Die Lage ist verzweifelt, die Menschen sind es nicht.

Für die Zeit vom 02.bis zum 05.November rufen Unter­stüt­ze­rInnen zu dezen­tralen Solida­ri­täts­ak­tionen für das „#refuge­e­camp” der hunger­strei­kenden Flücht­linge am Pariser Platz in Berlin auf. Der Ansatz zur dezen­tralen Aktion ist richtig und wichtig.

Der Zorn wächst, wenn von zermür­benden Polizei­schi­kanen und -auflagen gegen die Strei­kenden am Branden­burger Tor berichtet wird. Unwei­ger­lich fallen einem Vokabeln wie « Schwei­ne­staat« ein. Mit jedem einge­zo­genen Schlaf­sack, mit jeder wegge­nommen Decke und jeder Auffor­de­rung « übermä­ßige Kleidung » auszu­ziehen, entsteht der Impuls, den Betrof­fenen vor Ort zu helfen und solida­risch zu sein. Letzte Nacht war es wieder so, als es Verhaf­tungen wegen eines getra­genen Ponchos gegeben haben soll, nachdem zuvor bereits endlich heran­ge­karrte Rollstühle, (die Protes­tie­renden dürfen sich eigent­lich nicht auf den Boden setzen) von den bürokra­tisch argumen­tie­renden Cops konfis­ziert werden sollten. Die Schikanen gegen die vom Hunger­streik inzwi­schen geschwächten Menschen offen­baren dabei eine große Unmensch­lich­keit und eine ungebro­chene, voraus­ei­lende deutsche Hörig­keit seitens der einge­setzten Beamten gegen­über angeb­li­chen Befehlen.

Szenen­foto aus „H - wie Heimat” über das Heim in Velbert von Mehran­dokht Feizi

Und dennoch : Es ist grund­falsch, wenn im Zusam­men­hang mit dem Flücht­lings­pro­test am Branden­burger Tor nur die fehlende Mensch­lich­keit beklagt wird und die Strei­kenden als « verzwei­felt » bezeichnet werden. Die Situa­tion ist verzwei­felt, die Menschen sind es nicht – im Gegen­teil, sie haben sich in den letzten Wochen Stück für Stück ihre mensch­liche Würde und eine eigene Entschei­dungs­fä­hig­keit zurück­ge­holt. Und das ist genau der Grund für den deutschen Staat mithilfe seinen Schergen gezielt und hart gegen diesen Protest vorzu­gehen. Ginge es nur um Verbes­se­rungen der Situa­tion, um eine Aufsto­ckung der Essens­ra­tionen oder eine renovierte Dusche – man hätte sie längst « großzügig » gewährt – alleine um die Öffent­lich­keit zu beruhigen.

Das, was die Furie Staat so wild macht, ist der Versuch einer wieder­erlangten Autonomie – der Verstoß gegen eine der urdeut­schen Lebens­ma­ximen. « Schuster bleib’ bei deinen Leisten!«, war der Satz, den mir eine meiner Großmütter immer vorhielt, wenn ich als junger Mensch versuchte, aus der Starr­heit auszu­bre­chen. « Schuster bleib’ bei deinen Leisten!«, das heißt : Stell’ die Bedin­gungen deines Daseins nicht in Frage. Akzep­tiere, dass du ein Mensch gerin­gerer Ordnung bist. Stell’ nicht zu hohe Ansprüche an Freiheit und Umstände. Und auch : Nimm’ es hin, wenn dich die ARGE schika­niert, hinter­frage nicht, warum dein Chef dir nur dreifuffzig für eine Stunde deines Lebens zahlen will. Mach’ bloß keinen Ärger ! Das bekommt dir nicht ! Und genau diese Drohung versucht der Staat am Exempel des Refuge­e­camps zu erhärten und glaub­würdig zu machen.

