Alles Terrorismus ! Prozessauftakt gegen Latife.

Vor zwei Jahren wurde unsere Mitstrei­terin und Freundin Latife durch ein SEK-Rollkom­mando frühmor­gens in ihrer Wohnung überwäl­tigt und festge­nommen. An dieser Stelle wurde mehrfach über die Sache berichtet. Vorge­worfen wurde ihr, als Vorsit­zende des Vereins „Anato­li­sche Födera­tion” die Mitglied­schaft und Unter­stüt­zung in/von einer „auslän­di­schen Terror­ro­ga­ni­sa­tion”, gemeint ist die türki­sche DHKP-C. Nach 41 Tagen, die sie teilweise in Isola­ti­ons­haft verbringen musste, kam die zweifache Mutter und Laden­be­sit­zerin wieder frei. Seither wartete Latife auf den Prozess­be­ginn.

Letzten Donnerstag begann nun das §129-Verfahren am OLG Düssel­dorf im Hochsi­cher­heits-Gebäude Kapellweg 36. Die Staats­an­walt­schaft wirft Latife eine „Funktio­närs­tä­tig­keit” für die DHKP-C vor und versucht, die gesamte Vereins­tä­tig­keit der „Anato­li­schen Födera­tion” zu krimi­na­li­sieren. Vorge­worfen werden Latife daher auch einige Demos, die sie zusammen mit dem so_ko_wpt organi­siert hat. Darunter sind die große Gedenk­de­mons­tra­tion in Solingen anläss­lich des 20.Jahrestags des mörde­ri­schen Brand­an­schlags in der Unteren Werner­straße, und die wöchent­li­chen Solidemos für den türki­schen Gezi-Aufstand im Sommer 2013. Sollte sich die General­staats­an­walt­schaft durch­setzen, droht nicht nur eine weitere Auswei­tung des Paragra­phen 129b, sondern auch eine bis zu zehnjäh­rige Haftstrafe für Latife.

Wir veruteilen den Versuch, politi­sche und antifaschsti­sche Arbeit zu krimi­na­li­sieren und werden den Prozess auch hier kritisch begleiten. Für eine regel­mä­ßige Bericht­erstat­tung haben „Freunde und Freun­dinnen von Latife” eine eigene Website einge­richtet, von der wir im Folgenden auch den Bericht zum ersten Prozesstag übernommen haben.

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Der erste Prozesstag im Verfahren wegen §129 gegen unsere Freundin Latife

Vorspiel

Das « Neben­ge­bäude » des Ober-Landes­ge­richts Düssel­dorf im Kapellweg 36 tut das, was das ganze Verfahren nach §129 gegen Latife tun soll : Es schüch­tert ein. Schon das Betreten des Hochsi­cher­heits­baus mit der Beton-Ästethik der bleiernen Zeit fordert von Besucher*innen und mehr noch von Beschul­digten ab, sich nicht beein­dru­cken zu lassen. Nach Durch­schreiten von hörbar in den Verschluss fallenden Zugangs­türen, peniblen Kontrollen und konfron­tiert mit an seiner Bewaff­nung herum­fin­gerndem Personal, das schon bloßes Inter­esse am Verfahren für poten­tiell gefähr­lich hält, wird sofort deutlich, worum es in diesem Gebäude geht : Um Unschäd­lich­ma­chung erkannter Feinde. Aufrecht­erhalten wird unter diesen Umständen eine Minimal­va­ri­ante von Rechts­staat­lich­keit, die dem Staat die Legiti­ma­tion geben soll Angeklagte zu isolieren, zu brechen und wegzu­sperren. Erwar­tungen an echte Beweis­füh­rung und Ergeb­nis­of­fen­heit eines Verfah­rens werden in den kalten Räumen des OLG von Anfang an zurecht­ge­stutzt.

