Schulter an Schulter - Aufruf zur Demo in Solingen

Am 29. Mai jährt sich der verhee­rende Brand­an­schlag, den Neonazis auf ein von türki­schen Menschen bewohntes Haus in der Unteren Werner­straße in Solingen verübten, zum zwanzigsten Mal. Wenige Tage nach der fakti­schen Abschaf­fung des Asylrechts durch eine infor­melle große Koali­tion aus CDU, FDP und SPD, starben 1993 bei dem Anschlag fünf junge Frauen und Mädchen. Für die ganze Region war es ein trauma­ti­sie­rendes Ereignis, aber auch das Signal zu großer antifa­schis­ti­scher Solida­rität zwischen Nachbarn.

Ein breites Bündnis verschie­dener Gruppen ruft zu einer bundes­weiten Demons­tra­tion in Solingen auf, die am Samstag, den 25.05. – vier Tage vor dem Jahrestag – statt­finden soll. Unter dem Motto „Das Problem heißt Rassismus” soll der damaligen Ereig­nisse in der Nachbar­stadt gedacht und der aktuelle antifa­schis­ti­sche Kampf inten­si­viert werden. Aus Wuppertal gibt es einen eigenen Aufruf für den 25.05., den wir unten dokumen­tieren.

Auch darüber­hinaus wird sich das so_ko_wpt in die Mobili­sie­rung zu den Gedenk­feiern und Demons­tra­tionen einbringen (am 29.05. findet eine weitere Demons­tra­tion statt). So wird es hier in Kürze ein Online­dos­sier zu den Ereig­nissen 1993 geben, in das nach und nach Origi­nal­ar­tikel und -berichte einge­pflegt werden.

Gemein­same Anreise am Samstag, den 25.05. von Wuppertal aus :
12:04 Uhr - Regional-Express nach Köln, Haupt­bahnhof, Gleis 1


Download : Aufruf (deutsch/türkisch) als viersei­tiges pdf-Dokument

Der Wupper­taler Aufruf zur bundes­weiten Demo im Wortlaut (deutsch):

Schulter an Schulter gegen Faschismus !
Wupper­taler Aufruf zur bundes­weiten Demo in Solingen am Samstag, 25.Mai 2013

Der mörde­ri­sche Anschlag von Solingen und die folgenden Ereig­nisse sind vielen von uns noch gut im Gedächtnis. Die aktuellen Gescheh­nisse mit dem Münchner Prozess zum « Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grund », die Vertu­schung der Behörden zu den Morden des « NSU » und auch die aktuelle Situa­tion in Wuppertal und dem Bergi­schen Land zeigen :

20 Jahre sind inzwi­schen vergangen, Rassismus, Menschen­hass und behörd­li­ches Versagen sind es nicht. Es hat sich nichts geändert !

Deshalb ist es notwendig, 20 Jahre nach dem Brand­an­schlag in der Nachbar­stadt, ein starkes, antifa­schis­ti­sches Signal auszu­senden und endlich die Initia­tive zu ergreifen ! Lasst uns am 25.05. gemeinsam gegen Faschismus demons­trieren. Schulter an Schulter !

Wut, Trauer, Enttäu­schung. Nachbar­schaften !

Gürsün Ince wäre heute 47 Jahre alt. Hatice Genç wäre heute 38 Jahre alt. Gülüstan Öztürk wäre heute 32, Hülya Genç 29 Jahre und Saime Genç 24. Der Solinger Brand­an­schlag von 1993 raubte ihnen zwanzig Jahre ihres noch nicht gelebten Lebens.

Uns raubte er fast den Verstand. Der Mordan­schlag auf das Haus der Familie Genç in der Nachbar­stadt führte zum emotio­nalen Ausnah­me­zu­stand in der ganzen Region. Wieder fielen Menschen unmensch­li­cher rassis­ti­scher Gewalt zum Opfer, wieder riche­tete sich der Hass gegen Menschen, weil sie keine Deutschen waren. Wenige Monate nach den Pogromen von Hoyers­werda und Rostock und nach dem Brand­an­schlag von Mölln, führte dies bei vielen Menschen zu einer verzwei­felter Wut. Hier – am Rande des Ruhrge­bietes – wo viele tausend migran­ti­sche Menschen seit Jahrzehnten (mit uns) lebten und arbei­teten, war das beson­ders stark zu spüren. In mehrere Tage und Nächte dauernden spontanen Protesten wurde eine viel zu lange aufge­staute Wut zum Ausdruck gebracht.

Die  Reaktion der Behörden und Medien war vorher­sehbar. Bürger­kriegs­sze­na­rien, ausführ­liche Berichte über « Randa­lierer », « Chaoten » und « Autonome » bestimmten schon kurz nach dem Brand­an­schlag  die Bericht­erstat­tung und verdrängten die anfäng­liche Trauer und  verkehrten Anlass und Wirkung. « Gewalt hat die Trauer vertrieben »  titelte das « Solinger Tageblatt » in seiner Ausgabe vom 07. Juni 1993. Doch die Menschen in der Region ließen sich in ihrer Mehrzahl von bewusst geschürter Bürger­kriegs­angst nicht gegen­ein­ander aufhetzen.