Szenen­foto aus „H - wie Heimat” über das Heim in Velbert von Mehran­dokht Feizi

Wenn die « Niedrigsten » – die deren Lebens­um­stände jeder Beschrei­bung spotten, die, die nicht entscheiden können, wohin sie gehen, die, die vielfach nicht entscheiden können, was sie von den paar Krumen, die ihnen gewährt werden, einkaufen, die, die jeder­zeit mit Gewalt aus dem Land gebracht werden können – wenn diese Menschen anfangen, nicht länger « bei ihren Leisten zu bleiben », wenn sie sich ihre Würde und ihr Mensch­sein zurück­holen, dann darf das nicht ungestraft bleiben. Das Beispiel könnte ja Schule machen – vielleicht gar über die Situa­tion der nach Deutsch­land Geflo­henen hinaus. Die selbst­be­wussten Strei­kenden in den Camps von Berlin und Frank­furt sind eben auch für uns, die wir zwar unter ungleich besseren Bedin­gungen leben, gleich­wohl aber ebenso isoliert von einem „besseren, selbst­be­stimmten Dasein” sind wie sie, ein Vorbild. Das, und nicht die gefühlte Herzlo­sig­keit, ist der Hinter­grund der Polizei­es­kal­tion am Pariser Platz, das ist der Grund für den Medien­blackout und für die teilweise zu lesenden menschen­ver­ach­tenden Kommen­tare.

Das zweite „Camp” am Pariser Platz war nicht unumstritten. Auch die Protest­form, der Hunger­streik, ist für viele nicht das ideale Mittel. Doch die Strei­kenden, die ihren Körper und ihre Gesund­heit bereits seit Wochen als Kampf­mittel einsetzen, um tatsäch­liche Verän­de­rungen herbei­zu­führen, haben die Entschei­dung dazu selber getroffen und dann auch selber umgesetzt. Das ist die Botschaft dieses Protestes.

Und auch, wenn die Erfolgs­aus­sichten bezüg­lich ihrer Forde­rungen skeptisch beurteilt werden müssen, sie haben viel erreicht – mehr vielleicht, als manche für möglich gehalten haben. Ein größerer Teil der Öffent­lich­keit ist aufge­wacht. Dass der Hashtag «#refuge­e­camp » inzwi­schen seit drei Tagen unter den häufigsten zehn Stich­worten bei Twitter gelistet wird, oder dass sich das ZDF genötigt sah, doch zu berichten, weil die « Empörung im Netz » zu groß wurde, bedeutet, dass viele Menschen, die das Thema Asyl- und Flücht­lings­po­litik bislang nur am Rande wahrnahmen, auf das elende Dasein der vielen in den Heimen an den Stadt­rän­dern aufmerksam geworden sind. Und die live übertra­gene Behand­lung der Menschen am Branden­burger Tor hat viele dazu gebracht, sich eindeutig auf ihrer Seite zu positio­nieren.

Szenen­foto aus „H - wie Heimat” über das Heim in Velbert von Mehran­dokht Feizi

Es wäre jetzt die Aufgabe, diesen Moment zu nutzen, und die Botschaft, die von den Strei­kenden und Marschie­renden ausgeht, in jeden Winkel dieses Landes zu tragen. Sich selbst und andere zu ermutigen, nicht länger einfach hinzu­nehmen. Nicht länger in stiller Resigna­tion bei den « eigenen Leisten » zu bleiben.