Ganz verschie­dene « Feinde des Recht­staats » durch­laufen diese Prozedur seit Jahren. Zuletzt sind unter ihnen auch radikal­re­li­giöse Fanatiker, die als Unterstützer*innen des « islamis­ti­schen » Terrors angeklagt sind, seit Jahren jedoch sind es meistens Linke verschie­dener Gruppen, die hier abgeur­teilt werden sollen. In den wenigsten Fällen wird ihnen der Prozess wegen konkreter Verbre­chens­vor­würfe gemacht : Kaum eine/r der hier Angeklagten hat je Dinge getan, die irgendwen in Deutsch­land geschä­digt oder gar verletzt hätten. Die Anklagen beziehen sich zumeist auf den §129b, der 2003 einge­führt wurde, vorgeb­lich als Reaktion auf die Anschläge am 11.9.2001 in New York. « 129b » bedeutet, durch eine willkür­lich definierte Tätig­keit von hier aus eine auf der ebenso willkür­lich ausge­wählten inter­na­tio­nalen Terror­liste befind­liche Organi­sa­tion in irgend­einem Winkel der Welt unter­stützt zu haben.

« Unter­stüt­zung » heißt dabei « Propa­ganda », « Geldsamm­lung » oder auch etwas ganz anderes – im Kern wird den Beschul­digten immer eine inter­na­tio­na­lis­ti­sche solida­ri­sche Handlung vorge­worfen. Die kann z.B. aus Zeitschrif­ten­ver­kauf, der Organi­sa­tion von Veran­stal­tungen oder Konzerten oder auch ganz anderen legalen « Taten » bestehen. Genera­tionen deutscher « Internationalist*innen » wären im Knast gelandet, wenn es zur Zeit von « Waffen für El Salvador » oder anderen Kampa­gnen den Paragra­phen 129b bereits gegeben hätte. Heute sind von den Anklagen zumeist Migrant*innen betroffen, die oft genug nach einer Flucht vor faschis­ti­schen Regie­rungen in Deutsch­land gelandet sind. Ihnen wird eine Unter­stüt­zung von Organi­sa­tionen wie zum Beispiel der PKK vorge­worfen, die trotz der verän­derten Kriegs­lagen in Syrien und im Irak ihren Eintrag auf der Terror­liste nicht verloren hat. Angeklagt sind aber seit Jahren auch immer wieder lange in Deutsch­land lebende türki­sche Linke, denen alter­nativ zur PKK eine aktive Unter­stüt­zung etwa der TKP oder der DHKP-C vorge­worfen wird, die in der Türkei – teilweise seit den Zeiten des Militär­dik­tatur – militant für ihre Ziele kämpfen.

Die Wellen der Repres­sion gegen hier lebende vermeint­liche Sympathisant*innen einzelner Organi­sa­tionen haben dabei eine eigene Konjunktur. Je nach Lage in der Türkei und je nach Lage für die dort jeweils Regie­renden, erwischt es mal die eine, mal die andere Struktur exiltür­ki­scher und -kurdi­scher Menschen. Derzeit steht beson­ders die TKP im Fokus der Bundes­an­walt­schaft, vermut­lich, weil sie eine beson­dere Rolle im Kampf an der Seite der syrischen Kurd*innen im Krieg gegen die von der Türkei unter­stützten IS-Milizen einnimmt. Erst im April kam es in diesem Zusam­men­hang zu einer Welle von Razzien gegen linke Türk*innen in Deutsch­land. Im Sommer 2013 – während des Gezi-Aufstands in vielen türki­schen Städten – waren hingegen haupt­säch­lich Menschen im Visier, denen deutsche Ermittler*innen Sympa­thien für die DHKP-C unter­stellten. Kampf­erfah­rene, militante Struk­turen dieser Organi­sa­tion waren u.a. damals nicht unwichtig bei der Vertei­di­gung bestimmter Stadt­teile und Viertel gegen die Truppen Tayip Erdogans. Soviel sollte man wissen.

