Unfähigkeit zu Trauern

 

Wupper Nachrichten vom 03.07.1993
Seite 6

Unfähig­keit zu Trauern
Persön­liche Betrach­tung nach Solingen – von Öndar Erdem

Pfingsten, Samstag­morgen. Beim Aufbruch in den Wochen­end­ur­laub, den ich gemeinsam mit meinem Freund Peter, dessen Tochter Lisa (9) sowie dem mir sehr naheste­henden türki­schen Jungen Cihan (10) zu verbringen gedachte, erfuhr ich von den Solinger Morden an fünf Türkinnen. Trotz eines momen­tanen Schocks gelang es uns nach einer kurzen Weile, diese „Nachricht” den Kindern in recht schonender Weise, wie wir meinten, mitzu­teilen. Kinder sind mitunter nachdenk­li­cher als wir Großen, doch entging mir nicht deren reser­vierte, wenn nicht gar unbeküm­merte Aufnahme der Mordnach­richt. Es fiel mir daraufhin leichter, in kurzer Zeit die Bilder von Toten und brennenden Häusern zu verdrängen. Zuweilen konnte ich drohende Tränen mit der mir selbst einge­re­deten Einflus­sIo­sig­keit verdrängen.

Nie jedoch habe ich die immer präsenten inneren Beben von Wut und Tränen gänzlich verschwinden lassen können. Das Schuld­ge­fühl, der Trauer bis dahin nicht richtig zu ihrem Recht und zu ihrem Ausdruck verholfen zu haben, trieb mich nach unserer Heimkehr zu den Solinger Demos. Ich hoffte, dort irgend­eine Form des gemein­schaft­li­chen Ausdrucks der Trauer finden zu können.

Das vorge­fun­dene Szenario war eine elende Enttäu­schung. Auf der einen Seite waren türki­sche Linke, die offenbar eine Chance sahen, der dumpfen Lethargie ihrer politi­schen Bedeu­tungs­lo­sig­keit zu entkommen und sich als die Banner­träger des Antifa­schismus zu profi­lieren, auf der anderen Seite die rechten Türken, welche nun ihrer­seits der rassis­ti­schen Barbarei einen ebenso barba­ri­schen und dummen türki­schen Chauvi­nismus „entge­gen­stellten”. Beide Seiten hatten mehreres gemeinsam ; beide betrieben die Objek­ti­vie­rung der Opfer. Deren Leiden wurde ausge­schlachtet, das Übrig­ge­blie­bene weiter­ver­ar­beitet zu Propa­gan­da­ma­te­rial, ihr Gewebe zur Frisch­zel­lenkur für welke politi­sche Gruppen verwendet.

Beide Seiten hatten etwas mit der kollek­tiven Geschichte der Mörder gemeinsam. Die Geschichte der (deutschen) Mörder ist von der Verdrän­gung der Massen­ver­nich­tung bestimmt, die insti­tu­tio­nelle und alltäg­li­chen Behand­lung der Bevöl­ke­rung nicht­deut­scher Herkunft von einer Termi­no­logie geprägt, die den Keim des Massen­mordes immer in sich getragen hat. Anderer­seits kann die Ignoranz so mancher Gegen­de­mons­tranten gegen­über dem konkreten Schicksal der Toten zum Aufbau eines Gegen­hasses führen. Dieser verdrängt die Existenz der deutschen Mitbür­gerlnnen als Menschen, als Indivi­duen, als Schick­sal­ge­nosslnnen, die womög­lich auch unter dem rassis­tisch verzerrten Antlitz der Gesell­schaft zu leiden haben. Als Ergebnis entsteht schließ­lich eine politi­sche Kultur der Destruk­tion, in der durch die Verdrän­gung des Menschlchen bereits die Möglich­keit eines Auswegs verbar­ri­ka­diert wird.

Das ist die „Unfähig­keit zu trauern”, die Verdrän­gung zugunsten ratio­naler Zielset­zungen ; die Entper­so­ni­fi­zie­rung der Opfer. Die Entmensch­li­chung der Opfer führt früher oder später dazu, daß sich das eigene Gesicht nicht mehr von der Fratze der Mörder unter­scheiden läßt.