Überall in Deutsch­land sind Flücht­linge unter fürch­ter­li­chen Umständen unter­ge­bracht. In unserer Region beispiels­weise in Velbert oder in Heili­gen­haus, wo die Menschen in ruinierten Contai­nern leben müssen, weit ab vom Leben und bezeich­nen­der­weise mit einer Leichen­halle als unmit­tel­barem Nachbarn. Überall riskieren Refugees bei einem Aufmu­cken mehr als wir, die wir hier geboren sind. Unmit­tel­bare Repres­sion ist für jede und jeden der Flücht­linge ebenso so nah, wie für die Strei­kenden auf dem Pariser Platz. Wenn die « Bestra­fung » einmal nicht vom Staats­ap­parat mit seiner Polizei und den Auslän­der­be­hörden ausgeht, springen die Hausmeister der Flücht­lings­un­ter­künfte ein, die über ein großes Instru­men­ta­rium der Entwür­di­gung verfügen. Wer schonmal bei einer Flücht­lings­demo war, weiß, dass dieje­nigen, die den Mut aufbringen, schika­nöse Bedin­gungen anzuspre­chen, überall auf Schutz angewiesen sind, genauso wie die Protes­tie­renden in Berlin. Wenn die Strei­kenden des Flücht­lings­mar­sches jetzt schon etwas erreicht haben, ist es, dass dieser Schutz mögli­cher geworden ist, weil viele kapieren, wie es Geflo­henen in Deutsch­land geht und ergehen kann.

Der Ansatz, den Protest jetzt über dezen­trale Aktionen auszu­weiten – am Besten zusammen mit den Flücht­lingen an den Stand­orten ihrer Unter­künfte – ist deshalb die richtige Konse­quenz aus der öffent­li­chen Aufmerk­sam­keit, die die Strei­kenden in Berlin geschaffen haben. Und es ist auch die richtige Konse­quenz aus den Forde­rungen, die sie seit Beginn ihres Streiks immer wieder formu­liert haben :

  • Abschaf­fung des Abschie­be­ge­setzes
  • Anerken­nung aller Asylsu­chenden als Politi­sche Flücht­linge
  • Abschaf­fung der Residenz­pflicht
  • Abschaf­fung der Lager und Sammel­un­ter­künfte für Flücht­linge

Und noch was in diesem Zusam­men­hang – am 13.Nobember 2012 ab 0800 Uhr : Sammel­ab­schie­bung vom Flughafen Düssel­dorf stören !

Weitere Infor­ma­tionen zum Refuge­e­camp in Berlin gibt es in Fülle bei Twitter unter dem Suchbe­griff «#refuge­e­camp » und auf der Homepage der Flücht­linge : refugee​ten​tac​tion​.net
Aktuelle Infor­ma­tionen zu Aktivi­täten finden sich bei der Karawane und bei THE VOICE

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Griechenland - einen Schritt weiter ? Interview.

Inter­view mit einem in Wuppertal lebenden Ehepaar aus Griechen­land.

Anfang 2012 wurde in Athen ein weiteres Sparpaket beschlossen, mit dem auf Anord­nung der « Troika » aus EU-Kommis­sion, EZB und IWF die so genannte Staats­schul­den­krise in Griechen­land bekämpft werden sollte. Die Maßnahmen trafen Rentner, Kranke und junge Menschen, sie betrafen das Sozial­system, die Bildung und das Gesund­heits­wesen. Außerdem wurden Rechte der Arbeit­neh­me­rInnen beschnitten und Stellen­strei­chungen verkündet. Die Rechte aller auf Wohnen, Bildung, Gesund­heit und Teilhabe wurden inner­halb der EU erstmals offen zur Dispo­si­tion gestellt. Auf den Straßen Athens und vieler anderer Städte explo­dierten die Proteste der Bevöl­ke­rung – Griechen­land schien am Rande eines Aufstandes zu stehen.

Damals trafen sich Menschen in Wuppertal, um ein örtli­ches Solida­ri­täts-Komitee zu gründen – denn viele Menschen in Griechen­land hofften seiner­zeit auf Solida­rität, vor allem auch in Deutsch­land. Immerhin wurden aus Berlin die Forde­rungen der EU-Troika maßgeb­lich mitbe­stimmt.

Die ersten Treffen des « so_ko_wpt » fanden im Restau­rant der in Wuppertal lebenden Griechin Selina* statt (*Name geändert). Sie und ihr Mann betei­ligten sich engagiert an den Diskus­sionen. Bei aller Bestür­zung über das geplante Sparpaket war die Atmosphäre zu Beginn des Frühjahres von vorsich­tigem Optimismus geprägt – niemand wollte sich vorstellen, dass die angekün­digten Einschnitte tatsäch­lich durch­ge­setzt werden könnten. Viele Hoffnungen richteten sich seiner­zeit auf die kommenden Wahlen, bei denen neue Kräfte­ver­hält­nisse erwartet wurden.