Ouver­türe

In jenem Sommer 2013 kam es auch zur Verhaf­tung unserer Freundin Latife als Vorsit­zende des einge­tra­genen Vereins « Anato­li­sche Födera­tion », mit der uns eine langjäh­rige gemein­same antifa­schis­ti­sche und linke Arbeit in Wuppertal verbindet. Am Morgen des 26. Juni stürmte ein SEK ihre Wohnung und verhaf­tete die unbewaff­nete Frau vor den Augen ihrer 14-jährigen Tochter. Weitere Beamt*innen durch­suchten zur gleichen Zeit ihr kleines Einzel­han­dels­ge­schäft und ihren Klein­garten sowie die Räume der « Anato­li­schen Födera­tion », die ihren Sitz in Wuppertal hat. Der Verein, der sich für Rechte in Deutsch­land lebender Migrant*innen und geflüch­teter Menschen und immer wieder auch gegen Faschismus und Nazis einsetzt, war und ist auf dem Wuppertal-Elber­felder Ölberg ein Akteur, der sich gerne an den Festen im Quartier und an anderen nachbar­schaft­li­chen Aktivi­täten betei­ligt. Viele kannten und kennen Latife daher als immer solida­ri­sche und zuver­läs­sige Freundin ; ihre Mitar­beit in antifa­schis­ti­schen Initia­tiven und Bündnissen war selbst­ver­ständ­lich.

Beson­deres Inter­esse der Bundes­an­walt­schaft hatte 2013 das Konzert der in der Türkei sehr populären « Grup Yorum » in Oberhausen geweckt. « Grup Yorum », die in der Türkei selber oft Repres­sionen ausge­setzt sind, gelten für viele linke Kurd*innen und Türk*innen spektren­über­g­ei­fend als Flagg­schiff glaub­wür­digen kultu­rellen Wider­stands. Ihr großes Konzert in Oberhausen fand auf dem Höhepunkt des « Gezi-Wider­stands » statt und war daher ein zentrales Ereignis auch der Solida­ri­täts­be­we­gung, die sich im Sommer 2013 fast täglich auch in NRW auf der Straße einfand, um gegen die Repres­sion der AKP zu protes­tieren. Es kamen schließ­lich mehr als 10.000 Menschen zum « Grup Yorum » Konzert, die Stimmung in der « Arena » war sehr eupho­risch. Die General-Staats­an­walt­schaft in Düssel­dorf warf Latife vor, Tickets für den Abend verkauft zu haben – mit dem angeb­li­chen Ziel, durch den Erlös die DHKP-C zu unter­stützen.

41 Tage lang wurde Latife in der Folge einge­sperrt – zu Beginn unter den Bedin­gungen der Isola­tion, später unter leicht gelockerten Umständen. Wegen zweier minder­jäh­rigen Töchter und ihres fest in Wuppertal veran­kerten Lebens kam sie schließ­lich auf Kaution frei. Sie erlebt den nun im OLG Düssel­dorf statt­fin­denden Prozess auf freiem Fuß, wenn auch mit teilweise erheb­li­chen Auflagen. Das ist ein seltenes Glück, müssen andere Beschul­digte doch oft jahre­lang in Haft auf ihr Verfahren und dessen Abschluss warten : Die am selben Tag wie Latife Inhaf­tierten sitzen so seit Juni 2013 im Knast. Bei anderen, wie dem schwer erkrankten, wegen Mordes angeklagten und vor kurzer Zeit nach einer für die Staats­an­wälte unrühm­li­chen Verfah­rens­ein­stel­lung freige­las­senen Faruk Ereren, kann das dann auch schonmal sieben Jahre dauern.

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Optimismus. Zur Tagung „Repression in der Türkei“.

Am Sonntag, den 25.08. organi­sierte das so_ko_wpt (soli-komitee wuppertal) gemeinsam mit kurdi­schen, türki­schen und deutschen Freunden und Freun­dinnen eine ganztä­gige Tagung zur Repres­sion in der Türkei und zur Kolla­bo­ra­tion des deutschen Staates mit dem türki­schen Sicher­heits­ap­parat. Ziel der Veran­stal­tung war die Vertie­fung gegen­sei­tigen Verständ­nisses und die Schaf­fung einer neuen, vertrau­ens­vollen Basis für zukünf­tige Zusam­men­ar­beit.