Um einer zeitrau­benden, polemi­schen und überflüs­sigen Ausein­an­der­set­zung zuvor­zu­kommen betone ich, daß hier keine Gleich­set­zung von Nazis und ihren (vermeint­li­chen) Gegnern vorge­nommen wird. Vielmehr will ich auf ein mögli­ches Reakti­ons­muster hinweisen, daß uns keinen .Ausweg aus der herrschenden politi­schen Kultur weist.

Marga­rete und Alexander Mitscher­lich wiesen ja auf die Gefahr hin, zu der Verdrän­gung führen kann ; sie führt zur Einschrän­kung der Reali­täts­wahr­neh­mung mit der Folge sich ausbrei­tender Stereo­ty­pi­sie­rung von Vorur­teilen. Der entste­hende Mangel an sozialer Gestal­tungs­kraft und Phantasie führt letzt­end­lich zu Lösungs­me­cha­nismen, die den mecha­ni­schen Charakter der Vorur­teile in Taten umsetzen. Mit anderen Worten : Die ausblei­bende „Problem­be­wäl­ti­gung”, die im Freud­schen Sinne eine Folge von Erkennt­nis­schritten („erinnern, wieder­holen, durch­ar­beiten”) darstellt, führt statt zur Lösung von Problemen zu ihrer „Besei­ti­gung” - in diesem Falle zu Mord. Das Problem der Bewäl­ti­gung und Refle­xion ist eine mühse­lige Arbeit, die keine einfa­chen Antworten erlaubt…

Die Bundes--und Landes­re­gie­rung verfolgt konse­quent die unselige deutsche Verdrän­gungs­stra­tegie und macht in perverser Umkeh­rung der Ursachen die rebel­lie­renden Jugend­li­chen zum Haupt­ge­gen­stand der öffent­li­chen Debatte. Es folgt eine Verschie­bung der Schuld­zu­wei­sung, es wird polari­siert ; die türki­schen und kurdi­schen jugend­li­chen Protes­tie­renden finden sich auf der anderen Seite der Nazime­daille wieder. In der Tat gelingt es, dem Bewußt­sein eines Teils der deutschen Bevöl­ke­rung die Rebel­lie­renden als den rassis­ti­schen Mördern ebenbür­tige Krimi­nelle zu präsen­tieren. Gleich­falls sehen auch die Rassisten die in der Polari­sie­rung liegende Chance, es folgt eine Kette von Anschlägen, deren mögliche Zielset­zung in der weiteren Aufhei­zung der Atmosphäre zu suchen ist. Die deutsche Bevöl­ke­rung sieht sich von der offiziell verord­neten Trauer befreit und darf nun wieder um die ‚fried­liche’ Betrei­bung ihres AIItags­ge­schäfts bangen. Es liegt nun auf der Hand, wo die Stören­friede zu suchen sind : in den Reihender „türki­schen Randa­lierer”.

Auf zynische Weise bewahr­heitet sich die These der Mitscher­lichs, daß die „Unfähig­keit zu trauern” solange weiter­be­stehen wird, wie für den „Kranken”, der darunter leidet „der Gewinn aus der Verdrän­gung größer ist als das Leiden am Symptom”.  Nun scheint es drei Parteien zu geben, die aus diesem Prozeß der Polari­sie­rung ihren Nutzen ziehen : die deutschen Regie­rungs­in­stanzen sowie Teile der Bevöl­ke­rung, die vermit­tels Krimi­na­li­sie­rung den struk­tu­rellen Rassismus verdrängen ; die deutschen Nazis, die die Chance sehen, diesen Rassismus zu schüren ; und die türki­schen Faschisten, die hierin ihre Chance zum politi­schen Aufschwung sehen.