Doch stand Griechen­land seiner­zeit am Abgrund, ist es nun einen Schritt weiter. Vor den Wahlen setzte eine ungeheure Stimmungs­mache ein, die den von den Herrschenden befürch­teten Wahlsieg der linken Allianz « Syriza » knapp verhin­derte. Die Auste­ri­täts­po­litik ging einfach weiter. Viele Griechinnen und Griechen haben inzwi­schen vor allem damit zu tun, das Nötigste für ihre Existenz zu organi­sieren. Neue Zahlen belegen eine Arbeits­lo­sen­quote von fast 25% – bei einer Arbeits­lo­sen­un­ter­stü­zung von wenig mehr als 300 Euro, die darüber­hinaus auch nur für ein Jahr gewährt wird. Medika­mente gibt es nur noch spora­disch, Schwer­kranke werden nicht mehr regel­mäßig versorgt. Den Schulen gehen die Lehrmittel aus, und viele Familien mit Kindern sind inzwi­schen wohnungslos.

Obwohl unter diesen Umständen vom angekün­digten Aufstand inzwi­schen wenig übrig blieb, kämpfen die Menschen in Griechen­land weiter. Zu beobachten am 9.Oktober, als die deutsche Kanzlerin nur mit antide­mo­kra­ti­schen Gesetzen aus der Zeit der griechi­schen Militär­junta und unter dem Schutz von Aufstand­be­kämp­fungs­ein­heiten einen Staats­be­such in Athen machen konnte. Mehr als 50.000 Menschen trotzten dem Demons­tra­ti­ons­verbot und gingen zum Syntagma-Platz.

Dennoch scheint die Aufbruch­stim­mung des Frühjahrs vorbei. Das untere gesell­schaft­liche Drittel, das nie vom System profi­tierte, ist längst abgehängt und vergessen. Doch auch die sogenannte « Mittel­schicht », aus der viele bei den Wahlen ihre Stimme noch den Konser­va­tiven gaben, ist abgestürzt. Politisch profi­tieren davon zur Zeit die erstar­kenden Nazis der « Chrysi Avgi » («Goldene Morgen­röte»), deren offener Straßen­terror gegen alles Fremde und Linke von rassis­ti­scher Sozial­ar­beit flankiert wird – etwa, wenn organi­sierte Blutspen­de­ak­tionen von « Griechen für Griechen » durch­ge­führt werden, oder faschis­ti­sche Armen­kü­chen Essen nur an Griechinnen und Griechen austeilen.

Das Soli-Komitee wollte wissen, wie die Stimmung in « griechi­schen Herbst » ist. Wir sind nochmal in Selinas Restau­rant gegangen, und haben uns unter­halten.

Ein zweiter Besuch – ein halbes Jahr später.

Selina und ihr Mann haben in Griechen­land zwei erwach­sene Kinder, die beide als Bauin­ge­nieure beschäf­tigt sind. Selinas Familie gehört in Griechen­land zur « Mittel­schicht ». Doch obwohl nicht arbeitslos geworden, geht es ihnen kaum besser als jenen, die ihren Arbeits­platz verloren haben. Sie haben zum Teil seit Februar kein Gehalt mehr gesehen – nur gelegent­lich kommen Abschlag­zah­lungen auf dem Konto an. « Der griechi­sche Staat hat für Struk­tur­maß­nahmen kein Geld mehr. Alle großen Baupro­jekte sind still­ge­legt. Deshalb müssen viele immer länger auf ihre Gehälter warten. » sagt Selinas Mann auf unsere Frage, wie das sein kann.