In  Wuppertal – speziell in der Elber­felder Nordstadt – bildeten sich schnell Nachbar­schafts­ko­mi­tees, die eine prakti­sche Solida­rität mit türkisch­stäm­migen Nachbarn und Nachba­rinnen leisten wollten. Am Platz der Republik, an der Hochstraße, auf dem Oelberg und anderswo, fanden sich Menschen zusammen, die ihre türki­schen Nachba­rInnen, die in der Nacht ihre Häuser und Geschäfte bewachten, nicht alleine lassen wollten. Es begann ein vorsich­tiger Prozess des Austauschs in den Quartieren. Viele begannen sogar, für einige Wochen nachts in den  Vierteln Wache zu schieben. Manchmal passierte das gemeinsam mit türki­schen Gruppen, manchmal getrennt vonein­ander : Vielfach waren die Menschen ungeübt im Aufein­ander-Zugehen.

Die Reaktion in den Quartieren bleibt dennoch bemer­kens­wert, weil sehr viele Menschen in durch­wachten Nächten und bei Versamm­lungen auf den Plätzen unter freiem Himmel zeigten, wo sie stehen, wenn es darauf ankommt : Schulter an Schulter mit den Nachba­rInnen gegen Nazis und Faschismus !

Bei aller Wut, Trauer und Enttäu­schung ist Solingen 1993 deshalb nicht nur ein faschis­ti­sches Fanal gewesen – es war für uns eine gemein­same antifa­schis­ti­sche Erfah­rung und ein dauer­haftes Signal, dass Nazis in unseren Vierteln keine Chance haben. Die gemein­same Erfah­rung, den Nazis entge­gen­zu­treten, darf nicht in Verges­sen­heit geraten – sie ist heute wichtiger denn je. Es gilt auch heute, bedrohten Nachbarn und Nachba­rinnen beizu­stehen – auch wenn sich alltäg­li­cher rassis­ti­scher Hass und öffent­liche Hetze inzwi­schen oft gegen andere Bevöl­ke­rungs­gruppen, wie z.B. die Roma, richten. Die  zuneh­mende rassis­ti­sche Hetze und die Skandale um die Morde des « NSU » belegen, dass es wieder darauf ankommt :

Eindeutig zu zeigen, wo wir stehen.

Lasst uns deshalb am Samstag, den 25.05. und am Mittwoch, den 29.05. gemeinsam nach Solingen fahren und zusammen gegen Rassismus, Nazis und staat­liche Vertu­schung und Kompli­zen­schaft demons­trieren. Schulter an Schulter !

Andau­ernde Hetze ! 20 Jahre und kein Ende !

Am 26.05.1993 wurde durch eine infor­melle große Koali­tion aus CDU, SPD und  FDP die fakti­sche Abschaf­fung des Asylrechts beschlossen. Dem waren unver­gleich­liche Hetze von Politik und Medien gegen so genannte « Schein­asy­lanten », auslän­der­feind­liche Anschläge und Pogrome voraus­ge­gangen. Am « Tag X » verloren Menschen auf der Flucht ihr verbrieftes Recht auf Asyl, das aus bitteren Gründen nach der Befreiung vom Natio­nal­so­zia­lismus ins Grund­ge­setz der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land geschrieben worden war. Nur drei Tage nach der Entschei­dung zur Abschaf­fung des Grund­rechtes auf Asyl brannte in Solingen am « Bären­loch » das Wohnhaus der Familie Genç. Fünf Menschen verloren ihr Leben. Angezündet wurde es von Neonazis, die sich durch die Entschei­dung der deutschen Politik in ihrer Menschen­ver­ach­tung bestärkt sehen mussten.

Inzwi­schen haben viele tausende Flücht­linge und Migran­tInnen die Entschei­dung zur Abschaf­fung des Grund­rechtes teuer bezahlt. Und noch immer sehen sie sich unver­min­dertem Druck und alltäg­li­chem Rassismus ausge­setzt, etwa, wenn Famili­en­an­ge­hö­rige aus der Türkei keine Visa für einen Besuch ihrer Verwandten in Deutsch­land erhalten. Inzwi­schen wird auch wieder offen gehetzt, diesmal gegen « Armuts­flücht­linge » aus Osteu­ropa, womit übler Rassismus geschürt wird. Gerade erst forderte die NRW-CDU durch ihren Frakti­ons­vor­sit­zenden Laumann ein « hartes Durch­greifen des Staates » – fast mit identi­schen Worten wie bei der Hetze gegen « Schein­asy­lanten » vor 20 Jahren.