Das Programm der Tagung war anspruchs­voll, die Liste der Referen­tinnen und Referenten beinahe zu lang. Die einzelnen Panels litten etwas unter der dadurch entste­henden Zeitnot. Die ursprüng­lich geplante abschlie­ßende Runde zur Entwick­lung gemein­samer Perspek­tiven musste leider sogar ganz entfallen ; und der nach der Tagung im Open Air-Kino gezeigte Film « Typ F », der das menschen­ver­ach­tende System der nach BRD-Vorbild entstan­denen Isola­ti­ons­knäste der Türkei eindrück­lich darstellt, war leider weniger gut besucht als die acht beein­dru­ckenden, von verschie­denen Regis­seu­rInnen gefilmten Kurzge­schichten über politi­sche Gefan­gene es verdient hätten.

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Tagung zur Repres­sion in der Türkei - Wuppertal, 25.08.2013

Die vorher­ge­hende Tagung war jedoch erfeu­lich gut besucht. Den Tag über folgten beständig zwischen 35 und 60 Gäste den Beiträgen und Diskus­sionen. Deren vorherr­schende Tendenz war Optimismus, der vor allem aus den Massen­pro­testen in der Türkei infolge der verschie­denen Räumungen des Taksim-Platzes und den Tagen des Gezi-Parks genährt wird. Die Zuver­sicht beschränkte sich dabei jedoch nicht auf die Istan­buler Aktivis­tInnen des Gezi-Parks, die auf ihrer « Platz der Träume»-Tour durch Deutsch­land  einen Zwischen­stopp einlegten.

Neue Bündnisse

Auch die organi­sierte türki­sche Linke erhofft sich von der erfolgten Politi­sie­rung einer zuvor häufig eher als unpoli­tisch wahrge­nommen, sehr jungen Bevöl­ke­rung – das Durch­schnitts­alter der türki­schen Bevöl­ke­rung liegt unter 30 Jahre – einen neuen Schub. Dies auch im Hinblick auf die Aufmerk­sam­keit für inhaf­tierte Genossen und Genos­sinnen. Der Höhepunkt von deren Kampf gegen die Haftbe­din­gungen der « Typ F»-Gefängnisse ist nun einige Jahre her, und ihr Schicksal war etwas aus dem Fokus der kriti­schen Öffent­lich­keit geraten. Die Verhaf­tungs­wellen der letzten Monate, die sich diesmal auch gegen viele « Unorga­ni­sierte » richteten, und der gemein­same Kampf um ihre Freilas­sung haben das wieder geändert. « Neue Bündnisse » seien entstanden, die sich unter anderem der Aufgabe widmen müssen, genügend Rechts­bei­stände zu organi­sieren, nachdem auch viele linke Anwäl­tinnen und Anwälte der Repres­si­ons­ma­schine zum Opfer gefallen sind und an der Ausübung ihrer Mandate gehin­dert werden.

Die türki­sche Staats­macht war im Zuge der Verhaf­tungs­wellen auf der verzwei­felten Suche nach « Anfüh­rern » und « Struk­turen », so berich­teten die Aktivis­tInnen aus dem Gezi-Park. Eine Suche, die aufgrund der Art des Protests und der zumeist spontanen Organi­sa­tion schei­tern musste. Die fast schon routi­ne­mä­ßigen Razzien gegen linke Struk­turen und die Verhaf­tung von dort tätigen Menschen, die im Anschluss an die Demons­tra­tionen in mehreren Nächten in allen größeren Städten der Türkei erfolgten, müssen auch vor diesem Hinter­grund gesehen werden : In den Augen des türki­schen Staates musste irgendwer den Aufstand schließ­lich organi­siert haben… Fündig wurde er bei den Razzien nicht.