Wir wollen wissen, wie ein Überleben ohne Gehalt überhaupt möglich ist. « Wenn der Ehepartner nicht genug verdient, sind viele auf Selbst­ver­sor­gung angewiesen », sagt Selina. Ihre Familie hat Glück – ein Famili­en­mit­glied bezieht noch Gehalt, das auch pünkt­lich überwiesen wird. Viele aber wüssten ohne Kontakte zu Verwandten auf dem Land nicht mehr, wie sie überleben sollten. « Niemand fragt sich, wie eine Familie von 700 Euro leben kann », fährt sie fort und schil­dert, dass viele der Polizisten, die Angela Merkel beschützten, nicht mehr als 700 Euro verdienen. « Da müssen die doch korrupt werden », sagt sie. Leider haben sie am 9.Oktober trotzdem ihren Dienst versehen, merken wir an.

Selina, die regel­mäßig Kontakt zu ihren Kindern und Freunden in Griechen­land hält, kommt auf die Stimmung im Land zu sprechen. Die Menschen hätten nach den letzten Wahlen jeden Glauben an die Politik verloren. « Die Politiker sind schuld. Die Menschen erwarten nichts mehr. » Auch ihre eigenen Kinder seien am Ende nicht mehr wählen gegangen. Wie viele in Griechen­land sind sie in ihren Heimat­ge­meinden im Wahlre­gister einge­tragen, sie hätten 350 Kilometer hin und wieder zurück in Kauf nehmen müssen. « Zwei Tage unter­wegs sein, nur um zu wählen, wofür ? »

Sie beschreibt das griechi­sche System, wie es vor der Krise war. « Bestimmte Beamte wurden mit 52 Jahren in Rente geschickt. Mit hoher Abfin­dung und mit guter Rente. Die hatten auch sehr gute Löhne. » Natür­lich nicht die kleinen Beamten wie Lehrer, Polizisten oder Feuer­wehr­leute. « Die bekamen höchs­tens 1.200 Euro. Das System galt nur für bestimmte Beamte. » Diese Ungleich­heit und die mit diesem System verbun­dene Korrup­tion sei es, was die Menschen so müde gemacht habe. Und mit ansehen zu müssen, wie « die Politiker die Bevöl­ke­rung an Merkel und Sarkozy verkauft » haben.

Wir wenden ein, dass solche Geschichten wie die von der Rente mit 52 die Vorur­teile vieler Deutscher bestä­tigten. Ein gefun­denes Fressen für die « Bild » und andere « Quali­täts­me­dien ». « Ja, natür­lich bestä­tigt das die Vorur­teile. Die denken, das geschieht denen Recht. Und manchen geschieht es ja auch zu Recht. Aber das sind die wenigsten. Die, die vorher profi­tiert haben, müssen natür­lich auch jetzt auf nichts verzichten. » Selina sagt, niemand glaube, dass jene, die das Land vor der Krise ausplün­derten – neben den gut gestellten Beamten natür­lich auch Indus­tri­elle oder die Reeder – nun auch für die Folgen einzu­stehen hätten. « Bezahlen tun nur die kleinen Leute. » Die meisten, die jetzt drauf­zahlen, waren auch vor der Krise schon in einem ständigen Überle­bens­kampf. Dass viele Deutsche das nicht sehen, ärgert Selina.

Die Ignoranz der Deutschen ärgert.

Die meisten Deutschen wüssten nicht, dass in Griechen­land fast alles von mittel­eu­ro­päi­schen Firmen verkauft wird. Zum Beispiel von Lidl. « Das bisschen Geld, das nicht für die Bankzinsen des Staates drauf­geht, geht also sofort wieder in die Taschen deutscher Konzerne. » Die griechi­sche Landwirt­schaft liegt längst am Boden. « In griechi­schen Geschäften wird deutsche Butter und Milch verkauft und hollän­di­sche Tomaten. Zu wesent­lich höheren Preisen als hier. » Daran ist auch die EU schuld. Als Griechen­land Mitglied der EU wurde, wurde die griechi­sche Agrar­pro­duk­tion im Inter­esse nieder­län­di­scher und deutscher Produ­zenten umstruk­tu­riert. Mit dem Ergebnis, dass auf dem europäi­schen Markt nur noch griechi­scher Schafs­käse und Olivenöl wettbe­werbs­fähig blieben. Andere Grund­nah­rungs­mittel werden heute impor­tiert.