Die türki­schen Jugend­li­chen haben die Verhält­nisse zum Tanzen gebracht, aber auch die zahllosen türki­schen und deutschen ‚Normal­bürger’, Teile der deutschen Linken. Sie alle versuchten mühsam, die Trauer­ar­beit nicht in Opfer­aus­schlach­tung, sondern in bewußter sich erinnernder Umgestal­tung münden zu lassen.

Nur müssen wir alle.uns bei jeder Drehung darüber im klaren sein, auf wessen Hochzeit wir tanzen !

Es gibt die Gefahren einer verein­zelten, militanten Straßen­re­bel­lion. Türki­sche und kurdi­sche Kids befinden sich in diesen Formen der Ausein­an­der­set­zungen immer in der Gefahr, als Outlaws, gebro­chene Persön­lich­keiten, Opfer recht­li­cher Sanktionen heraus­zu­kommen. Dies alles ist möglich, und doch hatte die Rebel­lion wohl auf viele eine befrei­ende Wirkung. Sie war unaus­weich­lich ! Das Gefühl der Macht­lo­sig­keit nach Mölln war unaus­lösch­lich.

Solingen brachte den Zwang, ein Fanal zu setzen : Den unbedingten Willen zum Wider­stand. Nur : Dieser Wider­stand ist ein Aufbe­gehren ohne Mittel, ohne Macht !

Die Nächte von Solingen nach der Mordnacht haben signa­li­siert, daß es ohne Rechte, ohne alter­na­tive Mittel zum Wider­stand gegen rassis­ti­sche Bedro­hungen keinen Frieden in diesem Land geben wird. Ihre Trauer verbindet sich mit dem physisch spürbaren Gefühl der Angst, die ein wehrloses Wild auf freier Fläche hat. Die Wut ist ledig­lich die nach außen gekehrte Angst : die Gewalt !

Wir alle sind poten­ti­elle Opfer, wir alle sind gezwungen zu reflek­tieren. Und wir müssen uns vor allem eines klar werden : Wir sind eine leben­dige Realität der deutschen Gesell­schaft, weder nur das Eine noch nur das Andere. Wir sind beides !

Der Rückzug auf eine natio­na­lis­tisch geprägte türki­sche Identität kann für uns nur Verstüm­me­lung und Verlust bedeuten. Erinnern wir uns deshalb an den Aufruf Ralph Giordanos :

Niemals werden wir unseren Todfeinden wehrlos gegen­über­stehen - niemals. Lasst uns mithelfen, Verhält­nisse zu schaffen, unter denen nicht Deutsche guten Willens, nicht Ausländer, nicht Fremde, nicht Juden gefährdet leben, sondern Nazis, Neonazis und Skins.”

Öndar Erdem

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Verstörte Nation

 

Wupper Nachrichten vom 03.07.1993
Seite 7

Verstörte Nation
Nach Solingen wachsen die Spiel­räume zur Gestal­tung einer postvöl­ki­schen Gesell­schaft

Nach Hoyers­werda und Mölln schien sich eine typische Verlaufs­form öffent­li­cher Reaktionen auf die rassis­ti­schen Gewalt­akte einzu­spielen : Öffent­liche Bekun­dungen tiefster Betrof­fen­heit waren jeweils begleitet von Versu­chen politi­scher Entschul­dung unter Hinweis auf die angeb­lich unpoli­ti­schen und sozial degra­dierten Täter. Mit Demons­tra­tionen und Lichter­ketten zeigten „bessere Deutsche” den weltweiten Export­märkten ihre fried­volle Verab­scheuung der Taten, während die politi­sche Maschi­nerie der Ausgren­zung der Zuwan­derlnnen unter dem Schutz­schild simulierter Multi­kul­tu­ra­lität weiter­ar­bei­tete. Nach Solingen ist dieser Mecha­nismus gestört. In der anhal­tenden Irrita­tion der medialen Kollek­tiv­sym­bolik wird etwas von der globalen Krise der Nation-Form als zentraler Verge­sell­schaf­tungs­in­stanz sichtbar.