Für diesen Schlag ins Leere revan­chiert sich der türki­sche Staat bis heute. Die meisten Linken, die nach dem 31.05. verhaftet wurden, sind nach wie vor in den Gefäng­nissen verschwunden, während die meisten der unorga­ni­sierten jungen Aktivis­tInnen inzwi­schen wieder frei sind und jetzt draußen auf ihre Prozesse warten. Bei ihnen begnügte sich die Staats­macht quasi mit dem Zeigen ihres Repres­sions-Instru­men­ta­riums, in der Hoffnung den Wider­stand damit brechen zu können. Eine Hoffnung, die ebenso enttäuscht werden dürfte wie die Suche nach « Rädels­füh­rern » : Die Aktivis­tInnen aus Istanbul prognos­ti­zierten schon für den Herbst ein neues Erstarken der Protest­be­we­gung.

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Zuver­sicht bei den Aktivis­tInnen aus Istanbul

Begründet wurde diese Zuver­sicht von allen Anwesenden mit der Erfah­rung des spektren­über­grei­fenden Wider­stands der letzten Wochen und Monate. Eupho­risch wurde von den verschie­denen Akteuren der Proteste berichtet, die in ihrer Gesamt­heit den Charakter des Aufstands ausmachten. Von der « Recht auf Stadt»-Bewegung über LGBT-Aktivis­tInnen und Feminis­tinnen bis zu Gewerk­schaf­te­rInnen, « antika­pi­ta­lis­ti­schen Muslimen und Muslimas » und « klassi­schen » linken Organi­sierten reichte die Opposi­tion gegen die AKP-Regie­rung in den Tagen des Gezi-Parks. Die starke Repres­sion mit Tonnen an Tränengas und allge­gen­wär­tigen Wasser­wer­fern, vielen willkür­li­chen Inhaf­tie­rungen und Verboten habe die Bewegung nicht geschwächt, sondern im Gegen­teil erst stark gemacht. Darin waren sich die Anwesenden relativ einig.

Und trotz einiger Uneinig­keiten über die histo­ri­sche « Einzig­ar­tig­keit » der gemein­schaft­li­chen Kampf­erfah­rung teilten alle Teilneh­menden auch die Einschät­zung, dass durch die Repres­sion des Erdogan-Regimes und die gemein­same Gegen­wehr auch für die Zukunft eine neue Qualität gegen­sei­tiger Unter­stüt­zung entstehen könnte. Eine Einschät­zung, die auch von teilneh­menden kurdi­schen Akteuren geteilt wurde. Von der bei ähnli­chen Gelegen­heiten früher manchmal auftre­tende « Konkur­renz » um die « schlimmsten » Erfah­rungen mit dem türki­schen Staat und um die « größten Opfer » im revolu­tio­nären Kampf war diesmal nichts zu spüren.

Inter­na­tio­naler Fokus

Die Konzen­tra­tion der kurdi­schen Aktivis­tInnen gilt zur Zeit ohnehin mehr der Situa­tion in Rojava (West-Kurdi­stan, auf syrischem Staats­ge­biet) und der verzwei­felten Lage der dort vom Bürger­krieg betrof­fenen Menschen. Die Rolle Süd-Kurdi­stans (das ist das autonome kurdi­sche Gebiet im ehema­ligen Irak) erscheint dabei fragwürdig, da die kurdi­sche Autono­mie­re­gie­rung wirtschaft­lich – und wohl auch politisch – gut mit der türki­schen Regie­rung koope­riert. Das wird trotz des einge­lei­teten Friedens­pro­zesses zwischen türki­scher Regie­rung und PKK durchaus kritisch beurteilt. Denn dieser so genannte Friedens­pro­zess steht auf tönernen Füßen. Zuviele kurdi­sche Forde­rungen, z.B. nach einer eigenen Ordnungs­po­litik in Kurdi­stan sind nach wie vor unerfüllt. Es stellt sich die Frage, für welchen Zweck der noch immer laufende Abzug der PKK-Kämpfe­rInnen eigent­lich erfolgt. Dazu passt, dass von der Repres­sion der türki­schen Behörden gegen kurdi­sche Aktivisten und Aktivis­tinnen bislang nichts zurück­ge­nommen worden ist : Noch immer sitzen sie in den Knästen, noch immer leiden sie dort unter unerträg­li­chen Haftbe­din­gungen. Die ohnehin nur oberfläch­lich statt­fin­dende « Befrie­dung » Kurdi­stans könnte vor diesem Hinter­gund, und speziell nach den neuesten Entwick­lungen um den Syrien-Krieg, schnell zuende sein.