Was dem einen sein Wohlleben ist dem anderen sein Schmitt
 
Die bekannt­ge­wor­denen Verstri­ckungen deutscher Behörden in die Mordserie des « NSU » haben viele Vorläufer in der Bundes­re­pu­blik. Ein beson­ders mörde­ri­scher war der Brand­an­schlag von Solingen 1993. Vieles, was im Zusam­men­hang mit dem Anschlag auf das Wohnhaus in der Unteren Werner­straße herauskam, erinnert fatal an die behaup­teten « Pannen­se­rien » in Bezug auf das V-Leute-System des Verfas­sungs­schutzes. Stehen jetzt Namen wie der von Ralf Wohlleben im Fokus, so konzen­trierte sich damals alles auf die Rolle der Solinger « Kampf­sport­schule » « Hak Pao », die als Treff­punkt und Kader­schmiede von Nazis bekannt war. Ihr Leiter, Bernd Schmitt, war ebenfalls V-Mann des Verfas­sungs­schutzes. Unter seiner Anlei­tung trainierten alle vier wegen des Anschlages Verur­teilten zusammen mit anderen Nazis. Es war das System des Paktie­rens und Prote­gie­rens, das damals fünf Opfer forderte und später zu zehn Morden des « NSU » geführt hat. Aus den Ereig­nissen von 1993 wurden keinerlei Konse­quenzen gezogen. Wer sich mit den vielen ungeklärten Fragen rund um den Brand­an­schlag von Solingen beschäf­tigt hat, hat jedes Vertrauen in die « Refor­mier­bar­keit » bundes­deut­scher Geheim­dienste verloren. Es ist deshalb absolut notwendig, die Auflö­sung des Verfas­sungs­schutzes voran­zu­treiben.

Die gleiche dunkle Konti­nuität ist im Übrigen auch bei der ermit­telnden Polizei­be­hörde auszu­ma­chen, nament­lich beim damals zustän­digen Wupper­taler Polizei­prä­si­dium : Damals wie heute wird die Existenz gewalt­be­reiter nazis­ti­scher Struk­turen herun­ter­ge­spielt oder sogar im Sinne eines freund­li­chen Images der betrof­fenen Städte geleugnet. Die fünf Ermor­deten von Solingen haben niemals dazu geführt, dass das Wupper­taler Polizei­prä­si­dium wach geworden ist, wie die Vorgänge um die Ermitt­lungen zum Nazi-Überfall auf das Wupper­taler « Cinmaxx»-Kino gerade erst wieder gezeigt haben – allen Beteue­rungen durch die so « hellwache » Polizei­prä­si­dentin des Wupper­taler Präsi­diums, Birgitta Rader­ma­cher, zum Trotz.

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Robert Maus gehört als WZ-Chefredakteur abgelöst !

Es ist gleich, ob diese Vorwürfe stimmen – es geht darum wie die Stadt im Rest der Republik wahrge­nommen wird.

Diesen Satz fabri­zierte Robert Maus, Chefre­dak­teur des Wupper­taler General Anzei­gers - Westdeut­sche Zeitung am 05.November 2012 in einem Kommentar zum Bericht des ZDF heute-Journals vom 04.11.2012, in dem der Fernseh­sender dankens­wer­ter­weise über den zum Teil skanda­lösen Umgang von Stadt­spitze, Polizei­prä­si­dium und Justiz mit den in der Stadt aktiven Nazis berichtet.

Selten zuvor hat ein einziger Satz so deutlich die Gründe für das Versagen der Wupper­taler Politik und Behörden beim Namen genannt. Es ist eben „ganz gleich”, ob wirklich ungestraft Leute geschlagen werden, ob Schläger ein Kino überfallen, oder ob massiv Hetze in der Stadt verbreitet wird – es kommt darauf an, wie die Stadt dasteht, falls es rauskommt.

Was sollen denn da die Nachbarn denken?” Dieser Leitsatz klein­bür­ger­li­chen Vertu­schens, Wegse­hens und Verschwei­gens, leitet auch Herrn Maus, der sich um den Ruf der Stadt sorgt, in der sein Monopol­blätt­chen alles dafür tut, den Einhei­mi­schen ein heime­liges, ruhiges und harmloses Wuppertal zu verkaufen. Daher finden in der „WZ” auch so selten soziale Ausein­an­der­set­zungen statt, daher berichtet die Zeitung kaum offen über politi­sche Desaster und deshalb muss die Redak­tion des „General Anzei­gers” auch beim Benennen der örtli­chen Nazistruk­turen von den Kollegen des lokalen kosten­losen Anzei­gen­blattes „Wupper­taler Rundschau” zum Jagen getragen werden. Und deshalb steht der Feind des Robert Maus auch immer „links”, vor allem bei der Antifa. Denn die halten einfach nicht den Mund. Die machen dem Robert Maus, dem Peter Jung und der Birgitta Rader­ma­cher ihr schönes Tal kaputt.

Wuppertal hat nicht nur ein Nazipro­blem. Es hat ein Problem des Nicht-Wahrhaben-Wollens. Und das wiegt ebenso schwer. Vor allem, wenn sich die vergilbten Häkel­gar­dinen, die flugs zugezogen werden, wenn jemand guckt, im Kopf des Chefre­dak­teurs der einzigen Zeitung dieser Großstadt befinden.

Robert Maus gehört als Chefre­dak­teur umgehend abgelöst. Punkt.

Der Beitrag des ZDF- heute-Journals vom 04.11.2012 :

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