Anders als nach Hoyers­werda oder Mölln haben sich nach Solingen die Bedrohten von Opfern in Agierende verwan­delt. Die seit langen Jahren hier ansäs­sigen Arbeits­im­mi­grantlnnen die ökono­misch und sozial­kul­tu­rell alles andere als Randgruppen darstellen, lassen sich nicht ohne Wider­spruch auf reine Objekte politi­scher Macht­kal­küle reduzieren. Selbst wenn es gewollt würde : Was bei den Flücht­lingen in jahre­langer Medien­ar­beit an der Stereo­ty­pi­sie­rung des Kollek­tiv­feind­bildes „Asylant” gelungen ist, die Verwand­lung von Menschen mit Problemen in „das Problem” schlechthin, diese Stili­sie­rung von um Hilfe bittenden Opfern in abzuschie­bende Täter, stieße bei den Arbeits­im­mi­grantlnnen auf große Schwie­rig­keiten. Die zynische Diffe­renz liegt darin, daß es sich bei den Türkinnen nicht um Hilfe­su­chende handelt, sondern um die Kinder von angewor­benen Arbeits­kräften, um fakti­sche Mitglieder dieser Volks­wirt­schaft. Nach dem Solinger Anschlag auf die deutschen Türken ist beson­ders in den bergi­schen Städten eine Situa­tion entstanden, die den Wider­spruch zwischen dem sozial­öko­no­mi­schen Einwan­de­rungs­faktum und dem herme­ti­schen deutsch-völki­schen Natio­nal­be­griff aufbre­chen lässt. Das daraus entste­hende Klima der Irrita­tion lässt Spiel­räume für den Neube­ginn einer Politik entstehen, die die Multi­na­tio­na­lität anerkennt und bewußt gestalten will. Gleich­zeitig werden aber auch die immensen Schwie­rig­keiten deutlich, mit denen eine derar­tige Orien­tie­rung rechnen muß.

Ein oberfläch­li­cher Blick auf den zeitli­chen Ablauf der Bewäl­ti­gungs­ver­suche nach Solingen scheint zunächst zu bestä­tigen, was man an x anderen gesell­schaft­li­chen Schocks beobachten konnte : Auf eine kurze Phase der öffent­lich sich ausdrü­ckenden Schuld­ge­fühle, der Scham der Politiker, der Angst­be­kun­dungen der Nachba­rinnen und Betrof­fenen, folgt die sattsam bekannte Verdrän­gung dieser Katastro­phen-Indivi­dua­lität durch Schuld­über­wei­sung an die Extre­misten von Links und Rechts. Daß dieser Mecha­nismus diesmal nicht ganz funktio­nierte und sich deshalb die Topogra­phie der Entschul­dungs­land­schaft deutlich verän­dert hat, das hat mehrere Gründe :

Die Anschläge von Mölln und den folgenden Monaten, die Debatten um das Asylrecht hatten einen Teil der Bevöl­ke­rung derart sensi­bi­li­siert, daß im Augen­blick des Anschlags der Schock einen weitaus größeren Resonanz­boden fand, als man bisher gewohnt war. Begüns­tigt durch diese Resonanz ließen sich die türki­schen Immigrantlnnen nicht davon abhalten, breit und massiv und auf ihre eigene Weise den mörde­ri­schen Anschlag auf den Straßen zu verar­beiten. Dabei war ihnen die türki­sche Presse behilf­lich. Aufgrund dieser Resonanz, auch auf der inter­na­tio­nalen Bühne, verbot sich für die Staats­ap­pa­rate die schleu­nige repres­sive „Befrie­dung” der ausbre­chenden Riots in Solingen. Die alter­na­tive Deeska­la­ti­ons­stra­tegie der Polizei erlaubte das Ausufern der spontanen Wutaus­brüche zu Ansätzen einer eigenen Ritua­li­sie­rung, die weit über die Region hinaus Signal­cha­rakter bekam.
Die Politiker setzten frühzeitig darauf, über Demokra­ti­sie­rungs­an­ge­bote gegen­über der Einwan­de­rungs­be­völ­ke­rung die integra­ti­ons­wil­ligen „Auslän­der­führer” für sich einzu­nehmen. Dabei aber haben sie die Souve­rä­nität dieser Auslän­der­ver­treter gestärkt.