«

Am Anfang der Krise hat einer zu mir gesagt : Ihr faulen Griechen - immer liegt ihr am Strand rum. Damit ist jetzt Schluss. Dann hat er auf eine Karte gezeigt und gefragt, welche Insel er kaufen soll. Da war ich sauer. Ich habe ihm gesagt, er braucht sie nicht zu kaufen, er solle sie sich einfach so nehmen. Das hätten die Deutschen schließ­lich schon einmal gemacht, sich Griechen­land einfach genommen…» Die Erinne­rung an die deutsche Besat­zung während des 2.Weltkriegs sitzt tief im histo­ri­schen Gedächtnis.

Wir kommen auf die Frage zurück, warum das linke Wahlbündnis Syriza im Endef­fekt die Wahl doch nicht gewinnen konnte. « Schuld sind vor allem die Medien – als die Regie­renden gemerkt haben, dass Syriza vielleicht die Wahl gewinnen kann, haben die mit einer großen Propa­ganda angefangen,» sagt Selina. « Dabei habe ich von Syriza nie gehört, dass es aus der EU raus will. Es hat auch nicht gesagt, dass das Land die Schulden nicht bezahlen will. Es wollte nur die Sparpa­kete neu verhan­deln. » Sie sagt, dass sich viele junge Leute außerdem sicher sind, dass es bei den Wahlen nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. « Nicht auf dem Land, wo jeder jeden kennt. Aber in den Städten. Da, wo die Stimmen mit Automaten ausge­zählt wurden. »

Dann spricht Selina die Nazis an, die mancher­orts in den Städten die Hegemonie auf den Straßen haben, nachdem sie zweimal Wahler­folge erzielen konnten. « Viele hatten Angst, dass bei einer Links­re­gie­rung noch mehr Migranten ins Land kommen. Da gab es Gerüchte. Ein Bekannter, eigent­lich ein Wähler der Konser­va­tiven, hat gesagt, er würde jetzt die Faschisten wählen. Ich war entsetzt und habe gefragt, was das soll, warum er nicht links wählt. Da hat er gesagt, weil er gelesen hätte, Syriza wolle auch noch alle Verwandten der Einwan­derer ins Land holen. »

Flücht­linge, Migranten und Migran­tinnen stranden in hoher Zahl in den griechi­schen Städten. In der aktuellen Krise bleibt ihnen oft gar nichts mehr zum Leben. Sie wollen dort gar nicht bleiben, sie wollen meist weiter : nach Deutsch­land oder nach Frank­reich. Die EU verhin­dert jedoch, dass die vielfach nach einer langen und trauma­ti­sie­renden Flucht in Griechen­land Angekom­menen weiter­reisen. So bleiben sie dort hängen. Und werden von vielen wirtschaft­lich und sozial Abgehängten als Konkur­renten um immer kleinere Krümel des Daseins wahrge­nommen.

Mit dem Rücken zur Wand.

Auf diesem Boden gedeiht die Hetze der griechi­schen Nazis der « Chrysi Avgi ». Sie bilden Bürger­wehren und verbreiten mit medialer Unter­stüt­zung ihre faschis­ti­sche Propa­ganda. Oft geniessen sie den Schutz der griechi­schen Polizei, die sich nach den Jahren der Militär­junta nie wirklich gewan­delt hat. Viele Polizisten sympa­thi­sieren offen mit der « Chrysi Avgi ».