Auch das verdeut­licht, dass alle Entwick­lungen, Kämpfe und Repres­sion in der Türkei immer auch Teil inter­na­tio­naler strate­gi­scher Inter­essen sind. Die aktuelle Regie­rung unter Erdogan handelt nicht nur als Revival osmani­scher Großmacht­phan­ta­sien, sie ist auch ein strate­gisch wichtiger NATO-Partner. Die brutale Unter­drü­ckung der Aufstände der letzten Monate mag für einige europäi­sche Regie­rungen etwas zu harsch gewesen sein,- in der Tendenz wird Erdogans Versuch, die « Stabi­lität » des türki­schen Staates um jeden Preis zu wahren, bedin­gungslos unter­stützt. Das führt auch – allen verbalen Distan­zie­rungen zum Trotz – zu einer unbeein­träch­tigten Kooope­ra­tion der deutschen Regie­rung und deutscher Sicher­heits­ap­pa­rate mit ihren türki­schen Pendants.

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Andrej Hunko (DIE LINKE) berichte über deutsche Koope­ra­tion

Das machte im zweiten Teil der Tagung der Bundes­tags­ab­ge­ord­nete Andrej Hunko (DIE LINKE) am Nachmittag klar, der von der militä­ri­schen, polizei­li­chen und geheim­dienst­li­chen Zusam­men­ar­beit Deutsch­lands mit dem « strate­gisch wichtigen NATO-Partner » Türkei berich­tete. Dabei schlug er einen Bogen von der Liefe­rung von Panzern, die zur Unter­drü­ckung kurdi­schen Wider­stands einge­setzt wurden, über die Ausbil­dung türki­scher Polizisten bei der hessi­schen Polizei bis hin zur Straf­ver­fol­gung auf der Basis des Paragra­phen 129b und der europäi­schen « Terror­liste », die ohne jede demokra­ti­sche Kontrolle in EU-Kommis­sionen festge­legt wird.

Einer der repres­sivsten Staaten der Welt”

Diese Liste und die entspre­chenden « Terrrorismus»-Paragraphen wurden nach dem 11.9.2001 einge­führt, werden aber laut Hunko in der Haupt­sache gegen Linke einge­setzt. Die Türkei hat sich trotz einiger - einem mögli­chen EU-Beitritt geschul­deter - Korrek­turen zu einem der repres­sivsten Staaten der Welt entwi­ckelt. Bis zu 13.000 Menschen wurden aufgrund der inter­na­tio­nalen « Terror­pa­ra­gra­phen » seit ihrer Einfüh­rung in der Türkei inhaf­tiert, darunter hunderte Journa­listen. In der Türkei befinden sich mittler­weile mehr Journa­listen in Haft als in der Volks­re­pu­blik China. Die Koope­ra­tion deutscher Behörden und Unter­nehmen findet dabei häufig im Verbor­genen statt, sagt Andrej Hunko. Auch als Abgeord­neter stößt er bei seiner Arbeit dabei immer wieder an Grenzen, vieles unter­liegt der Geheim­hal­tung. Teils wird er in seiner Arbeit behin­dert, wenn er der türki­schen Regie­rung « unlieb­same » Gesprächs­part­ne­rInnen treffen will, teils verwei­gert die Bundes­re­gie­rung einfach die Auskunft : Die Anfrage der LINKEN nach jenen Unter­nehmen, die Tränengas an die türki­sche Polizei gelie­fert haben und liefern, blieb beispiels­weise « aus Rücksicht auf unter­neh­me­ri­sche Interssen » schlicht unbeant­wortet.

