darauf drängte, dass etwas getan werden müsse, erteilte Deckert schließ­lich den Auftrag, die Feuer­wehr beim Löschen zu unter­stützen.

Unfähig nur gegen Rechts

Während die rassis­ti­schen Randa­lie­re­rInnen so tagelang ungestört agieren konnten, sollte es mit der linken Großde­mons­tra­tion am nächsten Wochen­ende kein Pardon geben. Das Demons­tra­tions-Bündnis, dem neben Autonomen auch Parteien und Gewerk­schaften angehörten, wurde als »radikale und extre­mis­ti­sche Gruppie­rung« bezeichnet. Die »Gewalt­szene« aus der ganzen Bundes­re­pu­blik plane, sich in Rostock zu versam­meln.

Was tagelang nicht möglich war, klappte nun wie am Schnür­chen : Gefan­ge­nen­sam­mel­stellen wurden vorbe­reitet, Raumschutz im gesamten Stadt­ge­biet bereit­ge­stellt, Autobahn­kon­trollen einge­richtet. »Unter Berück­sich­ti­gung der Ereig­nisse der Vortage ist bei niedriger Einschreit­schwelle offensiv, konse­quent und unter Ausschöp­fung aller recht­li­chen Möglich­keiten einzu­schreiten. Störungs­ver­suche sowie Störungen sind konse­quent und unver­züg­lich zu beenden« hieß es in dem Einsatz­be­fehl. Als Polizei­kräfte standen nun 14 Wasser­werfer, sechs SEK Gruppen, 12 Hubschrauber und 27 Einsatz­hun­dert­schaften zur Verfü­gung.

Der Feind stand für die Polizei­füh­rung und das Innen­mi­nis­te­rium Mecklen­burg-Vorpom­merns weiterhin Links – der versuchte Mord an den   Vietnames_innen und über 150 verletzte Polizis­tInnen hatte daran nichts geändert.

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Alles, was uns fehlt, ist die Solidarität (mit den Mineiros)

Der verzwei­felte Streik der nordspa­ni­schen Bergar­beiter verweist auf den Beginn des Total­an­griffs auf Arbei­te­rInnen : Thatchers Vernich­tungs­krieg gegen die engli­schen Miners 1985.

Vor einer Woche, am letzten Mittwoch­abend, sind einige Hundert strei­kende nordspa­ni­sche Bergar­beiter nach einem langen Marsch von Asturien in der Haupt­stadt Madrid angekommen und dort von Zehntau­senden solida­risch empfangen worden. Die Ankunft des von den Minen­ar­bei­tern so genannten « Schwarzen Marsches » – « Marcha Negra » – stellte nicht nur für die Bergleute, sondern für einen großen Teil der spani­schen Bevöl­ke­rung einen Aufbruch im Kampf gegen die Politik der spani­schen Regie­rung dar. Die spätabend­liche Begeg­nung der Strei­kenden und der auf sie Wartenden war ein sehr emotio­nales Ereignis. Jemand schrieb am nächsten Tag : « Die Gruben­lampen der im nächt­li­chen Madrid ankom­menden Bergleute wirkten wie ein Licht der Hoffnung. »

Der Anlass des Marsches auf Madrid ist ein, auch militant geführter Abwehr­streik der Bergleute im Norden Spaniens. Er dauert nun bereits seit mehr als sechs Wochen an, und die rechts-konser­va­tive Regie­rung Rajoy beant­wortet ihn mit immer mehr Einheiten der Guardia Civil zur Aufstands­be­kämp­fung. Die parami­li­tä­ri­schen Einsätze der Sicher­heits­kräfte, in deren Verlauf ganze Dörfer in den Revieren « besetzt » und Straßen « befreit » wurden, machten dabei keinen Unter­schied zwischen Kombat­tanten und Unbetei­ligten. Daher kämpfen die betrof­fenen Menschen der nordspa­ni­schen Provinz auch mit brennenden Autoreifen oder mit Stein­schleu­dern und dem Mut der Verzweif­lung gegen die drohende Vernich­tung ihrer Existenz­grund­lage. Denn es ist kein Streik um Arbeits­zeiten oder höhere Löhne – es ist ein Streik zur Erhal­tung der Arbeits­plätze.

Die konser­va­tive spani­sche Regie­rung, die nur einen Tag nach Ankunft der Minen­ar­beiter in Madrid eine neue Kürzungs­welle und eine Erhöhung der Mehrwert­steuer verkündet hat, bricht im Norden des Landes eine Verein­ba­rung mit den Gewerk­schaften aus dem letzten Jahr. Im Kern sicherte diese Verein­ba­rung einen Fortbe­stand des Bergbaus bis 2018 ohne Zechen­schlie­ßungen zu. Bis dahin sollten in den betrof­fenen Regionen Struk­tur­maß­nahmen neue Arbeits­plätze schaffen – auch mit Mitteln der EU.