« Wenn jemand ein Problem hat, dann kümmern sich die Nazis darum. Ich habe von einer Frau aus Belgien gehört, die in Saloniki eine Wohnung besitzt und dort Urlaub machen wollte. Als sie ankam, war die Wohnung aber von vier Pakistani besetzt », erzählt uns Selina eine Geschichte, die sie selber fast nicht glauben kann. « Die ist dort zur Polizei, doch die hat ihr nicht geholfen. Die Polizei hat gesagt, Staats­an­walt­schaft, Räumungs­klage und so weiter, das würde Wochen dauern. Die Frau wollte aber nur eine Woche bleiben, und so schnell konnte sie nicht nachweisen, dass ihr die Wohnung auch wirklich gehört. Da hat sie dann von einem eine Telefon­nummer bekommen. Da solle sie anrufen, man würde ihr helfen. Die Leute am anderen Ende des Telefons haben sie dann angeb­lich über das Wochen­ende in ein Hotel einquar­tiert, und gesagt, am Montag könne sie in ihre Wohnung. Die war dann tatsäch­lich leer und frisch renoviert. Das waren Nazis – die haben die Pakistani da rausge­prü­gelt…» Diese Geschichten hört man häufiger in Griechen­land. Und wenn sie stimmen, belegen sie, dass die Nazis über enorme finan­zi­elle Mittel verfügen.

Wir reden darüber, dass die griechi­sche Antifa inzwi­schen vielfach mit dem Rücken zur Wand steht. Dass außer ihr niemand mehr da ist, der Migran­tinnen und Migranten vor den Prügel­gruppen der « Chrysi Avgi » und den Greif­trupps der Polizei beschützt. In der letzten Zeit sind in den Städten hunderte Migranten und Migran­tinnen Opfer von Polizei­ope­ra­tionen wie « Xenios Zeu » («gastfreund­li­cher Zeus») geworden. Dabei machen die Beamten brutal Jagd auf « illegale » Einwan­derer, nehmen aber häufig jeden Menschen mit, der nicht griechisch aussieht. Unter­stüt­zung erfahren sie dabei von Schlä­gern der « Goldenen Morgen­röte ». Die Antifa wird derweil mit haltlosen Prozessen überzogen, willkür­lich einge­knastet und mißhan­delt. Inzwi­schen gehen vielen die Mittel für eine vernünf­tige juris­ti­sche Beglei­tung aus. Sie ist in ihrem Abwehr­kampf gegen die Nazis dringend auf unsere Solida­rität angewiesen.

Die Lage scheint verzwei­felt. Wir wollen wissen, wie es in Griechen­land weiter­gehen kann. Selina weiß es auch nicht.

Der Winter kommt. Die Bäume werden verbrannt.

« Manche sind total sauer. Die sagen, Selbst­mord käme für sie nicht in Frage. Wenn schon, dann müßte man zum Parla­ment gehen und noch möglichst viele von denen mitnehmen…» Es sind Geschichten wie die, die sie von ihrer Schwä­gerin hört, die ohnmäch­tige Wut erzeugen. Die hatte am Tag zuvor alte Freunde besucht. « Die bekommen zusammen nur noch 700 Euro Rente im Monat. Die müssen sich auch noch um ihre beiden arbeits­losen Kinder kümmern. Die Familie hat jetzt den Stecker vom Telefon gezogen – sie kann sich die Rechnung nicht mehr leisten. Und jetzt kommt erst der Winter. Das wird ein ganz großes Problem. Das Heizöl ist so teuer geworden. In der Höhe brauchen die Leute für den Winter bei den aktuellen Preisen etwa 6.000 Euro. Bei maximal 1.000 Euro Verdienst im Monat. Wie soll das gehen ? Deshalb haben die Bürger­meister in den Bergdör­fern jetzt Angst um ihre Wälder. Viele Bäume werden wohl verbrannt werden in diesem Winter. »