Wie sehr speziell die grenz­über­schrei­tende Straf­ver­fol­gung mithilfe der « Terror­pa­ra­gra­phen » in Deutsch­land lebende türki­sche und kurdi­sche Menschen betrifft, wurde auch in der abschlie­ßenden Runde zur Repres­sion in Deutsch­land deutlich. Gerade erst vor zwei Monaten, am 26.Juni, erfolgten bundes­weit Razzien und Verhaf­tungen, von denen diesmal Angehö­rige der « Anato­li­schen Födera­tion » betroffen waren. Fast zeitgleich ergingen in Frank­furt Urteile mit mehrjäh­rigen Haftstrafen gegen zwei kurdi­sche Aktivisten. Auch in Wuppertal kam es am 26.06. zu zwei Festnahmen. Während unsere Freundin Latife inzwi­schen gegen Kaution wieder frei kam, befindet sich der ebenfalls an jenem Mittwoch verhaf­tete Muzaffer noch immer im Knast. Die Bundes­an­walt­schaft versteht sich dabei offen­kundig als « verlän­gerter Arm » der türki­schen Behörden. So kommt es auch immer wieder zu Auslie­fe­rungen türki­scher oder kurdi­scher Aktivis­tInnen aufgrund des „Europäi­schen Auslie­fe­rungs­ab­kom­mens”, bei denen von der Türkei Gesuchte aufgrund deutscher Haftbe­fehle aus anderen europäi­schen Ländern in deutsche Knäste ausge­lie­fert werden. Ziel dieser Maßnahmen ist ganz offen­sicht­lich, die inter­na­tio­nale Vernet­zung der Repres­sion zu perfek­tio­nieren.

Der berühmt-berüch­tigte Ausspruch des ehema­ligen BKA-Chefs Herold, « Wir kriegen sie alle ! », soll offenbar mit immer abgestimm­teren Verfahren über alle Länder­grenzen hinweg in die Realität übertragen werden. Dieser Entwick­lung ist nur schwer etwas entge­gen­zu­setzen. Gemein­samer Wider­stand erfor­derte auf linker Seite ebenso vernetzte inter­na­tio­nale Struk­turen, die – jenseits aller ideolo­gi­scher Unter­schiede – erfah­rungs­gemäß schon aus Mangel an Ressourcen nur schwer zu schaffen sind. Ein Weg könnte die bessere Anbin­dung türki­scher und kurdi­scher Genos­sInnen in hiesige Kämpfe und Gruppen sein. Wie Latifes Beispiel gerade erst gezeigt hat, fällt Solida­ri­täts­ar­beit und das Herstellen von Öffent­lich­keit natur­gemäß leichter, wenn Betrof­fene gut in aktive politi­sche Struk­turen vor Ort einge­bunden sind.

Vor diesem Hinter­grund sollte die Tagung nicht zuletzt der (Wieder-) Belebung einer politi­schen Zusam­men­ar­beit kurdi­scher, türki­scher und deutscher Gruppen in Wuppertal dienen. Und trotz der entfal­lenen Runde zu mögli­chen gemein­samen Perspek­tiven wurde am Sonntag hierfür ein guter Anfang gemacht. Die wechsel­sei­tige Kenntnis ist jeden­falls gewachsen, und mit den antifa­schis­ti­schen Aktivi­täten zur von den Nazis der Partei « die Rechte » geplanten « Schlacht von Wuppertal » am 21.September bietet sich für gemein­sames Agieren auch ein aktuelles Erpro­bungs­feld. Wenn unsere Tagung dazu beige­tragen hat, das bei den Wupper­taler Soli-Demos nach der Räumung des Gezi-Parks entstan­dene neue gegen­sei­tige Vertrauen zu stärken, hat sich der Aufwand gelohnt.

Für die solida­ri­sche Betei­li­gung daran möchten wir uns bei allen herzlich bedanken.

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