Die Regie­rung Rajoy kürzt nun unter Verweis auf die Krise die verein­barten Zuschüsse um 290 Millionen jährlich. Laut Gewerk­schaften sind von dieser Maßnahme bis zu 25.000 Arbeits­plätze mittel- und unmit­telbar betroffen. Es ist die gleiche Regie­rung, die gerade einen dreistel­ligen Milli­ar­den­be­darf zur Banken­ret­tung verkündet hat. Die Wut der Bevöl­ke­rung in der Region Asturien ist enspre­chend groß – und die Entschlos­sen­heit der strei­kenden Kumpels auch. Die große Menge, die die Strei­kenden in Madrid empfing, zeigt, dass auch landes­weit der Zorn der Menschen zunimmt – die Demons­tra­tionen haben entspre­chend eine neue Qualität erreicht.

Umso härter fiel die Reaktion der postfran­quis­ti­schen Regie­rung aus. Von der Leine gelas­sene Polizei­ein­heiten zur Aufstands­be­kämp­fung griffen am Tag nach der Ankunft des « Marche Negra » eine fried­liche Großde­mons­tra­tion der Mineros und der madri­le­ni­schen Bevöl­ke­rung an. Unter den mehr als siebzig Verletzten des Angriffs waren viele, die von den in Spanien exzessiv einge­setzten Gummi­ge­schossen getroffen wurden. Blutige Bilder gingen um die Welt, aller­dings vornehm­lich im Internet – wie in den arabi­schen Despo­tien berich­teten die Mainstream-Medien nur wenig über die Polizei­ge­walt. Die Attacken auf die Menschen in den Straßen der Stadt hielten bis zum Abend an. Menschen flüch­teten panisch vor den unifor­mierten Schlä­gern in die Geschäfte und Restau­rants, alle konnten zum Ziel der parami­li­tä­ri­schen Sicher­heits­kräfte werden – egal, ob sie ledig­lich vor einem Kino warteten oder ob sie von der Demons­tra­tion kamen.

In ihren Verlaut­ba­rungen, die sie via Internet und Video öffent­lich machen, betonen die strei­kenden Bergleute den Kampf ums Ganze. Sie stellen ihren Kampf um die Einhal­tung von Verein­ba­rungen bewusst in eine Reihe mit den Kämpfen anderer Branchen und anderer Länder. Die kampf­erprobten spani­schen Kumpel verweisen dabei zu Recht auf ihre immer geleis­tete Solida­rität mit anderen Kämpfen und auf die Vorrei­ter­rolle der « Mineros » im Kampf gegen Franco – sie waren die ersten die im Faschismus einen Streik wagten. Ein spani­scher Minero bezieht sich in einem Brief (siehe hier) ausdrück­lich auf den Streik der engli­schen Bergar­beiter in den achtziger Jahren, bei dem sie die briti­schen Kumpel finan­ziell und ideell unter­stützt hatten. Nun sind sie es, die Solida­rität einfor­dern.

Der Streik der nordspa­ni­schen Mineros wird teilweise auch militant geführt.

Doch vor allem in Deutsch­land ist die Bereit­schaft, sich mit der verschärften Situa­tion in Spanien zu beschäf­tigen, kaum vorhanden. Dass nach dem letzten General­streik am 29.März bereits Gewerk­schaf­te­rInnen verhaftet worden waren, fand hierzu­lande kaum Beach­tung, und nur langsam kommt auch der Streik der Bergleute in den Kanälen an.
Kaum verwun­der­lich, dass unter diesen Umständen keine fünzig Menschen bei einer Solida­ri­täts­kund­ge­bung am letzten Freitag vor dem spani­schen Konsulat in Düssel­dorf gewesen sind. Dabei sind es momentan die « Mineros », die für uns alle gegen ein neoli­beral zugerich­tetes Europa auf den Barri­kaden sind.

Im Ringen um die weitere Entwick­lung könnte ihr Streik ein zentraler Kampf sein. Nachdem der griechi­sche Wider­stand – aufge­rieben im tägli­chen « Struggle of Life » und im Kampf gegen die immer aggres­siver auftre­tenden Faschisten – gebro­chen scheint, kommt den spani­schen Protesten eine vielleicht vorent­schei­dende Bedeu­tung zu. Ließe sich die « Troika-Politik » auch in Spanien durch­setzen – sogar, ohne dass es dort einer « EU-Troika » bedarf – dürften für Gesamt­eu­ropa die Weichen auf die Zerschla­gung sozialer Rechte gestellt sein. Wer will nach einer auch in Spanien mögli­chen Resigna­tion vor der allum­fas­senden « Alter­na­tiv­lo­sig­keit » dann noch auf entschei­denden Wider­stand aus Italien oder sonstwo hoffen ? Auch das erklärt die Entschlos­sen­heit, mit der Rajoy beschlos­sene Kürzungen durch­prü­gelt. Es wird die Bedin­gung gewesen sein für die in der EU zu beschlies­senden Hilfen bei der Banken­ret­tung, die – anders als bei der Zurich­tung Griechen­lands – bekann­ter­maßen ohne direkte EU-Eingriffe in die spani­sche Haushalts­po­litik fließen sollen.