Die nachfol­genden Versuche, die Solinger Unruhen als das Werk von Rechts- und Links­ex­tre­misten hinzu­stellen, gingen nicht ganz auf, weil die Konstru­iert­heit dieser Unter­stel­lungen zu vielen Betei­ligten deutlich wurde. Zwar hat die überwie­gende Mehrheit der Bevöl­ke­rung das Rechts-Links-Schema akzep­tiert, aber gleich­zeitig ist es zu einer deutli­chen Verschie­bung der politi­schen „Mitte” gekommen. Lag vor Solingen die „Mitte” des politi­schen Diskurses eindeutig rechts von der SPD und war damit beschäf­tigt, die rechts­ex­tre­mis­ti­schen Ränder einzu­binden, so umfasst die „Mitte” de;” Diskurs­ord­nung nach Solingen auf einmal auch die seit langen Jahren resonanzlos vorge­tra­genen Forde­rungen der Immigrantlnnen nach Wahl- und Bürger­rechten. Die Bemühungen, das Links-Rechts-Schema einfach auch den türki­schen Immigrantlnnen überzu­stülpen, schei­terte dann an der Tatsache, daß die Menschen aus der Türkei sich ebenfalls unter­schied­li­chen Nationen zurechnen. Trotz oder gerade wegen der Aufwer­tung der deutsch-türki­schen Bezie­hungen nach Solingen haben die kurdi­schen Anschläge in der Bundes­re­pu­blik nicht dazu qeführt, daß die deutschen Medien die Anliegen des kurdi­schen Volkes völlig ignorierten oder diffa­mierten. Auch dies weist auf die Krise der National-Form medien­öf­fent­li­cher Symbo­li­sie­rung hin : Es gibt nicht mehr nur „uns Deutsche” samt unserer eigenen Abwei­chungen vom natio­nalen Konsens, jetzt gibt es „Türken”, „Kurden”, „Moslems”, „Graue Wölfe”, „PKK”… Es ist wie bei den russi­schen Puppen : In jeder Nation-Form steckt ei ?ne weitere und eine jede stellt neue Fragen an die Integra­ti­ons­kraft der deutschen Gesell­schaft.

In der derart erwei­terten und desin­te­grierten „Mitte” der Nation-Form ist nun auch jener Spiel­raum entstanden, in dem sich basis­de­mo­kra­ti­sche multi­na­tio­nale Bestre­bungen, wie die der Wupper­taler Stadt­teil­in­itia­tiven, ausbreiten könnten, solange die Motiva­tion ihrer Aktivistlnnen dies erlaubt. Das politi­sche Symbol­system in der Bundes­re­pu­blik ist an einem entschei­denden Bruch­punkt in Bewegung geraten. Wenn jetzt bewußt mit dieser Situa­tion umgegangen wird, besteht die Chance, bei der Gestal­tung einer Gesell­schaft auf nicht­völ­ki­scher Grund­lage wesent­liche Fortschritte zu erzielen.