Es klingelt. Es ist jemand aus Griechen­land am Telefon. Als Selina zurück­kehrt, erzählt sie, worum das Gespräch ging : « Ein Freund. Ein ehema­liger Lehrer an der VHS Wuppertal, der vor zehn Jahren nach Griechen­land zurück­ge­gangen ist. Er hatte sich da als Alters­vor­sorge eine Wohnung gekauft. Jetzt überlegt er, wieder nach Deutsch­land zu kommen. Denn durch die neue Immobi­li­en­steuer – das ist die, die direkt von den Energie­ver­sor­gern einge­trieben wird – muss er für die Wohnung jährlich 800 Euro Steuern zahlen, ob er damit Einnahmen erzielt oder nicht. Und seine Mieterin - auch eine Bauin­ge­nieurin – hat seit Februar keine Miete bezahlt, weil sie kein Gehalt mehr bekam. Nun ist die Wohnung für meinen alten Freund nicht mehr bezahlbar. Er überlegt, sie zu verkaufen und zurück­zu­kehren. Mit inzwi­schen 61 Jahren ! »

Als wir uns von Selina und ihrem Mann verab­schieden, sind wir etwas ratlos.

Die Krisen­po­litik der EU hat längst Kurs auf neue Opfer genommen. Auf Portugal. Auf Spanien. Oder auf Italien. Dort sind viele jetzt auf der Straße. Zornig und entschlossen. Doch das waren die Griechen und Griechinnen anfangs auch. Es war auch ausblei­bende Solida­rität aus Deutsch­land, die dort die Menschen allein­ge­lassen hat. Aus dem Land, in dem die Haupt­ver­ur­sa­cher der Krise sitzen, kam viel zu wenig Unter­stüt­zung. Wenig war von den deutschen Gewerk­schaften zu hören und noch weniger aus der Politik.

Und in Deutsch­land regt sich noch immer nichts. Kein Mitge­fühl und kein Zorn auf die eigene Regie­rung, die im Inter­esse der Wirtschaft ganze Gesell­schaften ruiniert. Die Massen­de­mons­tra­tion und brutalen Polizei­ein­sätze in Spanien oder Italien rangierten in den letzten Wochen in der Wahrneh­mung noch immer unter « Vermischtes » – scheinbar unbetei­ligt wird beobachtet, ob sich das griechi­sche Drama nun in anderen Ländern wieder­holt. Oft scheint das neoli­be­rale Credo tief verin­ner­licht, nach dem sich jeder und jede selbst der oder die Nächste ist. Das so_ko_wpt akzep­tiert das nicht. Es trifft sich regel­mäßig und bereitet Veran­stal­tungen und Aktionen vor. Auf seiner Website wird vom Wider­stand gegen die neoli­be­rale Politik berichtet.

« Solida­rität mit dem Wider­stand - inter­na­tional, regional und lokal » steht oben auf der Seite. Wie sie organi­siert werden kann, darüber möchte das Soli-Komitee mit allen Inter­es­sierten reden. Die nächste Gelegen­heit dazu gibt es während des Nachbar­schafts­festes an der Gathe am 27.Oktober.

Wir können die Menschen nicht alleine lassen, dann würden wir uns selber alleine lassen.

Die Bilder stammen aus der Serie « learning to live with the crisis » von « space­shoe »
Das Titel­bild kommt von « popic­inio » ––– Alle Bilder stehen unter einer cc-Lizenz 2.0
Das Eingangs­zitat von Sonia Mitra­lias stammt aus einem Video, das wir Anfang 2012 dokumen­tiert haben.

Hinter­grund­infos und Berichte aus Griechen­land :
Gewerk­schafter aus vier verschie­denen Ländern waren in Griechen­land unter­wegs. Auf labournet haben sie ihre Eindrücke der Reise, die vom 15. bis 22. September 2012 dauerte, in einem Reise­ta­ge­buch geschil­dert :

www​.labournet​.de/​d​i​s​k​u​s​s​i​o​n​/​a​r​b​e​i​t​/​a​k​t​i​o​n​e​n​/​2​0​1​2​/​g​r​i​e​c​h​e​n​r​e​i​s​e​t​a​g​e​b​u​c​h​.​h​tml

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