Im seit vierzig Jahren andau­ernden Krieg der Fast-Alles-Besit­zenden um eine Entso­li­da­ri­sie­rung der Gesell­schaften sowie um politi­sche und soziale Demon­tage war schon einmal ein gegen den entschie­denen Willen einer einer rechts-konser­va­tiven Regie­rung geführter Streik von Bergleuten eine entschei­dende Schlacht : der im Brief des Mineros angespro­chene Bergar­beiter-Streik in Thatchers England 1984/1985. Auch damals ging es vorder­gründig um 20.000 Jobs, auch damals wurde ein solida­ri­scher Streik krimi­na­li­siert und in teilweise bürger­kriegs­ar­tige Zustände überführt. Zeitweise waren über 20.000 Polizei- und Sicher­heits­kräfte im Einsatz, die jeweils saftige Zulagen für ihre streik­bre­chenden Gewalt­or­gien erhielten.

Miner’s Strike in England 1984/85

Als der gegen Thatchers Pläne zu Gruben­schlie­ßungen geführte Streik nach einem vollen Jahr im März 1985 zuende ging, hatte er nicht nur insge­samt zehn Tote und über dreitau­send Verletzte gefor­dert. Die Nieder­lage der Bergleute war auch ein entschei­dender Schritt zur Brechung der Gewerk­schafts­macht in England und eine bleibend einschüch­ternde Bedro­hung anderer Gewerk­schaften in anderen Ländern. Thatcher katapul­tierte vor allem auch durch die Zerschla­gung der vorher starken Gewerk­schaften das neoli­be­rale Wirtschafts­mo­dell nach Europa, nachdem es zuvor erstmals nach den Vorstel­lungen der « Chicago-Boys » im faschis­ti­schen Chile Pinochets auspro­biert worden war - (Arthur Scarg­ills Bergar­beiter-Gewerk­schaft National Union of Minewor­kers, NUM, die den Streik angeführt hatte, verlor beispiels­weise in den Jahren danach etwa 80 Prozent ihrer Mitglieder). Nie wieder konnten sich briti­sche Gewerk­schaften nach der Nieder­lage der Bergleute einem großen Arbeits­kampf stellen. Maggie Thatcher selber sprach von „einer Lektion, die niemand vergessen sollte“.

Doch es scheint, wir hätten die Lektion vergessen. Auch Mitte der Achtziger war die histo­ri­sche Dimen­sion des Arbeits­kampfes in einer « Old-School»-Industrie wie dem Bergbau kaum wem bewusst, obschon die (auch ost-) europäi­sche Solida­rität mit den engli­schen Bergleuten ungleich größer war als heute. Sie erschloss sich den meisten erst nach und nach – als es längst zu spät war. Gleiches könnte jetzt passieren – statt Alarm­zu­stand herrscht weitge­hend Desin­ter­esse an der Eskala­tion der Lage in Spanien und am Streik der asturi­schen Minen­ar­beiter.

Alles, was uns fehlt, ist die Solida­rität. (Ton Steine Scherben)

Uns fehlt nicht die Zeit, uns fehlt nicht die Kraft,
uns fehlt nicht das Geld, uns fehlt nicht die Macht.

Was wir wollen, können wir errei­chen. Wenn wir wollen, stehen alle Räder still.
Wir haben keine Angst zu kämpfen, denn die Freiheit ist unser Ziel.
Denn die Freiheit ist unser Ziel. Alles, was uns fehlt, ist die Solida­rität.
Alles, was uns fehlt, ist die Solida­rität.

Uns fehlt nicht die Hoffnung, uns fehlt nicht der Mut.
Uns fehlt nicht die Kraft, uns fehlt nicht die Wut.

Was wir wollen, können wir errei­chen. Wenn wir wollen, stehen alle Räder still.
Wir haben keine Angst zu kämpfen, denn die Freiheit ist unser Ziel.
Denn die Freiheit ist unser Ziel. Alles, was uns fehlt, ist die Solida­rität.
Alles, was uns fehlt, ist die Solida­rität.

 

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