Diesen Chancen und Hoffnungen stehen aller­dings auch Gefahren und Ängste entgegen. Auch sie scheinen vor allem damit zusam­men­zu­hängen, daß der deutsche Natio­na­lismus auf seinem eigenen Terrain Konkur­renz bekommen hat. Weil die tradi­tio­nelle Begriff­lich­keit der Nation, der Völker, von „links” und „rechts” zum Verständnis der komplexen Situa­tion nicht ausreicht, - auch dann nicht, wenn sie von „links” benutzt wird -, kommt es zu Mißver­ständ­nissen, die die Entwick­lung eines trans­na­tio­nalen Netzwerkes erschweren. So verkennt die Überstül­pung eines negativ bewer­teten „Natio­na­lismus” über alle kurdi­schen und türki­schen Aktivi­täten die vielfäl­tigen Diffe­renzen inner­halb der Einwan­derln­nen­be­völ­ke­rung. Wenn TürkInnen in Solingen mit dem Ruf „Die Türkei ist stark und mächtig” durch die Straßen zogen, so zeigt dies mehr die Verzweif­lung, daß sie als Immigrantlnnen eben nicht stark und mächtig sind, als die Existenz einer tatsäch­li­chen natio­na­lis­ti­schen Gefahr. Und türki­sche Natio­nal­fahnen auf ausge­brannten Häusern sind nur unter Aufbrin­gung einer erheb­li­chen Unsen­si­bi­lität als Zeichen eines offen­siven und aggres­siven Natio­na­lismus zu inter­pre­tieren. Wer diese Anzei­chen eines „schwa­chen Natio­na­lismus” aus Notwehr mit dem tatsäch­lich ebenfalls vorhan­denen „starken” und aggres­siven türki­schen Großmacht­chau­vi­nismus verwech­selt und beides allein auf der Folie der deutschen Erfah­rungen mit dem Natio­na­lismus begreift, nimmt sich jede Chance einer Zusam­men­ar­beit mit jenen Immigrantlnnen, die, auch das ist zu berück­sich­tigen, ihre Infor­ma­tionen aus chauvi­nis­ti­schen Fernseh­sen­dungen und Boule­vard­zei­tungen erhalten, aber nicht im (mittler­weile ja auch stark kriselnden) deutschen Sinne einer politi­schen Polari­sie­rung unter­worfen sind. Ähnli­ches gilt für den „schwa­chen Natio­na­lismus” der Kurdlnnen. Der türki­sche Staat führt Vertrei­bungs­feld­züge gegen die kurdi­sche Bevöl­ke­rung. Daß diese sich um die PKK als der einzige Kraft schart, die nicht vom türki­schen Staat korrum­piert ist, ist selbst­ver­ständ­lich. Wer die PKK zu einer stali­nis­ti­schen natio­na­lis­ti­schen Terror­gruppe reduziert, oder im Gegenzug deren Kampf über die reale Situa­tion hinaus ideali­siert, gewinnt keine Basis für eine ehrliche Zusam­men­ar­beit mit den kurdi­schen Immigrantlnnen. Die türki­sche Nation-Form ist keines­wegs stabiler als die deutsche. Genau dies, die Krisen­haf­tig­keit aller Versuche, diffe­rie­rende Inter­essen, Ansprüche und Wünsche unter Natio­nal­fahnen zu sortieren, müßte der Ausgangs­punkt einer post-natio­na­lis­ti­schen Bewegung sein.

Die zentrale Ausein­an­der­set­zung um die Gestal­tung einer post-völki­schen Gesell­schaft hier, ist nicht mit den deutschen oder „auslän­di­schen” Vertre­terlnnen eines „starken” Natio­na­lismus zu führen, sondern mit den national-liberalen Anhän­ge­rinnen einer „geläu­terten deutschen Nation”. Links von der CDU/CSU bildet sich gerade der Konsens heraus, daß den langjäh­rigen Arbeits­im­mi­grantlnnen die doppelte Staats­bür­ger­schaft erlaubt werden soll und daß sie das kommu­nale Wahlrecht bekommen sollen. Die augen­blick­liche Vehemenz, mit der diese Forde­rungen vorge­tragen werden, ist zwar eine neue Dimen­sion, im politisch-juris­ti­schen Kontext aber ist dahinter der Versuch zu entzif­fern, der Tatsache der krisen­haften Multi­na­tio­na­lität Deutsch­lands durch ein paar kosme­ti­sche Appen­dixe an der völki­schen Natio­nal­ver­fas­sung auszu­wei­chen. Nicht zu Unrecht wird kriti­siert, daß diese Forde­rungen an der Existenz rassis­ti­scher Gewalt in Deutsch­land nichts ändern werden. Wenn aus diesen jedoch ledig­lich die Konse­quenz gezogen wird, sich einseitig an alter­na­tiven Läute­rungs­vor­schläge zu orien­tieren, die die gerade aufge­wor­fenen Fragen der Multi­na­tio­na­lität verdrängen, dann ist nichts gewonnen. Ob man sich nun der tradi­ti­ons­reich geschei­terten Forde­rung annimmt, Deutsch­land mittels Verboten von der organi­sierten Rechten zu säubern, oder nach mehr Famili­en­för­de­rung, mehr Sozial­ar­beit, mehr Zensur­maß­nahmen gegen gewalt­ver­herr­li­chende Videos und vor allem mehr morali­schen Predigten verlangt, jedes Mal verleugnet man eine gesell­schaft­liche Entwick­lung, die eine Iäuter­bare, reparier­bare natio­nale Form der kollek­tiven Identi­täts­stif­tung bereits gesprengt hat. Die Diskus­sion über die eigene Identität Die Diskus­sion über die eigene Identität hier und die Anerken­nung der Anderen als Bestand­teil dieser Identität dort, baut eine gefähr­liche Schein­front auf. Als ginge es nur um die Frage, wer als Deutscher zu gelten habe und was dieses Deutsche sei.

Doppelte Staats­bür­ger­schaft und kommu­nales Wahlrecht ändern nichts am völki­schen Staats­an­ge­hö­rig­keits­be­griff des Grund­ge­setzes (Blutrechte der Herkunft), welcher im Vergleich zu den Terri­to­ri­al­be­griffen der Nation, die, wie in Frank­reich, oft zudem mit univer­sa­lis­tisch-aufklä­re­ri­schen Bestand­teilen angerei­chert sind, ein finsteres Relikt der Rassen­dis­kurse darstellt. Es ist aber nicht dieser Rassen­be­griff der Nation allein, der sich in der Krise befindet. Der univer­sa­lis­ti­sche Nationen-Begriff beispiels­weise Frank­reichs hat in der Vergan­gen­heit seine eigenen kolonia­lis­ti­schen Grausam­keiten hervor­ge­bracht und schüttet sich in der Gegen­wart ebenfalls mit Vehemenz gegen die globale Wande­rung ab. Die Infra­ge­stel­lung der Nation-Form staat­li­cher Organi­sa­tion ist keine deutsche Spezia­lität, wie die weltweiten Bürger­kriege und Flucht­be­we­gungen zeigen. Die Nation-Form ist den modernen Heraus­for­de­rungen der Weltver­ge­sell­schaf­tung nicht gewachsen und daß sie von Kriegs­herren überall gewählt wird, um an die spärli­chen Fleisch­töpfe einer desin­te­grierten Weltwirt­schaft in der Dauer­krise zu gelangen, ist kein Beweis dafür, daß man im Zentrum Europas nicht die Chance hätte, die Staats­ap­pa­rate zu entna­tio­na­li­sieren. Wie ? Indem man den Menschen, die als Einwan­derlnnen inner­halb oder als Zuarbei­terlnnen außer­halb der Grenzen dieses Landes die Existenz dieser Staats­ap­pa­rate aufrecht erhalten, wirkliche Parti­zi­pa­tions- und Bürger­rechte gibt. Und das ist nur möglich, wenn man sich von der Idee einer staat­lich zemen­tierten Schick­sals­ge­mein­schaft aller Einge­bo­renen auf einem einge­grenzten Terri­to­rium trennt und an ihrer Stelle die Produk­ti­ons­öf­fent­lich­keiten in den Fabriken, Verwal­tungen und Städten zu Subjekten der gesell­schaft­li­chen Entwick­lung macht. Ob sich das Zusam­men­leben in der postna­tio­nal­staat­li­chen Gesell­schaft glück­lich oder unglück­lich gestaltet, entscheidet sich unter diesen Vorgaben nicht in Kabinetten und Abschie­be­knästen, sondern in multi­na­tio­nalen Fabriken und Gewerk­schaften, auf Markt­plätzen und Straßen, in Stadt­vier­teln und Kommunen.

Knut Unger

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